Perspektiven  - Dezember 2001 - Januar 2002
Inhalt:  Unvollkommenes Weihnachtsfest           Masken: Das Biest in uns     
           Einheit der Christen                


Wie viel Unvollkommenheit verträgt die Einheit der Christen?

Im Wesentlichen Einheit,
im Nebensächlichen Freiheit,

in allem Liebe.

 


Ein Reisender sah einen Jungen indischer Abstammung, wie er am Hauptbahnhof in Kalkutta Traktate verteilte. Er freute sich an der offensichtlichen Begeisterung des jungen Inders. Da er neugierig war, ging er zu ihm hin und fragte ihn: »Sind Sie indischer Christ?« Worauf er die Antwort bekam: »Nein, ich bin kanadischer Mennonit!«

Dieser junge Inder identifizierte sich weit mehr mit der ausländischen Missionsgesellschaft als mit den wirklichen Wurzeln seines Glaubens und seiner nationalen Herkunft.

Ein Streiflicht, gewiss. Aber eines mit Aussagekraft! Wir haben oft vergessen, was wirklich zählt und einen könnte; stattdessen betonen wir, was nebensächlich ist und trennt!

Wie steht es um die Einheit der Christen?

Kleiden wir es in ein Bild: Nehmen wir an, die Einheit der Christen wäre wie ein Spiegel in einem festen Rahmen. Dann gäbe es diesen Spiegel tatsächlich immer noch. Der Rahmen hat sich nicht verändert. Noch immer spiegelt sich die Sonne darin. Starke Erschütterungen haben das Glas in viele Stücke zersplittern lassen, etliche sind aus dem Rahmen gefallen. Die reflektierten Lichtstrahlen weisen nicht mehr
in dieselbe Richtung. Das Bild, das man sieht, ist gebrochen. Noch immer ein Spiegel und doch einer, der durch viele kleine Spiegelscherben ein verwirrendes Bild bietet.

Einige Fakten aus Gegenwart un d Geschichte

Die Christenheit unserer Tage umfasst etwa 1.500.000.000 Menschen, etwa die Hälfte zählt sich
zur römisch-katholischen Kirche. Die andere Hälfte gliedert sich auf in Kirchen, die in ihren Traditionen, Frömmigkeitsstilen und
organisatorischen Formen
wiederum sehr unterschiedlich sind. Da ist der Block der orthodoxen Kirchen, da ist die anglikanische Kirche. Schließlich sind die verschiedenen protestantischen Kirchen und die unterschiedlichsten Freikirchen zu nennen. Die Zahl der Glaubensgemeinschaften ist mittlerweile unüberschaubar geworden.

Die Sehnsucht nach Einheit führte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Bildung internationaler Verbände. Die Bibelgesellschaften waren wohl die ersten, die sich international zusammenschlossen.

1846 bildete sich aus der Erweckungsbewegung die Evangelische Allianz, als »Brüderbund des Gebetes und des Kampfes gegen den Unglauben«. 1855 wurde der Weltbund des Christlichen Vereins Junger Männer gegründet, 1893 der Christliche Studentenweltbund.

Am schmerzlichsten wurde die Zerrissenheit der Christenheit auf dem Missionsfeld empfunden. Im Angesicht der nichtchristlichen Religionen wurde die Wirksamkeit des christlichen Zeugnisses durch Streit und Konkurrenzdenken gelähmt. Darum bemühte man sich gerade in der Mission um Absprachen und einheitliches Vorgehen.

Auf einer ersten internationalen Missionskonferenz in London 1878 waren 34 Missionsgesellschaften vertreten, zehn Jahre später bereits 139 und im Jahre 1900 in New York schon 162 Missionsgesellschaften. Aus diesen Konferenzen ging schließlich die ökumenische Bewegung hervor.

Aus diesen anfänglichen Bemühungen bildeten sich zwei unterschiedliche Wege, die zur Wiedergewinnung von Einheit führen sollten. Für den einen Weg steht die ökumenische Bewegung. Sie sieht eher die Vielfalt der Glieder, Gaben und Dienste, die den Reichtum christlicher Antwort auf das Evangelium in der jeweiligen Situation widerspiegeln. Sie will die getrennten Kirchen wieder ins Gespräch miteinander bringen, um im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes zur Einheit zu finden.

Für den anderen Weg steht die Evangelische Allianz.
Sie sieht ihren Auftrag im Zusammenwirken der Christen als einer organischen und personalen Gemeinschaft.
Es geht um geschwisterliche Jesus-Gemeinschaft, nicht um ökumenische Kirchengemeinschaft, nicht um Organisation, sondern um den lebenden Organismus. Die Evangelische Allianz will bewusst machen, dass die Gemeinde Jesu alle wiedergeborenen Christen aus allen Konfessionen umfasst.

Was verbindet?

Wir sind gewohnt nach dem Trennenden zu fragen. Wenn wir uns und unseren Standpunkt erklären, tun wir das in der Regel anhand von Unterscheidungen. Worin sind wir anders?

Wir fragen heute stattdessen: Was eigentlich verbindet die Christen?

1. Im apostolischen Glaubensbekenntnis ist sicherlich ein Band zu sehen, das die Christen umschließt. Auch wenn Bekenntnis und gelebte Wirklichkeit oft weit auseinander klaffen, so sind hier doch die grundlegenden Lehraussagen des Neuen Testaments zusammengefasst. Wer das für wahr hält, ist mit mir in Wesentlichem verbunden.

2. Die protestantischen Kirchen und die aus ihnen hervorgegangenen Freikirchen sind ein Stück weiter verbunden durch das, was in der Reformation zurückgewonnen wurde. »Sola gratia, sola fide, sola scriptura«. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade, wird nur durch den Glauben angenommen und findet ihren Grund allein in der Schrift.
Wer das anerkennt, steht mit mir zusammen staunend und dankbar vor der rettenden Tat Gottes in Jesus Christus.

3. Die Evangelikalen verbindet darüber hinaus:

a) Die Bedeutung der Bibel.
Sie ist alleinige Autorität und Richtschnur in allen Fragen des Glaubens und der Lehre, aber auch des Dienstes und des persönlichen Handelns.

b) Der persönliche Glaube
Gottes Heilsangebot, nämlich Vergebung und Erlösung durch Christus, fordert die Antwort des Menschen heraus. Diese Antwort muss jeder für sich selbst geben: Glaube ist ein Geschenk Gottes, das persönlich angenommen werden muss. Das schließt den aufrichtigen Willen ein, Jesus Christus anderen gegenüber zu bekennen und den Mitmenschen zu dienen.

c) Der Auftrag zur Mission
Gemeinde ist nicht Selbstzweck, und Kirche besteht nicht um ihrer selbst wil­len. Gottes Liebe in Jesus Christus gilt allen Menschen. Darum verstehen die Evangelikalen den Ruf zum Glauben als ihre vordringliche Aufgabe, und zwar in Mission und Evangelisation, in Diakonie und Seelsorge.
Wer zu den grundlegenden Aussagen des Glaubensbekenntnisses steht, wer in der Rechtfertigung die gnädige Tat Gottes erfahren hat und durch das Zeugnis des Wortes und des Geistes persönlichen Glauben fasst und darin lebt, mit dem bin ich eins – in Christus. Das genügt, das alleine ist wesentlich.

Diese drei genannten Bindeglieder gehören jedoch zueinander und sind untrennbar miteinander verknüpft, wenn wirkliche Einheit entstehen soll.

Wer nur am Bekenntnis festhält, steht in der Gefahr starr zu werden ohne wirklich zu leben.

Wer nur die Rechtfertigung durch Gnade betont, wird schnell die gültigen Maßstäbe Gottes und die Verantwortlichkeit gering schätzen.

Wer nur auf persönlichen Glauben setzt, fällt leicht in individuelle Schwärmerei.

Wo diese Bindeglieder jedoch zueinander finden, ist Einheit vorhanden und wird zur Aufgabe.

Wie viel Un­vollkommenheit verträgt die
Einheit der
Christen?

Erstaunlich viel! Sie erträgt menschliche Schwäche, Fehlinterpretationen biblischer Aussagen, unterschiedliche Frömmigkeitsstile, unterschiedliche Gestalt und Verfassung  von Gemeinde, kulturelle Besonderheiten, Traditionen, sie erträgt sogar laute oder leise Musik und Theaterstücke im Gottesdienst und ich maße mir hier wirklich keine Etiketten von falsch und richtig an.

Warum nur, warum verträgt die Einheit der Christen so viel? 

Weil die Einheit der Christen zuallererst eine geistliche Realität ist, die durch Christus gestiftet wird.

Weil es nur einen Vater gibt, gibt es im letzten auch nur eine Familie. Weil wir nur einen Herrn haben, gibt es nur einen Glauben, nur eine Hoffnung, nur eine Taufe. Weil es nur einen Geist gibt, gibt es auch nur einen Leib.

Solange Menschen Kinder des Vaters im Himmel sind, sind sie Glieder des Leibes Christi und werden nicht nur ertragen, sondern getragen, vielleicht nicht von uns, aber immer noch von der Güte Gottes.

Doch nun heißt es, diese geistliche Wirklichkeit sichtbar werden zu lassen. Sehr schnell zeigt sich dann unsere Unvollkommenheit. Wir ertragen nämlich die laute oder die leise Musik nicht. Wir haben Schwierigkeiten mit Traditionen. Wir schlagen die »Hände über dem Kopf zusammen« wenn einer beim Singen in großer Freude die Hände hebt. Wir kennen keine festgefügte Liturgie und werten sie darum, trotz wunderbaren Inhalts, abfällig.

Ja, tatsächlich, wie viel von unserer Unvollkommenheit wird die Einheit der Christen noch aushalten müssen? Oder stehen wir etwa auf dem Standpunkt, dass wir bestimmen, wie viel Einheit wir vertragen können? Was die Einheit nicht verträgt, ist etwas völlig anderes.

Das wäre die Preisgabe des Bekenntnisses.

Das wäre der Ersatz der Rechtfertigung allein aus Gnade durch Gesetzlichkeit.

Und das wäre der Ersatz der Rechtfertigung allein aus Glauben durch Vertrauen in die Machbarkeit der Dinge.

Das wäre die Geringschätzung biblischer Offenbarung.

Das wäre die Verflüchtigung des persönlichen Glaubens, der dem Leben Form gibt.

Wo sind wir
gefordert ?

Wir bilden, wie unsere Brüder und Schwestern aus anderen Benennungen auch, einen Bund von Gemeinden, mit unserer Geschichte, mit unseren besonderen theologischen Einsichten, mit unseren nicht festgeschriebenen, aber dennoch deutlichen Strukturen. Unsere Ortsge­meinden sind nicht völlig unabhängig. Nein, wir bilden gemeinsam eine unterscheidende Gemeinschaft mit ihren Grenzen.

Wir sind nicht nur Glieder des Leibes Jesu, wir sind Glieder einer Ortsgemeinde, und wir sind auch Glieder eines Bundes, wir sind einander verpflichtet, haben unsere besondere Vergangenheit und damit Verantwortung ihr gegenüber.

Wir haben unser Liederbuch, wir haben unseren Frömmigkeitsstil und unsere Art Gottesdienste zu gestalten. Wir sind nicht gleichmäßig offen für alle verschiedenen Ausprägungen des Christentums. Und das ist auch gut und richtig.

Ich glaube, dass gerade daraus eine Verpflichtung erwächst, die wir als Freikirch­licher Bund der Gemeinde Gottes unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Wir wollen präsent sein, uns einbringen mit unseren Gaben, wir wollen lernen. Wir wollen gemeinsam Reich Gottes bauen. Wir haben in unserer Vergangenheit immer wieder zu Recht betont, dass es biblisch betrachtet keine Berechtigung dafür gibt, Einheit ohne Wahrheit zu suchen. Nun ist es an der Zeit, mit der uns geschenkten Wahrheit diese Einheit zu
leben.

Helmut Link, Bergen

 

 


 

 

 

Wenn der Traum
vom Glück zerbricht

 

Es war eine Traumhochzeit« liest man in der Presse und bewundert die Bilder des glücklichen Paa­res. Immer häufiger kommt es vor, dass einige Jahre spä­ter an gleicher Stelle über die Scheidung berichtet wird und wir hässliche gegenseitige Be­­schuldigun­gen lesen. Dass nicht nur Ehen von Promi­nen­ten scheitern, machen die hohen Scheidungsraten deutlich.

Eheleute enttäuschen ein­ander, ohne es böse zu meinen. Missverständnisse tun sich auf. Und all das, was sie sich am Anfang ihres gemeinsamen Weges so wunderbar erträumt haben, kann nach und nach in Scherben gehen.

Da klagt eine Ehefrau ihrer Freundin am Telefon: »Ich glaube, es war der Irrtum meines Lebens, dass ich ihn geheiratet habe. Es hat alles so gut angefangen, aber jetzt ist das Leben mit ihm eine einzige Katastrophe. Wir könnten’s so schön haben. Wir könnten so glücklich sein! Wenn ich mir vorstelle, wie es am Anfang war, welche Träume ich hatte – aber jetzt? Alles zerstört. Alles kaputt. Dabei wollte ich doch nur glücklich sein. Darf ich das denn nicht!?«

»Wir könnten so glücklich sein«, meinte sie – doch es ist alles zerstört. Die Träume vom Glück, von einem harmonischen Miteinander in der Ehe, diese Träume sind zerbrochen. Und das tut weh. Das tut besonders weh, wenn die Erfüllung so greifbar erscheint. Wenn es in meinen Vorstellungen die natürlichste Sache der Welt ist, dass zwei, die sich lieben, ein­ander auch verstehen, dass das gegenseitige Verständnis wächst. Und dann kommt es anders. Und ich stelle mit Entsetzen fest, wie fremd mir der geliebte Mensch wird. Wie er Verhaltensweisen an den Tag legt, die ich vorher so noch nicht an ihm wahrgenommen habe – und wie meine Erwartungen, meine Hoff­nungen und Träume, die ich mitgebracht habe, plötzlich ins Wackeln kommen und einer nach dem anderen zu Bruch gehen. Was hält uns denn da noch zusammen?

War es
die falsche
Entscheidung?

Viele nehmen diese Enttäuschungen als Anzeichen dafür, dass sie sich bei der Wahl ihres Partners getäuscht haben. Dann sehen sie in der Trennung und Scheidung die einzig mögliche Lösung. Und viele fragen sich, auch viele Christen: »Soll ich mit diesem Scherbenhaufen weiterleben? Mit diesen Enttäuschungen und Verletzungen? Soll ich mit diesem Menschen weiterleben, der sich nicht ändern will? Gut, wir vergeben uns zwar immer wieder. Aber im Grunde geht es hinterher genauso weiter, wie es vorher war! Soll ich das wirklich aushalten?«

In früheren Jahrzehnten hatten viele Ehepaare noch die Kraft das durchzustehen beziehungsweise sie wurden durch den Druck der gesellschaftlichen Erwartungen zusammengehalten. Die Ehe verdiente zwar nicht mehr den Namen, doch man arrangierte sich und blieb zusammen.

Das ist heute weitgehend anders. Trennung, Scheidung ist in unserer Gesellschaft normal geworden. Auch Christen sind von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Es scheint die einfachste Lösung zu sein, wenn die Liebe abgekühlt ist, wenn die Langeweile eingekehrt ist, wenn die beiden meinen, dass sie sich nichts mehr zu sagen hätten.

Nicht wenige denken: »Vielleicht klappt es mit
einem anderen Partner
besser. Bestimmt klappt es mit einem anderen Partner besser. Der ist viel verständ­nisvoller. Mit dem könnte ich glücklich werden!«
oder »Die ist viel entgegenkommender. Mit der könnten meine Wünsche wahr werden! Ganz bestimmt.«

Und so heben viele die Scherben ihrer Träume auf und kitten sie wieder zusammen. Sie hoffen, dass ein anderer Mensch ihren Traum erfüllt. Leider ist das ein
Irrtum. Mit einem anderen/einer anderen wird es in der Regel nicht besser. Das ist jedenfalls die Erfahrung von Seelsorgern und Ehethera­peuten.

Da helfen auch alle Ausreden nichts, wie: »Ich hatte mich getäuscht. Ich war so verliebt, dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie er wirklich ist.« Diese Ausreden können auch ein frommes Gewand tragen: »Ich bin Gott ungehorsam gewesen, als ich mich für diese Frau entschieden habe. Ich habe nicht auf seine Führung geachtet. Heute weiß ich: Das ist nicht die Frau, die Gott mir zugedacht hat. Darum ruht auf unserer Ehe kein
Segen. Kein Wunder, dass die Harmonie dahin ist!« – Es sind Versuche, den Traum zu retten.

Was geschieht, wenn der Traum vom Glück
zerbricht?

Eigentlich geschieht etwas ganz Normales. Es ist eine völlig normale Entwicklung in der Ehe, dass meine Erwartungen an die Ehe, meine Erwartungen an den Ehepartner in Frage gestellt werden. Warum? Weil die zwei Menschen, die heiraten, keine passgenau vorgefertigten,
geschliffenen und polierten Werkstücke sind, die bei der Eheschließung nur noch ineinandergefügt werden, so dass nichts mehr klemmt und nichts scheuert. Sondern es kommen zwei unterschiedliche Menschen zusammen. Menschen aus unterschiedlichen Familien. Menschen, die unterschiedlich aufgewachsen sind. Bei denen vielleicht auch im Lauf der Jahre das eine oder andere schief gewachsen ist. Und die beiden wollen nun zusammenwachsen. Dass es da Reibungspunkte und Reibungsflächen gibt, liegt auf der Hand. Dass es in diesem Miteinander-Wachsen zu Krisen kommt, ist völlig normal. Krisen sind also nicht der »Anfang vom Ende«, sondern Zeichen, dass etwas vorwärts geht.

Wenn also Wunschvorstellungen und Träume fragwürdig werden, dann ist das zwar schmerzhaft. Denn irgendwo hängen wir auch daran und haben diese Vorstellungen gehegt und gepflegt und es uns oft genug ausgemalt, wie schön es wäre, wenn ... Aber es ist keine Katastrophe, wenn diese Träume nicht Wirklichkeit werden.

Wenn der Traum vom Glück zerbricht, dann zerbricht nur ein Traum. Aber das Glück hängt nicht am Traum!

An dieser Ecke sitzen nach meiner Erfahrung viele Missverständnisse. Denn gerade das denken doch viele: Wenn meine Träume Wirklichkeit werden, wenn meine Erwartungen erfüllt werden, dann kann ich glücklich sein.

Doch mit dem Glück ist es so eine Sache. Das gibt’s nicht im direkten Zugriff. Wenn ich es packen will, ist  es schon weg. Genauso wie die Freude. Beides gibt es nur nebenbei. Sozusagen als Zugabe. Und darum ist der Satz am Ende des Telefonates: »Ich wollte doch nur glücklich sein!« bezeichnend für den Grundirrtum, das grundsätzliche Missverständnis, dem sie unterlegen ist. So kann das keiner erfüllen. Weder ihr Ehemann noch Gott.

Gott hat uns die Ehe nicht als Glücksfabrik gegeben, die uns selbstredend beliefert. Jeden Tag neu. Doch: Wir dürfen in der Ehe glücklich sein und glücklich werden. Aber wir können es nicht einfordern.

Noch ein Missverständnis möchte ich aufgreifen, das bei vielen dazu führt, dass sie den Partner aufgeben, wenn die Träume zerbrechen.

Wen oder was liebe ich
wirklich?

Ich habe den Eindruck, dass es viele Menschen gibt, auch viele Christen, die ein eingeschränktes Verständnis von Liebe haben. Da ist die Liebe fast ausschließlich im Gefühl angesiedelt. Dieses romantische Verständnis von Liebe bekommen wir ja alle eingetrichtert. Wenn von Liebe gesungen wird, dann wird von Gefühlen gesungen. In Büchern, Zeitschriften, überall Gefühl.

Dann reicht die Liebe nur so weit, wie meine Gefühle reichen. Das heißt dann, wenn meine Gefühle abkühlen, wenn der Frost von Frustrationen darauf fällt, dann ist auch die Liebe auf Eis gelegt. Ulrich Eibach bezeichnet diese Art von Liebe als »Liebsten-Liebe«. Es ist aber keine Nächsten-Liebe.

Die Gefahr bei diesem Missverständnis von Liebe ist, dass ich letztendlich mein Bild, mein Wunschbild vom anderen liebe. Und ich ihn nur so lange lieben kann, solange ich positive Gefühle für ihn erwecken kann, solange er diesem Wunschbild entspricht. Und wenn er das nicht mehr tut, dann ist auch die Liebe am Absterben.

Das Tragische ist: Ich liebe mein Wunschbild, aber nicht diesen einen unverwechselbaren Menschen als Person! Als von Gott gewollte und geschaffene Persönlichkeit. Und darum fällt es auch so schwer, den anderen anzunehmen, wie er ist. Mit seinen Unarten, mit seinen Schattenseiten, mit seinen Schwächen. Mein Wunschbild von diesem Menschen trennt mich letztlich von ihm.

Ist es da nicht heilsam, wenn diese Wunschbilder und Erwartungen zerbrechen? Enttäuschungen, zerbrochene Träume sind Chancen, dass ich den Menschen, mit dem ich mein Leben teilen will, wieder als Person wahrnehme, ihn ernst nehme, ihn anneh­me.

Was hält uns letztlich
zusammen?

Mit unseren romantischen Missverständnissen überfordern wir uns oftmals selbst. Ich möchte einiges Grundlegendes zu dem zu sagen, was in der Ehe wirklich trägt.

Seit längerer Zeit beschäftigen mich einige Sätze von Die­trich Bonhoeffer, die er in seiner »Traupredigt aus der Zelle« geschrieben hat. Er hat dem Brautpaar unter anderem Folgendes mit auf den Weg gegeben: »Gott sagt in der Tat in unbegreiflicher Herablassung sein Ja zu eurem Ja; aber indem er das tut, schafft er zugleich etwas ganz Neues: er schafft aus eurer Liebe ‑ den heiligen Ehe­stand. Ehe ist mehr als eure Liebe zueinander.« Und ein Stück weiter: »So kommt die Liebe aus euch, die Ehe von oben, von Gott. Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun an trägt die Ehe eure Liebe ... Verwechselt eure Liebe nicht mit Gott ...«

Nun kann ich mir vorstellen, dass manche bei diesen Worten innerlich aufbegehren, Und ich gebe zu: Das, was Bonhoeffer hier schreibt, entspricht nicht unserem Zeitgefühl. Alles, was nach Institution riecht, alles, was nach einer formalen Verpflichtung aussieht, erscheint für dieses Zeitgefühl als ein Korsett, das dem Leben von außen her angelegt wird, es in eine Form presst ‑ und eben dieses Leben so nach und nach erstickt, bzw. etwas fortbestehen lässt, das schon längst nicht mehr lebensfähig ist. Diese Gefahr besteht. Und doch gehört beides zusammen. Das Leben und die Form, die das Leben schützt. Die Liebe ‑ und die Ehe, die die Liebe schützt und trägt. Wir dürfen nicht das eine gegen das andere ausspielen.

Wenn Bonhoeffer warnt: »Verwechselt eure Liebe nicht mit Gott«, dann sehe ich darin, dass er sehr wohl um das rein romantische Verständnis von Liebe wusste. Dass er die Gefahr der Selbstüberschätzung sah, der Verliebte nur allzu leicht erliegen. Weil sie sich ihrer Liebe so sicher sind und meinen: »Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Liebe nicht«, wie es in einem Schlager heißt. Bis die Gefühle dann ins Gegenteil umschlagen.

Bonhoeffer holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück, und diese Tatsachen tragen. »Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun an trägt die Ehe eure Liebe«, so schreibt er. Was auf den ersten Blick etwas merkwürdig aussieht, ist doch eine große Entlastung. Die eheliche Liebe ist kein Salto mortale am Trapez ohne Netz. Sondern die Beziehung zueinander hat ein Fundament. Dieses Fundament ist die Ehe. Das ist nun keine Idee von Bonhoeffer, sondern das ist letztlich die Idee Gottes.

Wenn in der Bibel von der Beziehung Gottes zu seinem Volk die Rede ist, dann wird auffällig oft das Bild von der Ehe dafür verwendet. So als ob Gott mit dem Volk Israel verheiratet wäre. Auch Pau­lus deutet im 5. Kapitel des Epheserbriefes das Mitein­ander von Mann und Frau auf das Verhältnis von Christus zur Gemeinde.

Das heißt für mich: Gott misst der Ehe einen hohen Stellenwert bei. Und da­durch, dass er unverbrüchlich zu seinem Bund und seinen Zusagen steht, gibt er uns ein Beispiel dafür, wie Ehe gelingen kann. Dass Ehe in seinen Augen eben kein lebensfeindliches Korsett ist, sondern der Schutzraum, der das Leben und die Liebe erst ermöglicht. Auch dann, wenn Eheleute einander enttäuschen und Wünsche und Träume zerbrechen.

Die Ehe ist
ein Arbeitsraum

Doch Ehe ist nicht nur ein Schutzraum, sondern auch ein Arbeitsraum. Das große Geschenk Gottes ist kein müheloser Besitz. Sondern wie jede andere Gabe Gottes beinhaltet es auch Aufgaben. Eine wesentliche Aufgabe in der Ehe ist, immer wieder neu »ja« zu sagen zum Partner, wie er ist. Das erfordert Mut. Aber dieses Ja, das immer wieder erneuert wird, macht mich für den Partner verlässlich. Und es schafft nach und nach auch das Gefühl der Geborgenheit.

Mancher Ehepartner braucht lange, bis er sich wirklich geborgen fühlen kann. Bis er diesen Schutzraum nicht nur vom Verstand her wahrnehmen kann, sondern ihn auch als solchen erlebt. Die Hintergründe dafür sind verschieden. Einen möglichen Hintergrund für dieses Zögern möchte ich anführen: Viele haben keine verlässlichen Beziehungen kennen gelernt. Vielleicht haben sie miterleben müssen, dass sich Vater und Mutter getrennt haben. Und sehen diese Gefahr auch über der eigenen Ehe schweben.

Eine solche Angst, die oftmals ganz verborgen ist, belastet das Miteinander sehr. Und es bedeutet Arbeit, dieser Angst zu begegnen. Sie durch Treue und Verlässlichkeit zu vermindern.

Ehe ist ein Arbeitsraum.
So gilt es auch, sich den Kon­flik­ten zu stellen. Auch da braucht es Mut. Denn oft­mals sind wir mehr geneigt, Konflikte als Störungen anzusehen und sie zu umgehen. Doch die Scheinharmonie, die wir damit erreichen, ist oberflächlich. Im Verborgenen brodelt der Konflikt
weiter.

Das ist unangenehm, das erfordert Mut, die Dinge anzusprechen, die Not bereiten. Und dabei den Partner nicht zur eigenen Meinung bekehren zu wollen, sondern gemeinsam mit ihm, um des Geschenkes der Ehe willen, dieser Unstimmigkeit auf den Grund zu gehen und Lösungswege zu suchen.

Das Bleiben in der Ehe und das Arbeiten am gemeinsamen Leben ist nicht immer leicht. Allein die Abhängigkeit von Gott trägt hier durch. Das muss ich mir nur immer wieder neu bewusst machen. Und ich muss sie auch immer wieder neu suchen. Von Gott so abhängig zu sein ist kein Makel. Sondern es ist letztlich unser Glück. Hermann von Bezzel konnte sagen: Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.

Wenn der Traum vom Glück zerbricht, dann ist das zum Glück nicht das Ende, sondern das kann der Anfang werden, ganz neue Perspektiven im Miteinander zu entdecken. Denn die Ehe ist zum Glück nicht auf Träume, sondern auf Gottes Zusage gebaut.

Richard Hasenöder

Mit freundlicher Genehmigung des ERF-Verlages.