Perspektiven - Dezember
2001 - Januar 2002
Inhalt: Unvollkommenes
Weihnachtsfest
Masken: Das Biest in uns
Einheit
der Christen
Wie viel Unvollkommenheit verträgt die Einheit der Christen?

Im
Wesentlichen Einheit,
im Nebensächlichen Freiheit,
in
allem Liebe.
Ein
Reisender sah einen Jungen indischer
Abstammung, wie er am Hauptbahnhof in Kalkutta Traktate verteilte. Er freute
sich an der offensichtlichen Begeisterung des jungen Inders. Da er neugierig
war, ging er zu ihm hin und fragte ihn: »Sind Sie indischer Christ?« Worauf er
die Antwort bekam: »Nein, ich bin kanadischer Mennonit!«
Dieser junge Inder identifizierte sich weit mehr mit der
ausländischen Missionsgesellschaft als mit den wirklichen Wurzeln seines
Glaubens und seiner nationalen Herkunft.
Ein Streiflicht, gewiss. Aber eines mit Aussagekraft! Wir
haben oft vergessen, was wirklich zählt und einen könnte; stattdessen betonen
wir, was nebensächlich ist und trennt!
Wie steht es um die Einheit der Christen?
Kleiden wir es in ein Bild:
Nehmen wir an, die Einheit der Christen wäre wie ein Spiegel in einem festen
Rahmen. Dann gäbe es diesen Spiegel tatsächlich immer noch. Der Rahmen hat
sich nicht verändert. Noch immer spiegelt sich die Sonne darin. Starke Erschütterungen
haben das Glas in viele Stücke zersplittern lassen, etliche sind aus dem Rahmen
gefallen. Die reflektierten Lichtstrahlen weisen nicht mehr
in dieselbe Richtung. Das Bild, das man sieht, ist gebrochen. Noch immer ein
Spiegel und doch einer, der durch viele kleine Spiegelscherben ein verwirrendes
Bild bietet.
Einige Fakten aus Gegenwart un
Die Christenheit unserer Tage
umfasst etwa 1.500.000.000 Menschen, etwa die Hälfte zählt sich
zur römisch-katholischen Kirche. Die andere Hälfte gliedert sich auf in
Kirchen, die in ihren Traditionen, Frömmigkeitsstilen und
organisatorischen Formen
wiederum sehr unterschiedlich sind. Da ist der Block der orthodoxen Kirchen, da
ist die anglikanische Kirche. Schließlich sind die verschiedenen
protestantischen Kirchen und die unterschiedlichsten Freikirchen zu nennen. Die
Zahl der Glaubensgemeinschaften ist mittlerweile unüberschaubar geworden.
Die Sehnsucht nach Einheit führte in der Mitte des 19.
Jahrhunderts zur Bildung internationaler Verbände. Die Bibelgesellschaften
waren wohl die ersten, die sich international zusammenschlossen.
1846 bildete sich aus der Erweckungsbewegung die
Evangelische Allianz, als »Brüderbund des Gebetes und des Kampfes gegen den
Unglauben«. 1855 wurde der Weltbund des Christlichen Vereins Junger Männer
gegründet, 1893 der Christliche Studentenweltbund.
Am schmerzlichsten wurde die Zerrissenheit der Christenheit
auf dem Missionsfeld empfunden. Im Angesicht der nichtchristlichen Religionen
wurde die Wirksamkeit des christlichen Zeugnisses durch Streit und
Konkurrenzdenken gelähmt. Darum bemühte man sich gerade in der Mission um
Absprachen und einheitliches Vorgehen.
Auf einer ersten internationalen Missionskonferenz in
London 1878 waren 34 Missionsgesellschaften vertreten, zehn Jahre später
bereits 139 und im Jahre 1900 in New York schon 162 Missionsgesellschaften. Aus
diesen Konferenzen ging schließlich die ökumenische Bewegung hervor.
Aus diesen anfänglichen Bemühungen bildeten sich zwei
unterschiedliche Wege, die zur Wiedergewinnung von Einheit führen sollten. Für
den einen Weg steht die ökumenische Bewegung. Sie sieht eher die Vielfalt der
Glieder, Gaben und Dienste, die den Reichtum christlicher Antwort auf das
Evangelium in der jeweiligen Situation widerspiegeln. Sie will die getrennten
Kirchen wieder ins Gespräch miteinander bringen, um im gemeinsamen Hören auf
das Wort Gottes zur Einheit zu finden.
Für den anderen Weg steht die Evangelische Allianz.
Sie sieht ihren Auftrag im Zusammenwirken der Christen als einer organischen und
personalen Gemeinschaft.
Es geht um geschwisterliche Jesus-Gemeinschaft, nicht um ökumenische
Kirchengemeinschaft, nicht um Organisation, sondern um den lebenden Organismus.
Die Evangelische Allianz will bewusst machen, dass die Gemeinde Jesu alle
wiedergeborenen Christen aus allen Konfessionen umfasst.
Was verbindet?
Wir sind gewohnt nach dem
Trennenden zu fragen. Wenn wir uns und unseren Standpunkt erklären, tun wir das
in der Regel anhand von Unterscheidungen. Worin sind wir anders?
Wir fragen heute stattdessen: Was eigentlich verbindet die
Christen?
1.
Im apostolischen Glaubensbekenntnis ist
sicherlich ein Band zu sehen, das die Christen umschließt. Auch wenn Bekenntnis
und gelebte Wirklichkeit oft weit auseinander klaffen, so sind hier doch die
grundlegenden Lehraussagen des Neuen Testaments zusammengefasst. Wer das für
wahr hält, ist mit mir in Wesentlichem verbunden.
2.
Die protestantischen Kirchen und die aus
ihnen hervorgegangenen Freikirchen sind ein Stück weiter verbunden durch das,
was in der Reformation zurückgewonnen wurde. »Sola gratia, sola
fide, sola scriptura«. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade, wird nur
durch den Glauben angenommen und findet ihren Grund allein in der Schrift.
Wer das anerkennt, steht mit mir zusammen staunend und dankbar vor der rettenden
Tat Gottes in Jesus Christus.
3.
Die Evangelikalen verbindet darüber
hinaus:
a) Die
Bedeutung der Bibel.
Sie ist alleinige Autorität und Richtschnur in allen Fragen des Glaubens und
der Lehre, aber auch des Dienstes und des persönlichen Handelns.
b) Der persönliche
Glaube
Gottes Heilsangebot, nämlich Vergebung und Erlösung durch Christus, fordert
die Antwort des Menschen heraus. Diese Antwort muss jeder für sich selbst
geben: Glaube ist ein Geschenk Gottes, das persönlich angenommen werden muss.
Das schließt den aufrichtigen Willen ein, Jesus Christus anderen gegenüber zu
bekennen und den Mitmenschen zu dienen.
c) Der
Auftrag zur Mission
Gemeinde ist nicht Selbstzweck, und Kirche besteht nicht um ihrer selbst willen.
Gottes Liebe in Jesus Christus gilt allen Menschen. Darum verstehen die
Evangelikalen den Ruf zum Glauben als ihre vordringliche Aufgabe, und zwar in
Mission und Evangelisation, in Diakonie und Seelsorge.
Wer zu den grundlegenden Aussagen des Glaubensbekenntnisses steht, wer in der
Rechtfertigung die gnädige Tat Gottes erfahren hat und durch das Zeugnis des
Wortes und des Geistes persönlichen Glauben fasst und darin lebt, mit dem bin
ich eins – in Christus. Das genügt, das alleine ist wesentlich.
Diese drei genannten Bindeglieder gehören jedoch
zueinander und sind untrennbar miteinander verknüpft, wenn wirkliche Einheit
entstehen soll.
Wer nur am Bekenntnis festhält, steht in der Gefahr starr
zu werden ohne wirklich zu leben.
Wer nur die Rechtfertigung durch Gnade betont, wird schnell
die gültigen Maßstäbe Gottes und die Verantwortlichkeit gering schätzen.
Wer nur auf persönlichen Glauben setzt, fällt leicht in
individuelle Schwärmerei.
Wo diese Bindeglieder jedoch zueinander finden, ist Einheit
vorhanden und wird zur Aufgabe.
Wie viel Unvollkommenheit verträgt die
Einheit der
Christen?
Erstaunlich viel! Sie erträgt
menschliche Schwäche, Fehlinterpretationen biblischer Aussagen,
unterschiedliche Frömmigkeitsstile, unterschiedliche Gestalt und Verfassung
von Gemeinde, kulturelle Besonderheiten, Traditionen, sie erträgt sogar
laute oder leise Musik und Theaterstücke im Gottesdienst und ich maße mir hier
wirklich keine Etiketten von falsch und richtig an.
Warum nur, warum verträgt die Einheit der Christen so
viel?
Weil die Einheit der Christen zuallererst eine geistliche
Realität ist, die durch Christus gestiftet wird.
Weil es nur einen Vater gibt, gibt es im letzten
auch nur eine Familie. Weil wir nur einen Herrn haben, gibt es nur einen
Glauben, nur eine Hoffnung, nur eine Taufe. Weil es nur einen Geist gibt,
gibt es auch nur einen Leib.
Solange Menschen Kinder des Vaters im Himmel sind, sind sie
Glieder des Leibes Christi und werden nicht nur ertragen, sondern getragen,
vielleicht nicht von uns, aber immer noch von der Güte Gottes.
Doch nun heißt es, diese geistliche Wirklichkeit sichtbar
werden zu lassen. Sehr schnell zeigt sich dann unsere Unvollkommenheit. Wir
ertragen nämlich die laute oder die leise Musik nicht. Wir haben
Schwierigkeiten mit Traditionen. Wir schlagen die »Hände über dem Kopf
zusammen« wenn einer beim Singen in großer Freude die Hände hebt. Wir kennen
keine festgefügte Liturgie und werten sie darum, trotz wunderbaren Inhalts, abfällig.
Ja, tatsächlich, wie viel von unserer Unvollkommenheit
wird die Einheit der Christen noch aushalten müssen? Oder stehen wir etwa auf
dem Standpunkt, dass wir bestimmen, wie viel Einheit wir vertragen können? Was
die Einheit nicht verträgt, ist etwas völlig anderes.
•
Das wäre die Preisgabe des Bekenntnisses.
•
Das wäre der Ersatz der Rechtfertigung
allein aus Gnade durch Gesetzlichkeit.
•
Und das wäre der Ersatz der Rechtfertigung
allein aus Glauben durch Vertrauen in die Machbarkeit der Dinge.
•
Das wäre die Geringschätzung biblischer
Offenbarung.
•
Das wäre die Verflüchtigung des persönlichen
Glaubens, der dem Leben Form gibt.
Wo sind wir
gefordert
Wir bilden, wie unsere Brüder
und Schwestern aus anderen Benennungen auch, einen Bund von Gemeinden, mit
unserer Geschichte, mit unseren besonderen theologischen Einsichten, mit unseren
nicht festgeschriebenen, aber dennoch deutlichen Strukturen. Unsere Ortsgemeinden
sind nicht völlig unabhängig. Nein, wir bilden gemeinsam eine unterscheidende
Gemeinschaft mit ihren Grenzen.
Wir sind nicht nur Glieder des Leibes Jesu, wir sind
Glieder einer Ortsgemeinde, und wir sind auch Glieder eines Bundes, wir sind
einander verpflichtet, haben unsere besondere Vergangenheit und damit
Verantwortung ihr gegenüber.
Wir haben unser Liederbuch, wir haben unseren Frömmigkeitsstil
und unsere Art Gottesdienste zu gestalten. Wir sind nicht gleichmäßig offen für
alle verschiedenen Ausprägungen des Christentums. Und das ist auch gut und
richtig.
Ich glaube, dass gerade daraus eine Verpflichtung erwächst,
die wir als Freikirchlicher Bund der Gemeinde Gottes unseren Brüdern und
Schwestern schuldig sind. Wir wollen präsent sein, uns einbringen mit unseren
Gaben, wir wollen lernen. Wir wollen gemeinsam Reich Gottes bauen. Wir haben in
unserer Vergangenheit immer wieder zu Recht betont, dass es biblisch betrachtet
keine Berechtigung dafür gibt, Einheit ohne Wahrheit zu suchen. Nun ist es an
der Zeit, mit der uns geschenkten Wahrheit diese Einheit zu
leben.
Helmut Link, Bergen
Wenn der Traum
vom Glück zerbricht
Es
war eine Traumhochzeit« liest man in der Presse und bewundert die Bilder des glücklichen
Paares. Immer häufiger kommt es vor, dass einige Jahre später an gleicher
Stelle über die Scheidung berichtet wird und wir hässliche gegenseitige Beschuldigungen
lesen. Dass nicht nur Ehen von Prominenten scheitern, machen die hohen
Scheidungsraten deutlich.
Eheleute enttäuschen einander, ohne es böse
zu meinen. Missverständnisse tun sich auf. Und all das, was sie sich am Anfang
ihres gemeinsamen Weges so wunderbar erträumt haben, kann nach und nach in
Scherben gehen.
Da klagt eine Ehefrau ihrer Freundin am
Telefon: »Ich glaube, es war der Irrtum meines Lebens, dass ich ihn geheiratet
habe. Es hat alles so gut angefangen, aber jetzt ist das Leben mit ihm eine
einzige Katastrophe. Wir könnten’s so schön haben. Wir könnten so glücklich
sein! Wenn ich mir vorstelle, wie es am Anfang war, welche Träume ich hatte –
aber jetzt? Alles zerstört. Alles kaputt. Dabei wollte ich doch nur glücklich
sein. Darf ich das denn nicht!?«
»Wir könnten so glücklich sein«, meinte
sie – doch es ist alles zerstört. Die Träume vom Glück, von einem
harmonischen Miteinander in der Ehe, diese Träume sind zerbrochen. Und das tut
weh. Das tut besonders weh, wenn die Erfüllung so greifbar erscheint. Wenn es
in meinen Vorstellungen die natürlichste Sache der Welt ist, dass zwei, die
sich lieben, einander auch verstehen, dass das gegenseitige Verständnis wächst.
Und dann kommt es anders. Und ich stelle mit Entsetzen fest, wie fremd mir der
geliebte Mensch wird. Wie er Verhaltensweisen an den Tag legt, die ich vorher so
noch nicht an ihm wahrgenommen habe – und wie meine Erwartungen, meine Hoffnungen
und Träume, die ich mitgebracht habe, plötzlich ins Wackeln kommen und einer
nach dem anderen zu Bruch gehen. Was hält uns denn da noch zusammen?
War es
die falsche
Entscheidung?
Viele nehmen diese Enttäuschungen
als Anzeichen dafür, dass sie sich bei der Wahl ihres Partners getäuscht
haben. Dann sehen sie in der Trennung und Scheidung die einzig mögliche Lösung.
Und viele fragen sich, auch viele Christen: »Soll ich mit diesem Scherbenhaufen
weiterleben? Mit diesen Enttäuschungen und Verletzungen? Soll ich mit diesem
Menschen weiterleben, der sich nicht ändern will? Gut, wir vergeben uns zwar
immer wieder. Aber im Grunde geht es hinterher genauso weiter, wie es vorher
war! Soll ich das wirklich aushalten?«
In früheren Jahrzehnten hatten viele Ehepaare noch die
Kraft das durchzustehen beziehungsweise sie wurden durch den Druck der
gesellschaftlichen Erwartungen zusammengehalten. Die Ehe verdiente zwar nicht
mehr den Namen, doch man arrangierte sich und blieb zusammen.
Das ist heute weitgehend anders. Trennung, Scheidung ist in
unserer Gesellschaft normal geworden. Auch Christen sind von dieser Entwicklung
nicht ausgenommen. Es scheint die einfachste Lösung zu sein, wenn die Liebe
abgekühlt ist, wenn die Langeweile eingekehrt ist, wenn die beiden meinen, dass
sie sich nichts mehr zu sagen hätten.
Nicht wenige denken: »Vielleicht klappt es mit
einem anderen Partner
besser. Bestimmt klappt es mit einem anderen Partner besser. Der ist viel verständnisvoller.
Mit dem könnte ich glücklich werden!«
oder »Die ist viel entgegenkommender. Mit der könnten meine Wünsche wahr
werden! Ganz bestimmt.«
Und so heben viele die Scherben ihrer Träume auf und
kitten sie wieder zusammen. Sie hoffen, dass ein anderer Mensch ihren Traum erfüllt.
Leider ist das ein
Irrtum. Mit einem anderen/einer anderen wird es in der Regel nicht besser. Das
ist jedenfalls die Erfahrung von Seelsorgern und Ehetherapeuten.
Da helfen auch alle Ausreden nichts, wie: »Ich hatte mich
getäuscht. Ich war so verliebt, dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie er
wirklich ist.« Diese Ausreden können auch ein frommes Gewand tragen: »Ich bin
Gott ungehorsam gewesen, als ich mich für diese Frau entschieden habe. Ich habe
nicht auf seine Führung geachtet. Heute weiß ich: Das ist nicht die Frau, die
Gott mir zugedacht hat. Darum ruht auf unserer Ehe kein
Segen. Kein Wunder, dass die Harmonie dahin ist!« – Es sind Versuche, den
Traum zu retten.
Was geschieht, wenn der Traum
vom Glück
zerbricht?
Eigentlich geschieht etwas ganz
Normales. Es ist eine völlig normale Entwicklung in der Ehe, dass meine
Erwartungen an die Ehe, meine Erwartungen an den Ehepartner in Frage gestellt
werden. Warum? Weil die zwei Menschen, die heiraten, keine passgenau
vorgefertigten,
geschliffenen und polierten Werkstücke sind, die bei der Eheschließung nur
noch ineinandergefügt werden, so dass nichts mehr klemmt und nichts scheuert.
Sondern es kommen zwei unterschiedliche Menschen zusammen. Menschen aus
unterschiedlichen Familien. Menschen, die unterschiedlich aufgewachsen sind. Bei
denen vielleicht auch im Lauf der Jahre das eine oder andere schief gewachsen
ist. Und die beiden wollen nun zusammenwachsen. Dass es da Reibungspunkte und
Reibungsflächen gibt, liegt auf der Hand. Dass es in diesem Miteinander-Wachsen
zu Krisen kommt, ist völlig normal. Krisen sind also nicht der »Anfang vom
Ende«, sondern Zeichen, dass etwas vorwärts geht.
Wenn also Wunschvorstellungen und Träume fragwürdig
werden, dann ist das zwar schmerzhaft. Denn irgendwo hängen wir auch daran und
haben diese Vorstellungen gehegt und gepflegt und es uns oft genug ausgemalt,
wie schön es wäre, wenn ... Aber es ist keine Katastrophe, wenn diese Träume
nicht Wirklichkeit werden.
Wenn der Traum vom Glück zerbricht, dann zerbricht nur ein
Traum. Aber das Glück hängt nicht am Traum!
An dieser Ecke sitzen nach meiner Erfahrung viele Missverständnisse.
Denn gerade das denken doch viele: Wenn meine Träume Wirklichkeit werden, wenn
meine Erwartungen erfüllt werden, dann kann ich glücklich sein.
Doch mit dem Glück ist es so eine Sache. Das gibt’s
nicht im direkten Zugriff. Wenn ich es packen will, ist
es schon weg. Genauso wie die Freude. Beides gibt es nur nebenbei.
Sozusagen als Zugabe. Und darum ist der Satz am Ende des Telefonates: »Ich
wollte doch nur glücklich sein!« bezeichnend für den Grundirrtum, das grundsätzliche
Missverständnis, dem sie unterlegen ist. So kann das keiner erfüllen. Weder
ihr Ehemann noch Gott.
Gott hat uns die Ehe nicht als Glücksfabrik gegeben, die
uns selbstredend beliefert. Jeden Tag neu. Doch: Wir dürfen in der Ehe glücklich
sein und glücklich werden. Aber wir können es nicht einfordern.
Noch ein Missverständnis möchte ich aufgreifen, das bei
vielen dazu führt, dass sie den Partner aufgeben, wenn die Träume zerbrechen.
Wen oder was liebe ich
wirklich?
Ich habe den Eindruck, dass es
viele Menschen gibt, auch viele Christen, die ein eingeschränktes Verständnis
von Liebe haben. Da ist die Liebe fast ausschließlich im Gefühl angesiedelt.
Dieses romantische Verständnis von Liebe bekommen wir ja alle eingetrichtert.
Wenn von Liebe gesungen wird, dann wird von Gefühlen gesungen. In Büchern,
Zeitschriften, überall Gefühl.
Dann reicht die Liebe nur so weit, wie meine Gefühle
reichen. Das heißt dann, wenn meine Gefühle abkühlen, wenn der Frost von
Frustrationen darauf fällt, dann ist auch die Liebe auf Eis gelegt. Ulrich
Eibach bezeichnet diese Art von Liebe als »Liebsten-Liebe«. Es ist aber keine
Nächsten-Liebe.
Die Gefahr bei diesem Missverständnis von Liebe ist, dass
ich letztendlich mein Bild, mein Wunschbild vom anderen liebe. Und ich ihn nur
so lange lieben kann, solange ich positive Gefühle für ihn erwecken kann,
solange er diesem Wunschbild entspricht. Und wenn er das nicht mehr tut, dann
ist auch die Liebe am Absterben.
Das Tragische ist: Ich liebe mein Wunschbild, aber nicht
diesen einen unverwechselbaren Menschen als Person! Als von Gott gewollte und
geschaffene Persönlichkeit. Und darum fällt es auch so schwer, den anderen
anzunehmen, wie er ist. Mit seinen Unarten, mit seinen Schattenseiten, mit
seinen Schwächen. Mein Wunschbild von diesem Menschen trennt mich letztlich von
ihm.
Ist es da nicht heilsam, wenn diese Wunschbilder und
Erwartungen zerbrechen? Enttäuschungen, zerbrochene Träume sind Chancen, dass
ich den Menschen, mit dem ich mein Leben teilen will, wieder als Person
wahrnehme, ihn ernst nehme, ihn annehme.
Was hält uns letztlich
zusammen?
Mit unseren romantischen
Missverständnissen überfordern wir uns oftmals selbst. Ich möchte einiges
Grundlegendes zu dem zu sagen, was in der Ehe wirklich trägt.
Seit längerer Zeit beschäftigen mich einige Sätze von
Dietrich Bonhoeffer, die er in seiner »Traupredigt aus der Zelle«
geschrieben hat. Er hat dem Brautpaar unter anderem Folgendes mit auf den Weg
gegeben: »Gott sagt in der Tat in unbegreiflicher Herablassung sein Ja zu
eurem Ja; aber indem er das tut, schafft er zugleich etwas ganz Neues: er
schafft aus eurer Liebe ‑ den heiligen Ehestand. Ehe ist mehr als eure
Liebe zueinander.« Und ein Stück weiter: »So kommt die Liebe aus euch,
die Ehe von oben, von Gott. Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun an
trägt die Ehe eure Liebe ... Verwechselt eure Liebe nicht mit Gott ...«
Nun kann ich mir vorstellen, dass manche bei diesen Worten
innerlich aufbegehren, Und ich gebe zu: Das, was Bonhoeffer hier schreibt,
entspricht nicht unserem Zeitgefühl. Alles, was nach Institution riecht, alles,
was nach einer formalen Verpflichtung aussieht, erscheint für dieses Zeitgefühl
als ein Korsett, das dem Leben von außen her angelegt wird, es in eine Form
presst ‑ und eben dieses Leben so nach und nach erstickt, bzw. etwas
fortbestehen lässt, das schon längst nicht mehr lebensfähig ist. Diese Gefahr
besteht. Und doch gehört beides zusammen. Das Leben und die Form, die das Leben
schützt. Die Liebe ‑ und die Ehe, die die Liebe schützt und trägt. Wir
dürfen nicht das eine gegen das andere ausspielen.
Wenn Bonhoeffer warnt: »Verwechselt eure Liebe nicht mit
Gott«, dann sehe ich darin, dass er sehr wohl um das rein romantische Verständnis
von Liebe wusste. Dass er die Gefahr der Selbstüberschätzung sah, der
Verliebte nur allzu leicht erliegen. Weil sie sich ihrer Liebe so sicher sind
und meinen: »Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Liebe nicht«, wie es
in einem Schlager heißt. Bis die Gefühle dann ins Gegenteil umschlagen.
Bonhoeffer holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück,
und diese Tatsachen tragen. »Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun
an trägt die Ehe eure Liebe«, so schreibt er. Was auf den ersten Blick etwas
merkwürdig aussieht, ist doch eine große Entlastung. Die eheliche Liebe ist
kein Salto mortale am Trapez ohne Netz. Sondern die Beziehung zueinander hat ein
Fundament. Dieses Fundament ist die Ehe. Das ist nun keine Idee von Bonhoeffer,
sondern das ist letztlich die Idee Gottes.
Wenn in der Bibel von der Beziehung Gottes zu seinem Volk
die Rede ist, dann wird auffällig oft das Bild von der Ehe dafür verwendet. So
als ob Gott mit dem Volk Israel verheiratet wäre. Auch Paulus deutet im 5.
Kapitel des Epheserbriefes das Miteinander von Mann und Frau auf das Verhältnis
von Christus zur Gemeinde.
Das heißt für mich: Gott misst der Ehe einen hohen
Stellenwert bei. Und dadurch, dass er unverbrüchlich zu seinem Bund und
seinen Zusagen steht, gibt er uns ein Beispiel dafür, wie Ehe gelingen kann.
Dass Ehe in seinen Augen eben kein lebensfeindliches Korsett ist, sondern der
Schutzraum, der das Leben und die Liebe erst ermöglicht. Auch dann, wenn
Eheleute einander enttäuschen und Wünsche und Träume zerbrechen.
Die Ehe ist
ein Arbeitsraum
Doch Ehe ist nicht nur ein
Schutzraum, sondern auch ein Arbeitsraum. Das große Geschenk Gottes ist kein müheloser
Besitz. Sondern wie jede andere Gabe Gottes beinhaltet es auch Aufgaben. Eine
wesentliche Aufgabe in der Ehe ist, immer wieder neu »ja« zu sagen zum
Partner, wie er ist. Das erfordert Mut. Aber dieses Ja, das immer wieder
erneuert wird, macht mich für den Partner verlässlich. Und es schafft nach und
nach auch das Gefühl der Geborgenheit.
Mancher Ehepartner braucht lange, bis er sich wirklich
geborgen fühlen kann. Bis er diesen Schutzraum nicht nur vom Verstand her
wahrnehmen kann, sondern ihn auch als solchen erlebt. Die Hintergründe dafür
sind verschieden. Einen möglichen Hintergrund für dieses Zögern möchte ich
anführen: Viele haben keine verlässlichen Beziehungen kennen gelernt.
Vielleicht haben sie miterleben müssen, dass sich Vater und Mutter getrennt
haben. Und sehen diese Gefahr auch über der eigenen Ehe schweben.
Eine solche Angst, die oftmals ganz verborgen ist, belastet
das Miteinander sehr. Und es bedeutet Arbeit, dieser Angst zu begegnen. Sie
durch Treue und Verlässlichkeit zu vermindern.
Ehe ist ein Arbeitsraum.
So gilt es auch, sich den Konflikten zu stellen. Auch da braucht es Mut.
Denn oftmals sind wir mehr geneigt, Konflikte als Störungen anzusehen und sie
zu umgehen. Doch die Scheinharmonie, die wir damit erreichen, ist oberflächlich.
Im Verborgenen brodelt der Konflikt
weiter.
Das ist unangenehm, das erfordert Mut, die Dinge
anzusprechen, die Not bereiten. Und dabei den Partner nicht zur eigenen Meinung
bekehren zu wollen, sondern gemeinsam mit ihm, um des Geschenkes der Ehe willen,
dieser Unstimmigkeit auf den Grund zu gehen und Lösungswege zu suchen.
Das Bleiben in der Ehe und das Arbeiten am gemeinsamen
Leben ist nicht immer leicht. Allein die Abhängigkeit von Gott trägt hier
durch. Das muss ich mir nur immer wieder neu bewusst machen. Und ich muss sie
auch immer wieder neu suchen. Von Gott so abhängig zu sein ist kein Makel.
Sondern es ist letztlich unser Glück. Hermann von Bezzel konnte sagen: Frömmigkeit
ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.
Wenn der Traum vom Glück zerbricht, dann ist das zum Glück
nicht das Ende, sondern das kann der Anfang werden, ganz neue Perspektiven im
Miteinander zu entdecken. Denn die Ehe ist zum Glück nicht auf Träume, sondern
auf Gottes Zusage gebaut.
Richard Hasenöder
Mit freundlicher Genehmigung des ERF-Verlages.