Perspektiven - Dezember
2001 - Januar 2002
Inhalt: Unvollkommenes
Weihnachtsfest
Masken: Das Biest in uns
Einheit
der Christen
Gottes
»unvollkommenes« Weihnachtsfest
Hätte Gott die Ankunft
seines Sohnes nicht besser
planen können?
Das
hat mich schon immer verwundert. Was hatte
sich Gott nur dabei gedacht. Da lässt er
seinen einzigartigen Sohn – den Retter der verlorenen Menschen – auf eine
Weise in die Welt kommen, so ganz anders, als wir es geplant und getan hätten.
Das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte beginnt in
einer jämmerlichen Armut und Bescheidenheit, die doch eines Messias im Grunde
unwürdig ist.
Was wir als großes Ereignis an Weihnachten feiern, war
doch, abgesehen von einigen schönen Geschichten im Umfeld, eine so alltägliche
Angelegenheit, dass man sich schon einige Mühe geben muss um daraus etwas
Besonderes zu konstruieren. Auf diese Weise würden wir als Meister der
Organisation keinen künftigen Herrscher der Welt einführen. Das passt einfach
nicht in unsere Welt.
Bereits vor der Geburt Jesu fing es an: Gott brachte seine
Mutter Maria in große Gefahr durch ihre Schwangerschaft vor der Heirat mit
Joseph. Und so geht es weiter: Gott, der doch Herr über die Zeit ist, setzt die
hochschwangere Frau einer beschwerlichen Reise aus, hinauf in die Berge Judäas.
Was dann folgt, zeugt auch nicht gerade von einer guten »Organisationsgabe«.
Wir würden schon unter normalen Umständen keine Reise antreten, ohne zu
wissen, wo wir am Abend unser Hotelbett haben werden. Aber nichts davon war für
die Ankunft seines Sohnes vorbereitet. Die Situation für Maria und Joseph
wurde immer prekärer. Die Herbergen und Unterkünfte restlos überbelegt.
Sollte ein Viehstall wirklich der Ort sein, wo der geboren werden sollte, von
dem der Engel Gabriel zu Maria gesagt hatte: »Er wird mächtig sein und man
wird ihn Sohn Gottes nennen. Er wird ein König sein und seine Herrschaft wird
nie zu Ende gehen« (Lk 1,31 - 33).
Ganz schlechte PR
Und so unrühmlich und irgendwie
unwürdig für einen Weltenherrscher geht die Geschichte weiter. Eine
Futterkrippe als Wiege, wenig glanzvoll. Und dann wird es sogar etwas peinlich.
Da spricht der Verfasser der Memoiren Jesu, der Evangelist und Arzt Lukas, sogar
von den Windeln, in die er gewickelt wurde. Ein Herr, ein König, ein Herrscher,
ein Retter in Windeln! Das mag zwar alles normal sein, aber davon würde man
heute in seriösen Zeitungen mit etwas Niveau nicht schreiben. So viel
unvollkommene PR für den Sohn Gottes!
Aber damit noch nicht genug der Peinlichkeiten.
Ausgerechnet den Hirten auf dem Feld erscheint der Engel mit seinem himmlischen
Heer. Diesem nichtsnutzigen Pöbel, der vom übrigen Volk verachtet wurde, würde
doch keiner glauben, wenn sie von ihrer Erscheinung reden würden. Hirten
durften vor einem Gericht noch nicht einmal als Zeugen auftreten.
Dann ist da noch die Rede von einigen Sternforschern, die
nach Jerusalem kamen um nach dem neugeborenen König zu suchen. Wir sollten
meinen, dass dies in der Öffentlichkeit Gehör gefunden hätte. Das hätte ja
nun noch etwas Niveau gehabt. Aber das waren nur Ausländer. Ihre Aussagen waren
bei den strenggläubigen Juden auch nicht viel wert. Schlimmer noch: Sie
stifteten im Palast des Königs Herodes und unter den Tempelpriestern und
Professoren der Heiligen Schriften nur Verwirrung an. Darüber hinaus brachten
sie den Knaben Jesus sogar in höchste Lebensgefahr und zwangen Joseph mit
seiner Mutter und dem Kind bei Nacht und Nebel zu fliehen. Und was uns dabei
noch betroffen macht, auf Grund ihrer Aussagen ließ Herodes in Bethlehem und
Umgebung alle Jungen unter zwei Jahren umbringen, aus Angst um seinen Thron. Da
hat möglicherweise wohl mancher die Frage gestellt, die wir auch heute oft hören:
»Wie konnte Gott so etwas zulassen!«
Hatte der lebendige Gott wirklich keine besseren Wege und
Mittel, die Ankunft seines Sohnes auf weit perfektere Weise einzufädeln und
publik zu machen? Warum so viel Unvollkommenes? Warum hat er
eine solche Ansammlung von Beinahe-Pleiten riskiert bei solch einem
Unternehmen, das die Welt bewegen sollte?
Er kommt uns entgegen
Aber gerade das war seine
Absicht. Unser Gott, der Schöpfer und Weltenlenker, wollte uns Menschen in
unserer Unvollkommenheit entgegenkommen. Wie könnten wir heute sonstzuihmfinden,
wenn er sich nicht auf die Ebene unserer Unvollkommenheit begeben
hätte. Darin zeigt sich gerade seine Hoheit und Souveränität, dass er
es sich leisten konnte, uns in unserem unvollkommenen Menschsein zu begegnen.
Wie sonst hätte die ungeheure Kluft zwischen ihm
und uns überbrückt werden können. – Dass sein Sohn Jesus Mensch geworden
ist, war der genialste Plan Gottes seit der Schöpfung.
Und heute baut unser Herr seine einzigartige Gemeinde mit
und trotz unserer Unvollkommenheit. Und wie er
es schafft, aus uns unvollkommenen, schuldhaften Versagern seine heilige, reine
Brautgemeinde zu schaffen, ist und bleibt für mich immer wieder ein Rätsel.
Mit einer »unvollkommenen« Weihnacht fing es an, und in
seiner einzigartigen Vollkommenheit und Souveränität wird er
sein vollkommenes Werk zu Ende bringen.
Georg Bürgin