Perspektiven  - August-September 2001
Inhalt:  Die Liebe hört niemals auf           Liebe ist ein Stück Arbeit     
           Was Liebe wirklich ist    


Die Liebe
hört niemals auf

 

Die Liebe Gottes gehört zu den geistlichen Dingen, die geistlich verstanden werden müssen. Sie entzieht sich dem Zugriff menschlicher Spekulationen, gehört sie doch zu den Gedanken Gottes, die höher sind als unsere Gedanken. Sie ist Offenbarungsgut und muss im Glauben angenommen werden (1. Joh. 4,16).

Unser Vater im Himmel! Wir, deine Kinder, sind oft bekümmert, weil wir in uns zur gleichen Zeit den Zuspruch des Glaubens und die Anklage des Gewissens hören. Wir wissen nur zu gut, dass in uns nichts ist, was
die Liebe eines so Heiligen und Gerechten, wie du es bist, gewinnen könnte. Doch du hast deine unwandelbare Liebe zu uns in Christus Jesus bezeugt. Wenn nichts in uns deine Liebe gewinnen kann, so kann auch nichts
im Universum dich daran hindern, uns zu lieben.
Deine Liebe ist unverdient und kommt aus freien Stücken. Du selbst bist der Grund für die Liebe, mit der wir
geliebt werden

A.W. Tozer

Unbegreifliche Liebe

Ich scheue mich nicht, mit einzustimmen in das Bekenntnis Tozers, dass wir Gottes Liebe nie ausloten können. Von daher werden wir auch nie ganz sagen können, was sie ist. Eine Liebe, die aus sich selbst heraustritt und mich ohne Ursache sucht und aus freien Stücken erwählt, ist unbegreiflich. John Wesley drückte es so aus: »Er hat seine Liebe zu uns begründet, er liebt uns, weil er uns lieben wollte«. Das ist, wie Paulus sagt, »die Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft« (Eph. 3,19).

Diese Tiefen der Liebe Gottes möchten erforscht, erkannt und erwidert werden. Wir sind eingeladen in der Gegenwart des Höchsten über sein liebendes Wesen nachzudenken und ihn anzubeten. Es gab Zeiten in der Kirchengeschichte, da war das anbetende Nachsinnen über die Tugenden Gottes wesentlicher Bestandteil der Jesusnachfolge. Das war sicher auch die Quelle, aus welcher der Liederdichter Tersteegen seine Einsichten in das Wesen Gottes gewonnen hat:

»Ich bete an die Macht
der Liebe,

Die sich in Jesus offenbart;

Ich geb’ mich hin dem freien Triebe,

Wodurch ich Wurm geliebet ward;

Ich will, anstatt an mich zu denken,

Ins Meer der Liebe mich versenken.«

 

An zwei Stellen bezeugt der Apostel Johannes »Gott ist Liebe« (1. Joh. 4,8.16). Nun hat er keine Definition geben wollen, sondern er hat damit die in Jesus Christus hervorleuchtende und sich verschenkende Eigenschaft seines Wesens beschrieben. Gleichzeitig hat Johannes sie als eine Tatsache bezeugt. Was immer Gott tut, ist verursacht durch seine Liebe, somit sind sein Reden und Tun ein Ausdruck derselben Liebe. Es täuschen sich, die da behaupten, dass im Alten Testament die Gerechtigkeit Gottes und sein Gerichtshandeln die Liebe überschatten. Seine Liebe steht hinter und über allem, was Gott in der Geschichte offenbart und gibt ihr damit einen Sinn. Von der Berufung Abrahams bis hin zum Gericht über das Volk Gottes, als es ins Exil geführt wurde. Die Liebe Gottes ist in die Textur des Alten und Neuen Testaments eingewebt.

In Verbindung mit seinen anderen göttlichen Eigenschaften wird die Liebe Gottes ausgemalt. Mit Blick auf die ewige Existenz Gottes erkennen wir, dass seine Liebe keinen Anfang und kein Ende hat. Weil Gott allgegenwärtig ist, so ist seine Liebe ohne Grenzen. Weil Gott heilig ist, so ist seine Liebe voller Reinheit.

Agape ist die aus sich selbst heraustretende, sich selbstlos opfernde Liebe. Diese Liebe war im kulturellen Klima der griechisch-römischen Welt zur Zeit Jesu unvorstellbar. Überlegenes Machtgehabe und degenerierte Begierden hielten Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft für Schwäche. Darum mussten die Schreiber des Neuen Testaments – in Abgrenzung gegen jedes andere menschlich verflachte Verständnis von Liebe –
einen neuen Begriff einführen. Sie haben eigens ein Wort aufgenommen, das im Profangriechisch seiner Zeit kaum gebräuchlich war, agape.

Einzigartige Liebe

Der christliche Glaube kennt eine Liebe, die alle religiösen Vorstellungen und Philosophien der Völker weit überragt. Dort wo der Islam seine Feinde zerschlagen möchte (siehe die Aufforderung zum Jihad als sechste Säule des Islam), da sucht die Liebe Gottes die Feinde Gottes in seiner Liebe zu versöhnen. Und das nicht nur gedanklich philosophisch, sondern praktisch. Jesus lehrt: »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen« (Mt. 5,44).

Da wo der Hinduismus seine launischen Gottheiten erhebt und dabei den Menschen in seiner sündhaften Unwissenheit verachtet, da neigt sich die barmherzige Liebe Gottes herab. Sie ist bereit, für den Sünder zu sterben, damit der Begnadigte zur Gerechtigkeit Gottes wird. Jeder informierte Hindu spürt etwas von der ethischen Überlegenheit Jesu. Nun braucht es Jünger Jesu, bei denen diese Liebe Fleisch wird.

Dr. John Thiessen berichtet von dem Zeugnis einer jungen Missionarin aus Europa. Es spricht für viele ähnliche Begegnungen. Sie kam als eine Pflegeschwester auf das Missionsfeld. Nach einigen Monaten stand sie vor der Wahl, in einer Aussätzigenstation oder in einem Missionskrankenhaus Dienst zu tun. Sie wählte die Aussätzigenstation. Man fragte sich besorgt, ob sie dort ihre fröhliche Art verlieren würde. Das Gegenteil war der Fall. Für die Kranken und Sterbenden war sie eine ständige Quelle des liebenden Trostes. Ein indischer Wissenschaftler, ein Hindu, kam im Rahmen seiner Forschungsarbeit auf die Station. Er bewunderte ihre Art des Umgangs mit den Kranken: »Sie müssen sehr viel Sympathie für diese Leute haben.« »Sympathie? Damit wäre ich hier nicht weit gekommen. Ich wäre mit Sympathie schon längst davongelaufen.« Das ist die Liebe Gottes, die nicht nur ein gutes Gefühl, sondern den Willen zur Liebe hervorbringt.

Der Mensch, der sich der Liebe Gottes öffnet und sich entscheidet zu lieben, ist in Übereinstimmung mit der größten Macht im Universum. Schließlich sind Christen dazu bestimmt zu lieben und diese Bestimmung ist in ihr neues Wesen geschrieben. »Die Liebe Gottes ist ausgegossen durch den Heiligen Geist in unsere Herzen« (Röm. 5,5). Wenn wir lieben, erfüllen wir unsere Bestimmung. Und während die Liebe bereit ist, unmöglich große Aufgaben auf sich zu nehmen, vermittelt sie doch gleichzeitig des Geistes Kraft und beflügelt uns im Tun. Es ist so viel leichter von Liebe getrieben als von Pflichterfüllung gedrängt zu dienen. Das Joch der Pflichterfüllung ist schwer, das Joch der Liebe ist leicht.

Amy Carmichael (1867-1951) war die Gründerin der weit über die Grenzen bekannten Dohnavur-Gemeinschaft in Süd-Indien. Dieser Ort war bekannt als Zuflucht für Tempelkinder, aber auch als Ort der Liebe Jesu. Immer wieder betonte Amy die Grundsätze für das Zusammenleben in ihrer Gemeinschaft. »Seid niemals beleidigt. Nimm niemals Anstoß. Das ist kleinlich. Wir sollten uns beieinander sicher fühlen. Lasst niemals eine Wurzel der Bitterkeit aufwachsen. Bitterkeit ist höchst gefährlich und entweiht uns. Liebt! Geliebte lasset uns lieben. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt in diesem einen Wort: Du sollst lieben.«

Verändernde Liebe

Ausmaß und Tiefe der Liebe Gottes sind am klarsten an Jesus zu sehen, an der Bereitschaft des Schöpfers zur Selbstentäußerung und zum Gehorsam bis ans Kreuz. »Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde« (Joh. 15,13). Seine Auferstehung beweist die Unbesiegbarkeit dieser Liebe. »Sie ist stärker als der Tod« (Hohel. 8,6). Der Heilige Geist macht diese Liebe zur inneren Realität und tiefen Gewissheit des Gläubigen. Durch ihre schöpferische Kraft werden Gläubige schrittweise in das Bild Jesu verwandelt (Röm. 8,9-30). Blaise Pascal lobt die umgestaltende Kraft der Liebe Gottes. »Die Liebe bringt Qualitäten hervor, die zuvor nicht zu finden waren. Ein gemeiner Mensch wird großherzig. Ein Geiziger findet Freude am Teilen. Ein kaltherziger und unbarmherziger Mensch wird herzlich und gastfreundlich. Jemand der zugeschnürt und ohne Gefühl ist, erfährt, wie sein Herz befreit wird, während die Liebe fließt.«

Zu guter Letzt hat der Herr Freude an dem Gegenstand seiner Liebe. Die Heiligkeit Gottes ist entsetzt über die verkehrten Wege seiner Auserwählten, und doch sind alle an Christus Gläubigen Gegenstand der Freude Gottes. »Denn der Herr, dein Gott, ist bei dir ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein« (Zeph. 3,17).

Hartmuth Hanisch,
Pastor in
Braunschweig