Perspektiven  - Juni-Juli 2001
Inhalt:  Muss ein Opfer weh tun?            Geld: Schein- Heilig     
           Kann den Börse Sünde sein        Mühlan: Sein Geld, mein Geld, unser Geld


Muss ein Opfer weh tun?

Viele haben ihn schon gehört, diesen Satz: »Ein Opfer muss wehtun!«
Dahinter steckt der Gedanke, dass meine Gabe vor Gott umso mehr zählt, je schwerer es mir fällt, sie zu geben.

Es kommt
auf die innere Haltung an

Diese Ansicht mag verbreitet sein. In der Bibel begegnet uns jedoch ein ganz anderes Bild vom Geben:

Dankbarkeit

Die ersten beiden, die den Zehnten gaben, waren Abraham (1. Mose 14,20) und Jakob (1. Mose 28,22). Sie waren nicht aufgefordert worden, eine Abgabe zu leisten, sondern entschieden sich aus freien Stücken dazu. Sie waren gesegnet worden und empfanden es als angemessen, ihre Dankbarkeit auch mit einer Gabe auszudrücken.

Durchgängig ist zu beobachten, dass das Geben immer eine Reaktion auf erhaltenen Segen war. So beschreibt 5. Mose 26, wie die Darbringung des Opfers im Tempel abzulaufen hatte: Der Israelit übergab sein Opfer dem Priester und sagt: »Ich bekenne heute dem Herrn, deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der Herr, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte.« Und dann sollte er fortfahren und sich daran erinnern, aus welcher Not der Herr sein Volk herausgeführt hatte, »...und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt«. Das bedeutet doch: Alles, was wir haben und sind, verdanken wir unserem Gott. Ihm gehört eigentlich jede Mark in meinem Geldbeutel. Das will ich bekennen, indem ich ihm etwas davon zurückgebe.

Freude

Dementsprechend war das Opfern keine trübe Zwangshandlung, sondern ein freudiges Ereignis. Das Geben des Zehnten war mit einem ordentlichen Fest verbunden, an dem die ganze Familie sowie das gesamte Personal teilnehmen sollte (vergleiche 5. Mose 12 und 14).

Auch Sirach 35,11 macht die Grundhaltung deutlich, welche damals das Geben begleitete: » Was du gibst, das gib gern, und bringe den Zehnten fröhlich dar.«

Paulus unterstreicht ebenfalls, dass es Gott auf die Haltung unseres Herzens ankommt. Gerade auch beim Geben: »So soll jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er geben will, und zwar freiwillig und nicht, weil die anderen es tun. Denn Gott liebt den, der fröhlich und bereitwillig gibt« (2. Kor 9,7). In anderen Übersetzungen ist hier von Unwillen, Verdruss und Zwang die Rede. Diese Gefühle sollen unser Geben nicht begleiten.

Die Bibel ist hier eindeutig: Wenn wir unseren Zehnten geben, sollen wir Dankbarkeit und Freude empfinden, nicht Schmerz und Frust. Wenn doch einmal der Schmerz vorherrscht, kann das daran liegen: Vielleicht haben wir uns beim Geben mehr Gedanken darüber gemacht, was uns jetzt fehlen wird, als darüber, was wir alles von Gott bekommen haben.

Geben –
keine Sache der Beliebigkeit

So sehr die Bibel Wert darauf legt, dass Geben eine Sache der richtigen Einstellung und des fröhlichen Herzens ist, sowenig sieht sie darin eine Sache der Beliebigkeit. »Ich, der allmächtige Gott, fordere euch nun auf: Bringt den zehnten Teil eurer Ernte in vollem Umfang zu meinem Tempel, damit in den Vorratsräumen kein Mangel herrscht!« (Mal 3,10). Der Tempel, die Gemeinde hat Verpflichtungen. Gott will mit ihrem Geld etwas tun. Und dazu muss jeder seinen Anteil geben und kann sich nicht auf die anderen verlassen.

Auch Paulus, den ich soeben mit dem Gedanken zitiert habe, dass jeder für sich selber entscheiden soll, wie viel er geben will, schreibt im gleichen Zusammenhang: »Ich bin davon überzeugt: Wer wenig sät, der wird auch wenig ernten; wer aber viel sät, der wird auch viel ernten«(2. Kor 9,6). Und im Bezug auf die Geldsammlung für die Gemeinde in Jerusalem: »Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe, die wir in euch erweckt haben, so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat« (2. Kor 8,7).

Als Paulus die Korinther auffordert »gebt reichlich«, fügt er hinzu: »Natürlich will ich euch nichts befehlen. Aber angesichts der Opferbereitschaft der anderen würde ich gern sehen, wie echt eure Liebe ist« (2. Kor 8,8). So hat jemand einmal in Abwandlung von 1. Johannes 4,20 erklärt: »Wenn einer sagt, er liebe Gott und das hat nichts mit seinem Bankkonto zu tun, dann ist da etwas faul«.

Wofür soll die Gemeinde Gottes Geld verwenden?

Der Pastor

So wie im Alten Testament das Tempelpersonal vom Zehnten finanziert wurde,
so muss heute genug Geld in der Gemeindekasse sein, um dem Pastor ein Gehalt zahlen zu können. Von den Ältesten der Gemeinde sagt Paulus, dass ein Arbeiter seines
Lohnes wert ist, und im 1. Korinther 9,11 unterstreicht er diesen Gedanken: »Wir haben nun unter euch die geistliche Saat - das Wort Gottes - ausgesät. Ist es da wirklich zu viel verlangt, wenn ihr uns dafür mit dem versorgen würdet, was wir zum Leben brauchen?« Hierbei ist sicher zu überlegen: Wenn ein Pastor kaum mit seinem Geld auskommt und jeden Monat Energie verschwenden muss, um über die Runden zu kommen, dann ist das für seinen Einsatz in der Gemeinde nicht förderlich.

Das
Gemeindehaus

Für unsere Art des Gemeindelebens ist ein Gemeindehaus von großem Vorteil. Dass dies nicht umsonst zu haben ist, weiß jeder, der Miete oder Raten für sein Eigenheim zahlt. Jemand sagte: »Man muss noch nicht mal Christ sein, um zu begreifen, dass man das ganze Angebot einer Gemeinde nicht zum Nulltarif haben kann.

Bedürftige

Ein Teil des Zehnten stand den Witwen, den Waisen, den Armen und den Fremdlingen zu. Denjenigen also, die keine gesicherte wirtschaftliche Versorgung hatten. Diese Menschen fängt in unserem Land das soziale Netz auf. Eine Gemeinde sollte jedoch nie der Versuchung erliegen, ihre gesamten Einnahmen nur für eigene Zwecke zu verwenden. An Schwächere denken ist ein zutiefst göttlicher Gedanke. Sei es über den Gemeindebund an finanzschwache Gemeinden im Inland, an hungernde Geschwister im Ausland oder direkt an einen Missionar.

Gott segnet

Interessant ist, dass sowohl bei Maleachi als auch bei Paulus die Aufforderung zum Geben verknüpft ist mit der Zusage, dass die Gabe den Geber nicht arm machen wird. Gott wird seinen Segen geben. Nicht nur materiell, sondern weit darüber hinaus. »Er wird euch dafür alles schenken, was ihr braucht, ja mehr als das. So werdet ihr nicht nur selbst genug haben, sondern auch noch den anderen Gutes tun können« (2. Kor 9,8). Bei Gott ist neun mehr als zehn. Die spezielle Mathematik Gottes lässt sich bereits am Sabbat-Gebot erkennen: Sechs (Tage Arbeit) bringen mehr als sieben. Wir sollten nicht nur unsere menschlichen Taschenrechner bemühen, wenn wir berechnen, ob wir von 90 Prozent unseres Einkommens wirklich leben können.

Balance zwischen
Freiheit und Verpflichtung

»Ja ist es denn nun eine freiwillige Sache oder eine Verpflichtung?«, mag jemand fragen. Meiner Ansicht nach ist es beides, und wir müssen aufpassen, dass wir keine der beiden Seiten überbetonen.

Wenn wir nur auf die Freiwilligkeit setzen und betonen, dass jede gegebene Mark dankbar begründet werden muss, kann es sein, dass die Gemeinde im nächsten Monat ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen kann. Dagegen wendet sich Gottes Wort deutlich (siehe oben).

Wenn wir andererseits nur die Verpflichtung hervorheben, können wir dahin kommen, das unsere Spende zu einer Steuer, einem Vereinsbeitrag ver­kommt. Auch das ist nicht im Sinne Gottes, der unsere Gabe aus freudig dankbarem Herzen entgegennehmen möchte. Es soll ein Ausdruck dessen sein, was wir von Gott begriffen und ergriffen haben.

Die wichtigste Lehre aus diesem Thema scheint mir zu sein, dass ich auch die Verwendung meiner Finanzen mit Jesus bespreche. Und dazu gehört natürlich auch, dass wir über mein Spen­denverhalten reden. Und wenn wir das tun, dann darf ein Opfer natürlich auch mal wehtun!

Andreas Bürgin