Perspektiven  - April-Mai 2001
Inhalt:  Hiob: Hinter den Kulissen                                   Interview: Wenn der Ehepartner schwer krank wird     
           Gottes Hand und das Handeln der Menschen      Maria Magdalena beim Grab


Maria beim Grab

Sicherlich kennst du die Geschichte von Maria beim Grab. Jedoch empfehle ich dir, bevor du weiterliest, den Bericht in Johannes 20,11-18 zu lesen.

Die Maria, um die es hier geht, ist nicht Jesu Mutter, sie ist auch nicht Maria die Schwester von Lazarus, sondern es geht um Maria Magdalena. Sie stand vor dem Grab und weinte. Was ist passiert?

Frühmorgens war sie mit einigen anderen Frauen beim Grab gewesen, um den Leichnam Jesu zu salben. Aber voller Erstaunen fanden sie das Grab leer. Die anderen Frauen gingen hinein, aber Maria lief zu Petrus und Johannes und erzählte ihnen, was geschehen war. Die beiden liefen sofort zum Grab – es war leer. Wir lesen von Johannes: er sah und glaubte. Plötzlich verstand Johannes, dass Jesus wirklich auferstanden war, wie er vorausgesagt hatte. Danach gingen sie wieder nach Hause.

Aber Maria stand vor dem Grab und weinte. Wir können uns vorstellen, dass sie auf ihr Leben mit Jesus zurückblickte:

In Lukas 8 lesen wir, wie sie eine mächtige Befreiung von sieben bösen Geistern erlebte. Danach heißt es, dass sie zu den Frauen gehörte, die Jesus zusammen mit den Jüngern folgten. Sie gingen von Dorf zu Dorf, und Maria war ganz dicht dran am Wirken Jesu. Maria Magdalena und einige andere Frauen waren bei der Kreuzigung dabei. Außer Johannes wird da keiner der anderen Jünger erwähnt.

Zusammen mit einer anderen Maria war sie bei Jesu Grablegung anwesend (Mt 27,61). Sie gehörte zu den Ersten beim leeren Grab, obwohl sie nicht wie die anderen einfach hineinging.

Maria war fasziniert vom Leben Jesu. Es hatte alles für sie bedeutet – und jetzt war er plötzlich verschwunden, und sie hatten sogar seinen Leichnam gestohlen.

Sie stand vor dem Grab und weinte. Sie war wie versteinert. Die anderen Frauen waren im Grab gewesen und weggegangen. Petrus und Johannes waren da gewesen und wieder nach Hause umgekehrt. Sie hatten sich damit abgefunden, dass Jesu Leichnam verschwunden war, aber Maria konnte das nicht. Sie war in ihrer Trauer gefangen: Es konnte einfach nicht wahr sein, dass Jesus weg war. Er – der für sie alles bedeutet hatte; er – für den sie gelebt hatte; er – dem sie gefolgt war, war plötzlich einfach weg!

Sie konnte diesen Verlust nicht verschmerzen. Sie war wie versteinert und konnte mit ihren Gedanken nicht weiterkommen.

Im Kummer
gefangen

Wie es Maria ging, kann es auch uns gehen: Vielleicht verlieren wir jemanden aus unserer nächsten Umgebung, vielleicht ist eine andere Katastrophe in unserem Leben geschehen, und wir kommen einfach nicht weiter. Unsere Gedanken werden verschlossen – wir versteinern in Trau­er oder anderem Kummer.

Aber obwohl Maria in ihrem Kummer gefangen war, machte sie eines richtig: Sie weinte. Das Weinen kann manchmal die beste Therapie sein, wenn wir in einer Krise stecken, die wir nicht selber durchschauen können. Durch das Weinen bekommt die eingeschlossene Sorge einen Ablauf. Wir geben einem Leid Ausdruck, das wir nicht in Worte fassen können. Das Weinen führt zur Erkenntnis einer Wahrheit. Man stellt sich auf die neue Lage ein.

Das Weinen hatte auf Maria diese heilende Wirkung. Sie gelangt zu der Erkenntnis: »Ich kann nicht einfach hier vor dem Grab stehen bleiben. Auch wenn das, was geschehen ist, sehr erschütternd ist, muss es weitergehen mit dem Leben

In Vers 11 lesen wir: »Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab.« Erst weist sie den Tod ab, aber dann bekommt sie Mut, ins Dunkel zu schauen. Sie bekommt Mut, der Lage ins Auge zu sehen.

Sie tut hier einen wichtigen Schritt. Wäre sie nicht weitergekommen, hätten sich die Tränen in Wut, Bitterkeit und Enttäuschung gewandelt. Wenn sie nicht der Sorge freien Lauf gelassen hätte, hätte das Gegenteil passieren können: Die Sorge wäre eingeschlossen geblieben, und es hätte anfangen können, in ihr drin zu kochen.

Was ich hier schreibe, ist nicht bloße Theorie. Es gibt Menschen, die in ihrem Leid wütend, enttäuscht und verbittert werden. Sie kehren sich von ihren Freunden und Verwandten ab – und im schlimmsten Fall auch von Gott.

Wenn in unserem Leben etwas Tragisches passiert, kommt der Zeitpunkt, wo wir das Dunkel ins Auge fassen müssen.

Wenn ein uns Nahestehender stirbt, kommt der Zeitpunkt, wo wir dem Tod ins Auge sehen müssen – ihn akzeptieren.

Wenn uns eine Tragödie widerfährt, kommt der Zeitpunkt, wo wir der Sache ins Auge sehen, uns ausweinen und weiterkommen müssen.

Maria traut sich, ins Dunkel zu schauen. Anstatt draußen zu bleiben – versteinert und verbittert – entscheidet sie sich, dem Ungewissen zu begegnen. Sie lässt sich auf das Mysterium ein. Sie schaut ins Dunkel … und das Dunkel offenbart Licht. Sie sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, da, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

Die weißen Kleidern sind ein Symbol für Heiligkeit. Sie symbolisieren, dass das Leben über den Tod gesiegt hat, das Licht über das Dunkel, die Gnade über die Sünde.

Maria traute sich, ins Dunkel zu schauen. Das ist ein schönes Bild dafür, dass es auch Licht gibt, wenn wir durch die größte Dunkelheit gehen – wir müssen nur in die richtige Richtung sehen. Wie schön steht es doch in Psalm 23: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir

... alle Tage

Und sie sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. (V. 13-14)

Marias Verhalten scheint hier beides zu sein: drollig und tragisch. Sie tut alles, um Jesus zurückzubekommen, aber sieht nicht, dass er gleich neben ihr steht. Sie ist immer noch auf das Vergangene fixiert. Jesus ist nahe – auch wenn wir ihn nicht erblicken können. Das Letzte, was er seinen Jüngern verspricht, ist ja: »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« (Mt. 28,20). Jesus ist bei uns alle Tage – auch wenn wir ihn nicht fühlen. Er steht an unserer Seite, wie er bei Maria stand. Er trägt uns durch Lebensphasen hindurch – auch (oder eben) wenn wir glauben, dass wir ganz alleine sind. Er ist bei uns alle Tage. Die Frage ist, ob wir bei ihm sind. Ob wir ihm Platz einräumen in unserem Leben.

Etwas Weiteres, was wir bemerken müssen, ist, dass Jesus sich Maria in zwei Stufen offenbart. Erst sagt er: »Frau, was weinst du« (V. 15). Dann sagt er: »Maria!« (V. 16).

Warum offenbart sich Jesus nicht gleich?

Die Antwort ist wohl, dass er ihr in ihrer Lage entgegenkommen möchte. Hätte er sich sofort als der Auferstandene offenbart, wäre es zu viel für Maria gewesen. Darum kommt Jesus ihr entgegen in ihrem Zweifel und ihrem Kleinglauben. Er begibt sich auf ihre Stufe herunter.

Jesus offenbart sich Maria in zwei Stufen. Das erste Mal distanziert – das zweite Mal als eine persönliche Offenbarung. Er sagt: »Maria!« (V. 16). Auf einmal fällt der Schleier von ihren Augen und sie sieht, dass es wirklich der Auferstandene ist, der vor ihr steht. Als Maria sich auf Jesu erste Frage einlässt, kann er den nächsten Schritt gehen und sich ihr persönlich offenbaren.

Der neue Anfang

Der Text zeigt uns auch, dass Maria sich zwei Mal Jesus zuwandte (V. 14 u. 16). Das erste Mal war sie distanziert. Ihre Gedanken waren woanders. Als Jesus sie beim Namen nannte und sie ihn als den Auferstandenen erkannte, wandte sie sich ihm mit ihrem ganzen Wesen zu.

Das Gleiche müssen wir tun: Wenn wir Jesus als den Auferstandenen erkennen, ihn als unsern persönlichen Retter aufnehmen, dann müssen auch wir umkehren. Wir müssen das Vergangene – das frühere Leben hinter uns lassen und anfangen, das neue Leben zu leben. Wie Maria müssen wir uns mit unserem ganzen Wesen Jesus entgegenkehren. Nicht nur in unseren Gedanken, sondern auch mit unserem Willen, in unserem Alltag, mit unseren Prioritäten – ja mit einem ganzen Herzen müssen wir umkehren.

Wir sehen auch, dass dies für Maria nicht einfach war. Jesus sagte zu ihr: »Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater« (V. 17). Das Problem bestand nicht darin, dass Maria Jesu Auferstehungsleib berührte. Das hat Thomas ja auch getan. Das Problem war, dass Maria wünschte, im Alten zu bleiben. Sie wollte ihren alten Eindruck von Jesus bewahren – als derjenige, der mit ihnen ihr irdisches Leben lebte, der mit ihnen von Dorf zu Dorf wanderte, der genauso war wie vorher.

Aber Jesus sagt, dass er zum Vater auffahren wird. Damit sagt er: »Unsere Gemeinschaft wird nicht länger eine irdische sein – aber wenn ich zum Vater emporsteige, wird es eine neue Gemeinschaft. Ich werde in deinem Herzen wohnen. Es wird reicher und gesegneter, als es je hier auf Erden hätte sein können

Maria sollte sich dieser neuen Gemeinschaft öffnen – daran glauben, damit rechnen, sie annehmen. Jetzt war Maria imstande loszulassen, um hinzugehen und den anderen Jüngern zu verkünden: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt (V. 18).

Der Bericht von Maria ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Jesus imstande ist, ein versteinertes Herz aufzuschließen. Am Anfang steht Maria beim Grab – in der eigenen Trauer festgefahren. Aber sie weint sich aus und traut sich, ins Dunkel zu schauen – da findet sie Licht. Und Schritt für Schritt sehen wir, wie sie den Auferstandenen erkennt. Nach diesem Kennen lernen kann sie das Grab verlassen – frei, froh und mit neuem Mut zum Leben.

Der Schlüssel für Menschenherzen

Das zeigt uns: Jesus ist imstande aufzuschließen. Er kann jedes Menschenleben verwandeln. Er hat den Schlüssel für alle Menschenherzen.

Aber er ist auch höflich. Er kommt nur in unser Leben, wenn wir es selber wollen. Darum sagt er auch: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir (Offb 3,20).

Jesus möchte nicht in unser Leben hineinbrechen, aber wenn wir die Tür öffnen, kann er hineinkommen. Und er hat Schlüssel für Türen in unserem Leben, die wir nicht selber öffnen können: Er kann uns helfen, Kummer, Bitterkeit oder Hass zu überwinden. Er kann uns fähig machen, zu vergeben, unseren Nächsten zu lieben, demütig zu sein.

Darum: Öffne deine Lebenstür und lass Jesus herein! – Und wenn er hereingekommen ist, dann erlaube ihm, auch die Türen zu öffnen, die nur er öffnen kann.

Kent Nörholm ist Pastor in Aarhus, Dänemark

Johannes 20,11-18

11 Inzwischen war auch Maria zurückgekehrt und blieb voll Trau­er vor dem Grab stehen. Weinend schaute sie in die Kammer

12 und sah plötzlich zwei weiß gekleidete Engel an der Stelle sitzen, an der Jesus gelegen hatte; einen am Kopfende, den anderen am Fußende.

13 »Warum weinst du?« fragten die Engel. »Weil sie meinen Herrn weggenommen haben. Und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben«, antwortete Maria Magdalena.

14 Als Maria sich umdrehte, sah sie Jesus vor sich stehen. Aber sie erkannte ihn nicht.

15 »Warum weinst du?« fragte er sie. »Und wen suchst du?« Maria hielt Jesus für den Gärtner und fragte deshalb: »Hast du ihn weggenommen? Dann sage mir doch, wohin du ihn gebracht hast. Ich will ihn holen.«

16 »Maria!« sagte Jesus nun. Da fuhr sie zusammen und erkannte ihn. »Rabbuni!« rief sie (das ist Hebräisch und heißt: Mein Meister).

17 Doch Jesus wehrte ab: »Halte mich nicht länger fest! Denn ich bin noch nicht zu meinem Vater zurückgekehrt. Gehe aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich gehe zurück zu meinem Vater und zu euerm Vater, zu meinem Gott und zu euerm Gott!«

18 Maria Magdalena lief nun zu den Jüngern und berichtete ihnen: »Ich habe den Herrn gesehen!« Und sie erzählte alles, was ihr Jesus gesagt hatte.

 

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