Perspektiven  - April-Mai 2001
Inhalt:  Hiob: Hinter den Kulissen                                   Interview: Wenn der Ehepartner schwer krank wird     
           Gottes Hand und das Handeln der Menschen      Maria Magdalena beim Grab


Gottes Hand und das Handeln der Menschen

Wie kann ich das Wirken und den Willen Gottes mitten im Verhalten und Versagen von Menschen erkennen und annehmen?

Diese Frage gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten im Glaubensleben des Christen. Es hat darüber schon viele wertvolle, aber auch weniger hilfreiche Ausarbeitungen und Darstellungen gegeben. Darum kann dieser Artikel nur ein kleiner Beitrag dazu sein, eventuelle Fehleinstellungen zu hinterfragen und auf bestimmte Beobachtungen hin nachzufragen. Das soll in diesem begrenzten Umfang durch einige Grundaussagen geschehen, die zu einem Überblick verhelfen können und zum Weiterdenken anregen wollen.

1. Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass alles in unserem Leben auf das unmittelbare Einwirken Gottes zurückzuführen sei.

2. Wir sollten aus der Einsicht lernen, dass Gott im Zusammenspiel menschlicher Verhaltensweisen dennoch erreicht, was er will.

3. Wir sollten aus der Bibel erkennen, dass Gott Zusagen nicht selten an Bedingungen knüpft, die nicht immer eingehalten werden, so dass Ergebnisse oft anders aussehen als die darauf hinweisenden Verheißungen.

4. Wir sollten auf das Prinzip ausgerichtet leben, dass Gott nicht das für uns tut, was er im Blick auf Gehorsam und Hingabe von uns erwartet.

5. Wir sollten immer mit der Vorstellung leben, dass es Gott nicht um eine exklusive, sondern effektive Erfüllung seiner Pläne und Zusagen geht.

6. Wir sollten unterscheiden, dass es in der Schrift manchmal um eine von Gott vorgesehene geschichtliche und heilsgeschichtliche Bewahrung und Leitung geht. Manchmal jedoch geht es auch um davon zu unterscheidende Führungen und Fügungen im Leben einzelner Menschen.

Zu diesen sechs speziellen Einsichten möchte ich im Folgenden ergänzende Hinweise geben, die etwas genauer erklären sollen, worum es geht und wie sie biblisch zu begründen sind.

1. Was bewirkt Gott,
und was lässt er geschehen?

Es ist für jeden Christen eine wichtige Ermutigung, dass er mit sich, seiner Lebensführung und seiner Leiderfahrung nicht allein ist, sondern sich an einen liebenden Gott wenden darf. Für jedes Kind Gottes bedeutet es einen großen Trost, dass es sich in den Wechselfällen und Umständen des Lebens in der Gegenwart seines himmlischen Vaters aufgehoben weiß (Psalm 23,4-5; 139,1-6).

Diese Geborgenheit und Sicherheit kann man aber dann sehr schnell verlieren, wenn alles so anders kommt und man vom Herrn her den Sinn eines Geschehens nicht mehr als sinnvoll und von ihm gesandt einordnen kann. Dann ist die Einsicht hilfreich, dass man nicht nur ein neuer Mensch ist, sondern auch in einer gefallenen Welt lebt. Die Defekte des Daseins sind darum nicht nur um uns, sondern auch in uns. Dazu gehören Krankheit, Leid und Tod. Das bedeutet: Auch die Infektionskrankheit oder der Knochenbruch, das Gemütsleiden sowie die Krebserkrankung gehören zur Welt, in der wir leben – auch als Christen. Natürlich kann Gott Unfälle verhindern und Krankheiten heilen. So beten wir und daran glauben wir.

Aber wenn das nicht geschieht, ist die Not nicht unbedingt direkt von Gott bewirkt. Er hat es aber zugelassen, dass man beeinträchtigt ist oder leiden muss. Das gilt auch, wenn nichts Sinn zu haben scheint. Anders gesagt: Gott schickt nicht alles, aber er überblickt alles. Und er hat uns auch dann lieb, wenn er zulässt, dass wir leiden müssen (Römer 8,35-39).

2. Wie verhält sich der Wille Gottes zum
Verhalten der Menschen?

Können Menschen verhindern, was Gott erreichen will, und ist es ihnen somit möglich, den Willen Gottes zu verhindern? Um darüber richtig zu urteilen, ist es nötig, zwischen dem unbedingten und dem allgemeinen Willen Gottes zu unterscheiden. Kein Mensch kann den Herrn in seiner Allmacht begrenzen oder in seinem Tun aufhalten (Psalm 33,9-19). Dennoch lässt er sich auch auf das Handeln und Verhalten, den Gehorsam und Ungehorsam von Menschen ein. So können sie verzögern, was Gott ihnen geben will, und verhindern, dass er ihnen hilft (Matthäus 23,37).

3. Wird alles so geschehen, wie
es Gott vorhergesagt hat?

Auch hier muss wieder unterschieden werden. Da gibt es den in der Bibel dargestellten Ratschluss Gottes, den er von Ewigkeit her in Christus getroffen hat und der sich bis zum Anbruch der Ewigkeit erfüllen wird (Epheser 1,9-10). Daneben gibt Gott den Menschen Zusagen und macht ihnen Angebote. Er knüpft sie aber an Forderungen und Bedingungen. Damit liegt es an den jeweiligen Personen, ob sich die Segnungen auch in ihrem Leben so vollziehen, wie es sein könnte. Das geschieht im Alten Testament (Jesaja 55,6-7; Jeremia 29,11-14) und fast in gleicher Weise auch im Neuen Testament (Matthäus 7,7-8).

Theologisch noch bedeutender ist die Aussage über das alttestamentliche Volk (Jesaja 8,14; 28,16) und die Verheißung über seine Zukunft (2. Mose 19,5-6), die dann vollständig auf die neutestamentliche Gemeinde übertragen wird (1. Petrus 2,6-10). Wer die Bedingungen nicht erfüllt, erfährt auch nicht, dass sich die darauf gegebenen  Zusagen erfüllen.

4. Wird das, was Menschen versäumen,
von Gott ausgeglichen?

Manchmal ist man versucht anzunehmen, dass der Herr schon alles machen wird, auch wenn wir versäumen zu handeln. Sicher kann Gott gnädig mit unserer Schuld und barmherzig mit unserem Zukurzkommen umgehen. Und er tut es auch. Dennoch müssen wir damit rechnen, dass nicht einfach wieder alles gut ist und so weiter läuft, wenn wir ihm nicht gehorsam nachgefolgt sind. Manche Konsequenz selbst verursachter Schuld muss eventuell schon hier getragen werden (1. Korinther 10,6-13).

5. Wie wörtlich sind die Zusagen
Gottes zu erwarten?

Das größte und beeindruckendste Beispiel für die Art und Umsetzung von Verheißungen ist die Ankündigung und das Kommen Jesu in die Welt (Matthäus 1,20-25). Es war für die Jünger nicht einfach, und praktisch unmöglich, die alttestamentlichen Texte mit dem gerade Erlebten zu verbinden (Lukas 24,12-27). Wir müssen deshalb damit rechnen, dass auch persönliche Zusagen sich ganz anders verwirklichen, als wir zunächst annehmen, denn unser Leben mit dem Herr ist nicht auf Planerfüllung, sondern auf Lebensführung angelegt. So hat auch Paulus vom Heiligen Geist nur eine Richtung angedeutet bekommen, ohne dass er gleich wusste, wie seine Geschichte ausgehen wird (siehe Apostelgeschichte 20,22-25 oder auch 2. Korinther 1,15-20).

6.Wie unterscheidet sich Gottes Geschichtshandeln
von unserer Bedürfniserfüllung?

Manchmal wird auf die Geschichte Josefs verwiesen, der in einer ausweglosen Situation von Gott auf wunderbare Weise geleitet, gebraucht und geehrt wurde, obwohl alles und alle gegen ihn waren. Solch ein Bericht darf uns Mut machen, daran festzuhalten, auf den liebenden Gott zu vertrauen, auch wenn man sogar von nahe stehenden Menschen schlecht und ungerecht behandelt wird (1. Mose 45,7; 50,20). Dieses besondere Eingreifen und Leiten Gottes darf man aber nicht zu einer allgemeinen Erwartung erheben, so dass man in allem einen tieferen Sinn entdecken möchte und erfahren will.

Wir sollten uns darin geborgen wissen und damit zufrieden geben, dass wir in des Herren Hand sind, egal was uns auch immer passieren mag (Johannes 10,27-29). Vielleicht fällt uns in diesem Zusammenhang ein: Jesus hat doch gesagt, dass nicht einmal ein Spatz vom Himmel fällt ohne den Willen des Vaters und dass auch alle Haare auf dem Kopf gezählt sind (Matthäus 10,29-31). Hier werden wir Menschen nicht mit Spatzen verglichen, sondern die Spatzen, als damalige Dutzend- und Billigware, mit unseren Kopfhaaren. Mit dieser Darstellung Jesu lehnt sich an die Aussagen im Alten Testament an, dass die Bewahrung der Haare des Hauptes als Bild für die gesamte Bewahrung des Menschen steht (1. Samuel 14,45; 1. Könige 1,52). Den Zuspruch erhielt auch Paulus in Lebensgefahr unter der Führung des Herrn (Apostelgeschichte 27,23-26.34).

Es geht also nicht darum, dass wir von Gott den Haarschnitt erhalten oder unseren Haarausfall zu seinem Anliegen machen, sondern dass wir uns ihm mit Haut/Haupt und Haaren anvertrauen und überlassen dürfen!

  Eckhard Bewernick, Leiter der Christlichen Bildungsstätte Fritzlar