Perspektiven - April-Mai
2001
Inhalt: Hiob:
Hinter den Kulissen
Interview: Wenn der Ehepartner schwer krank wird
Gottes
Hand und das Handeln der Menschen Maria
Magdalena beim Grab
Von
gelösten und ungelösten Lebensfragen
Wenn der Ehepartner
schwer krank wird

Interview
von Eckhard Bewernick mit Pastor Willi Krenz
Eckhard
Bewernick: Du bist mit deiner Frau durch eine Reihe schwerer Entwicklungen und
Zeiten gegangen. Welchen Einfluss hat das auf deine Glaubenssicht und dein Verhältnis
zu Gott gehabt?
Willi Krenz: Du bezeichnest mit Recht den
Zeitabschnitt seit der plötzlichen Erkrankung meiner Frau als eine Reihe von
schweren Entwicklungen und Zeiten. Ich wurde des Öfteren gefragt: »Wie hast du
den Schock erlebt?« Meine Antwort: Ich fühlte mich, als wäre ich im Gedränge
von Menschen ahnungslos hart gegen einen Straßenmast gelaufen. Ich war wie betäubt.
Eine heile Welt schien total in mir erschüttert, zerbrochen zu sein. Ich musste
mich sehr konzentrieren, um dennoch in der Situation bei allen
Verantwortlichkeiten das Richtige zu tun.
E.B.: Welchen Einfluss hatte das alles auf mein persönliches Glaubensleben?
W.K.:Gute
Frage. Eigentlich passierte in meinem Herzen, in meiner Beziehung zum Herrn und
Gott gar nichts Besonderes. Ich war es gewöhnt, mein tägliches Leben mit Gebet
und im Vertrauen auf Gott zu gestalten und alle Aufgaben in gleicher Einstellung
zu verrichten. Dabei habe ich nie einen extra Unterschied gemacht zwischen natürlichen
Aufgaben, sei es in der Familie oder in sonstigen allgemeinen Erledigungen, und
der geistlichen Arbeit als Pastor und Seelsorger der Gemeinde. Meine tiefe
Verbundenheit mit dem Herrn ließ mich immer sehr natürlich bleiben, weil ich
überzeugt bin, Gott hat Menschen geschaffen, weil er echtes Menschsein liebt.
Der Einbruch durch die plötzliche Krankheit meiner Frau hat mir selbstverständlich
tiefen Schmerz und große Ängste bereitet. Doch ich bemühte mich, ganz gezielt
im Vertrauen auf Gott ganz neu wie ein Anfänger zu hoffen, dass er
die rechte Hilfe geben wird. Dazu kam der häufige Zuspruch vieler Beter, die
uns angesprochen, per Telefon oder per Korrespondenz segnend Beistand geleistet
haben - Gott hat erhört und geholfen, viel Kraft und neuen Mut gegeben.
Insgesamt erkannte ich
im ganzen Verlauf der Krankheitssituation meiner Frau, dass der treue Herr bei
aller Zulassung genau das erträgliche Maß von Belastung geschehen ließ. Die
sehr schweren und häufigen Ohnmachts- und Krampfanfälle ereigneten sich nur,
wenn ich im Hause zugegen war. Dann, bei einem besonderen Notfall, als wir beide
im Pkw unterwegs waren, konnte ich meine Frau mit Zureden wach halten, bis sie
im Krankenhaus von der Intensivstation übernommen wurde. Nach wenigen Minuten
kam die Ärztin heraus und erklärte mir, dass bei meiner Frau Herzstillstand
eingetreten war und sie reanimiert werden musste. Sie befinde sich im Koma.
Mehrere Male erlebte ich, dass Gott Minuten und Sekunden gebraucht und seine
Hilfe zu seiner Zeit leistet. Er
ist jedenfalls auch beim Schlimmsten zugegen.
E.B.:
Ihr habt mit einer bestimmten Begrenzung des Lebensalltags umgehen lernen müssen.
Wie gelingt es dir, deine Bedürfnisse und Aufgaben damit zu vereinbaren?
W.K.: Nach etwa drei Monaten
Krankenhausaufenthalt in verschiedenen Orten konnte ich meine Frau als Pflegebedürftige
nach Hause holen. Die Krankheit hat beträchtlichen Schaden hinterlassen. Nun
galt es in der Tat, den ganzen Alltag darauf einzustellen. Der Umzug von Flörsheim
nach Fritzlar war in der Zwischenzeit bewältigt. Doch das Auspacken und Einräumen
in der neuen Wohnung musste noch erfolgen. Dabei hatte die Pflege meiner Frau
bei allem den Vorrang, zumal ihr Befinden noch fast täglich zu neuen kurzen Anfällen
neigte. Die Angst vor dem Schlimmsten war immer noch gegenwärtig, obwohl die
verabreichten Medikamente gute Wirkungen zeigten. Die notwendigen Erledigungen
im Gesamthaushalt nebst der Krankenpflege konnte ich in kleinen täglichen
Etappen bewältigen. Ich übte mich in Gelassenheit, Geduld und im Aufblick zu
Gott. Die Entlastung vom beruflichen Dienst als Pastor in dieser Situation war natürlich eine große
Erleichterung, obwohl ich das Rentnerdasein überhaupt kaum wahrnehmen konnte.
Nun, nach fast drei
Jahren, hat sich der Gesundheitszustand meiner Frau ziemlich stabilisiert. Doch
die Pflegeaufgabe ist nach wie vor zu bewältigen. Die Ansätze zu neuen
Ohnmachtsanfällen haben sich sehr reduziert. Dennoch ist sie sehr auf meine
Anwesenheit rund um die Uhr angewiesen. Nur stundenweise kann ich sie für Einkäufe
oder einen Spaziergang allein lassen.
Wünsche, Ideen und Ziele, die man sich als
Rentner vorstellt, sind auch bei mir gegenwärtig. Einige Reisen und Fahrten
konnte ich bereits mit meiner Frau unternehmen.
Was mich bei allen persönlichen
natürlichen Wünschen stark beseelt, ist die Pflege des herzlichen
Verbundenseins mit meiner ganzen Familie. Daraus strömt viel Freude und Kraft.
Genauso wichtig wie die familiären Beziehungen sind mir die persönlichen
geistlichen Wünsche und Bedürfnisse: Hierbei geht es mir um das regelmäßige
Teilnehmen am ganzen Geschehen des Gemeindelebens. Damit sind auch gute
Beziehungen mit Freunden und Bekannten der Stadt verbunden.
E.B.: Hast du dir
die Warum- und Wozu- Fragen gestellt? Wie siehst und bewertest du die Nöte und
Fragen heute aus einer gewissen Entwicklung heraus?
W.K.: Ganz sicher fragt unser Herz nach dem Warum
und Wozu bei einer schweren Erkrankung oder Behinderung. Ich habe mich in meinem
ganzen Leben immer bemüht, Unerklärliches, Unangenehmes oder Schweres zunächst
auf mich wirken zu lassen, und versucht, daraus Gottes Reden oder Absichten zu
erkennen. Aber meine Grundeinstellung zu Gott war prinzipiell so, dass ich von
Gott erwartet habe, er wird bei
allem etwas Gutes zum Ziel haben oder gar etwas ganz Neues entstehen lassen. Ich
weiß nicht, ob es in meinem natürlichen Denken liegt oder ob es mit meiner
geistlichen Einstellung zu tun hat, dass ich bei auftauchenden Problemen sofort
überlege, was ich persönlich dazu beitragen kann, eine bestmögliche Lösung
zu finden. Ich verschwende kaum Energie mit dem Beklagen oder Bedauern, sondern
konzentriere mich sofort auf bestmögliche Abhilfe. Auf die Krankheit meiner
Frau bezogen, handhabe ich es genauso. Ich bin bemüht, eine sehr positive,
heitere und freudige Atmosphäre für meine Frau und für mich zu schaffen, wenn
auch zwischendurch traurige Gefühle mir den Mut nehmen wollen. Die Frage nach
dem wirklichen Warum und Wozu kann ich nicht konkret beantworten. Die Antwort überlasse
ich anderen oder meinem Gott. Ich möchte mit dem Apostel Paulus sprechen: »Wir
wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen«.
E.B.: In den
vergangenen Jahren hast du manches neu erkennen und lernen müssen. Welchen
Einfluss nehmen diese Einsichten heute auf dein Leben?
W.K.: Ich habe gelernt, dass eine Not sehr plötzlich
alles zusammenstürzen lassen und verändern kann. Aber ich durfte erfahren: mit
Liebe, Geduld und kleinen Schritten gibt es ein Vorwärts im Vertrauen auf des
Herrn tägliche Gnade und Hilfe. Ich habe mich aus tiefer Dankbarkeit zu Gott
freudigen Herzens bereit erklären können, für eine begrenzte Zeit die
Teilaufgabe als Pastor und Seelsorger der Gemeinde Fritzlar zu übernehmen.
Damit darf ich auch als Zeugnis ausdrücken, unser Privatproblem soll nicht die
Hauptsache noch die Mitte unseres Alltags sein, sondern Gottes Reich.
E.B.: Manches hast
du dir für deine Zukunft auch jenseits der Pensionierung und des Ruhestandes
sicher anders vorgestellt. Was würdest du Menschen raten, die mit ähnlichen
Situationen umgehen müssen?
W.K.: Es ist immer gut und konstruktiv, eigene Pläne
zu entfalten. Doch eigene Pläne dürfen nie wichtigster Bestandteil unseres
Lebens werden, sondern Gottes Weg mit uns. Ich rate Menschen in ähnlicher
Situation, sie sollten nie mit Gottes Führungen hadern. Es gilt, Schweres zunächst
anzunehmen, im Glauben als Gottes Zulassen anzuerkennen und mit Gottes heiligem
Geist, der unser Herz tröstet, stärkt und mit überfließender göttlicher
Liebe neu erfüllt, zu rechnen. Gott kann aus allem Neues schaffen und uns nach
bewährter Leidenszeit wieder mit freudiger Begeisterung erfüllen.
E.B.: Wir danken dir für deine offenen Antworten und wünschen euch als Ehepaar und Familie den besonderen Segen Gottes.
Edith Krenz hatte schwere Ohnmachts-
und Krampfanfälle, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Im Zusammenhang
mit den Anfällen stand ihre beeinträchtigte Herzfunktion. Auf der
Intensivstation setzte der Herzschlag ganz aus. Dabei wurden wichtige
Gehirnzellen zerstört. Bei der letzten Krankenhausbehandlung in Kassel, neun
Monate nach Ausbruch der Krankheit, hatte sie wieder einen Herzstillstand und
bekam darauf hin einen Herzschrittmacher. Seither stabilisiert sich ihr
Gesamtbefinden.