Perspektiven  - April-Mai 2001
Inhalt:  Hiob: Hinter den Kulissen                                   Interview: Wenn der Ehepartner schwer krank wird     
           Gottes Hand und das Handeln der Menschen      Maria Magdalena beim Grab


Hinter den Kulissen

 

Die Frage nach dem menschlichen Leid führte schon immer zum Buch Hiob. Hans-Ulrich Linke, Lehrer an der Christlichen Bildungsstätte Fritzlar, beleuchtet die Hintergründe des Buches und erläutert die Antwort Gottes.

Was konnten die Freunde Hiobs nicht wissen?

Die Freunde Hiobs konnten nicht wissen1, dass das bekannte Drama um die Person Hiobs auch als eine Prüfung Gottes angesehen werden kann, die nach den Regeln eines heutigen wissenschaftlichen Experiments durchgeführt wurde.

Gott stellt eine Hypothese in Bezug auf den Charakter und das Verhalten Hiobs auf. Satan, (im hebräischen Text mit Artikel, also nicht als Eigenname), »der Gegner«, fordert ihn heraus, diese »Hypothese« im »Experiment« zu prüfen. Hiob besteht den Test, doch dann fordert Satan eine zweite, noch härtere Prüfung.

Hiob besteht auch die zweite Prüfung, und dann hören wir nichts mehr von Satan, wenigstens nicht mehr direkt. Wir können jedoch sicher sein, dass er nicht aufgegeben hat. Der Schluss des Buches Hiob beschäftigt sich mit der dritten Prüfung, der härtesten von allen: Werden wir, wird sich die »Kriegs- und Nachkriegsgeneration« ihre geistliche Einstellung trotz Wohlstand bewahren können??

Das Buch Hiob beginnt wie ein Schauspiel auf zwei Bühnen, wie es in Theaterstücken ab und zu praktiziert wird.2 Nur wir Bibelleser bekommen durch das erste und das letzte Kapitel des Hiobbuches einen Einblick in die Residenz Gottes im Himmel und sehen gleichzeitig die Ereignisse auf der Erde.

Was wusste der Teufel genau?

Wir wenden unseren Blick zum Thron Gottes und den Ereignissen dort. Die Söhne Gottes sind die Engel (Hi 38,7), und die Engel sind von Gott geschaffen worden als Täter seines Wortes, »dass man höre auf die Stimme seines Wortes« (Ps 103,20). Was hat Satan unter ihnen zu suchen? Er ist fast von Anfang an der große Gegner Gottes gewesen. In der Gestalt der Schlange im Garten Eden überredete Satan Adam und Eva, dem Gebot Gottes ungehorsam zu sein und der Stimme seines Wortes keine Beachtung zu schenken. Im letzten Buch der Bibel wird er ganz klar identifiziert als ».... die alte Schlange, der Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt« (0ffb 12,9).

Zur Zeit Hiobs war es Satan noch nicht gelungen, die Menschen weltweit mit dem Pantheismus zu infizieren. Viele der Nationen wussten noch viel von Gott und waren noch nicht in Vielgötterei abgeglitten, die bereits in Ägypten, Assyrien und anderen Nationen vorherrschte.

Hiob war: »größer als alle Söhne des Ostens« (Hi 1,3) und bekannt für seine Weisheit und Gerechtigkeit. Er glaubte dem Wort Gottes, in welcher Form auch immer er es kannte, und bemühte sich darum, allen »Gesetzen« Gottes zu gehorchen – den Bedürftigen zu helfen, die Ungebildeten zu unterweisen und, ganz allgemein, alles zu tun, was man von einem an den wahren Gott Glaubenden erwarten konnte (Hi 23,12 Hi 29,11-25). Nie erhob er den Anspruch sündlos zu sein (Hi 7,20-21).

Satan wusste sehr wohl, dass Hiob der gottesfürchtigste Mensch auf der ganzen Erde war. Hiob war ein wichtiges Vorbild für die Wirksamkeit des Planes Gottes, und er war von Gott besonders gesegnet und beschützt worden. Mit seinen üblichen Betrügereien konnte Satan Hiob nicht erreichen.

Wie verhält sich Gott zu Satans scheinbarem Wissen
und seiner scheinbaren Macht?

Gott, der Satans Herausforderung vorausahnte, stellte seine eigene »wissenschaftliche Hypothese« auf und behauptete, dass Hiob so rechtschaffen und redlich sei, gottesfürchtig und das Böse meidend, so entschlossen in seinem Glauben, dass er sich niemals von seinem Weg würde abbringen lassen.

Hiobs Reichtum war der Grund für die Herausforderung durch Satan. Gott, der Allwissende, wusste, dass diese Prüfung eines Tages kommen musste. Für eine wirklich schwere Prüfung muss der Verlust sehr groß sein. Darum wurde Hiob zunächst so reich gesegnet, bevor er einer so schweren Prüfung unterzogen werden konnte. Gott gestattete Satan, diese Prüfung durchzuführen (Hi1,12).3

Hiobs Reaktion: »Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!« (Hi 1,21-22)

Aus diesem Bericht erfahren wir noch eine weitere bedeutsame Tatsache. Satan als der »Fürst der Macht der Luft« und als der »Fürst dieser Welt« hat beträchtliche Kontrollmöglichkeiten über den Zeitpunkt und das Ausmaß der physikalischen Prozesse dieser Erde (Eph 2,2).

Der Satan könnte verantwortlich sein für die Blitze, die Hiobs Schafe und Hirten töteten, und für den starken Wind, dem Hiobs Kinder zum Opfer fielen. Satan und seine dämonischen Handlanger haben gleichzeitig die Macht, gottlosen Menschen so starke Eindrücke zu vermitteln, dass sie (unbewusst oder bewusst) tun, was er von ihnen will. Auf diese Weise brachte er vielleicht die Chaldäer dazu, die verbleibenden Herden zu stehlen und Hiobs Knechte und Mägde zu ermorden.

Nicht alle solche Phänomene sind von Satan inszeniert. Die natürlichen Prozesse der Welt lassen manchmal Stürme entstehen, und die heiligen Engel und Gott selbst können jeden dieser Prozesse genauso gut kontrollieren wie die gefallenen Engel. Wir sehen hier jedoch, dass solche Phänomene manchmal auch satanischen Ursprungs sein können, wenn Gott es zulässt. Doch Satan gab noch nicht auf. Er kehrte zu Gott zurück und schlug eine weitere Prüfung vor, die noch härter war als die erste (Hi 2,4-5).

Gott ließ auch diese Prüfung zu (Hi 2,6). Satan handelte schnell und ließ Hiob sich an einer sehr schmerzvollen und quälenden Krankheit anstecken. Sein Körper war übersät »mit bösen Geschwüren, von seiner Fußsohle bis zu seinem Scheitel« (Hi 2,7). Zu allem Übel verlor Hiob auch noch seine Frau. Sie starb nicht etwa wie seine Kinder, sie ließ ihn mit den Worten im Stich: »Fluche Gott und stirb« (Hi 2,9). Genau das erhoffte sich Satan.

Wir sehen hier, dass der Satan den Menschen Krankheiten schicken kann, wenn es seinen Plänen entgegenkommt und Gott es zulässt. Auch der Apostel Paulus musste dies erfahren (2. Kor 12,7).

Es sei noch einmal darauf hingewiesen: Krankheit oder Schwäche sind nicht notwendigerweise ein Angriff Satans. Dies könnte eine Erklärung sein und sollte in Betracht gezogen werden, wenn die Umstände darauf hinweisen, doch in jedem Fall kommen noch viele andere Gründe in Frage.

Wie reagieren die Freunde?

Die vier Freunde Hiobs (Eliphas, Bildad, Zophar und Elihu) tragen zumeist Argumente vor, die auch in der rabbinischen Theologie im Blick auf die Bedeutung der Katastrophen geäußert wurden. Ihr Beitrag blieb, Elihu möglicherweise ausgenommen, durch eine unerbittliche Deutung des Leidens als Folge persönlicher Sünde und Schuld begrenzt. Hätten sie sich darauf beschränkt, menschliche Solidarität in der Sündhaftigkeit nachzuweisen, Hiobs Zustimmung wäre ihnen sicher gewesen; denn nirgends erhebt Hiob den Anspruch, ein vollkommener Mensch zu sein. Doch als sie behaupten, Hiobs Leid sei die zwangsläufige Folge seiner persönlichen Sünde, da bestreitet Hiob leidenschaftlich und konsequent die Richtigkeit ihres Urteils.

Welches ist die Lösung Gottes?

Als Gott schließlich selbst in das Gespräch eingreift: Was sagt er über dieses quälende Problem des menschlichen Leidens – vor allem eines Leidens, das keine offensichtliche Folge einer Sünde ist? Wenn die Behauptung, das Buch Hiob sei geschrieben worden, um dieses Problem zu lösen, richtig ist, was hat Gott dazu zu sagen?

Erstaunlicherweise schweigt Gott zu diesem Punkt! Seine göttliche Botschaft aus dem Sturm heraus umfasst 123 Verse in vier Kapiteln, und doch finden wir nicht ein einziges Wort zu dem Problem des Leidens Hiobs oder auch nur zum Leiden der Menschen im allgemeinen.

Das Thema der Ausführungen Gottes ist die Schöpfung! Die beeindruckende Botschaft aus dem Himmel richtet sich ausschließlich auf die Lehre der direkten Schöpfung aller Dinge durch Gott und seiner erhaltenden Macht. Sie betont Gottes Weisheit, seine Pläne und seine Liebe.

Dies erscheint uns vielleicht zuerst erstaunlich, aber erstaunlich nur deshalb, weil sogar Christen egozentrisch geworden sind, anstatt auf Gott bezogen zu sein. Wir legen besondere Betonung auf persönliches Christentum, persönliche Erfahrungen, Selbstbild, zwischenmenschliche Beziehungen und auf das, was Jesus tun kann, um unseren Bedürfnissen zu begegnen. All dies kann seinen Platz im Leben eines Christen haben. Aber es darf nicht Gott und seine Ziele in der Schöpfung von seinem ihm zustehenden Platz vertreiben. Es darf nicht dazu führen, dass Gott nur noch eine nachgeordnete Rolle in unseren Gedanken und Taten einnimmt.

Nicht, dass die Wahrheit der Schöpfung von Hiob und seinen Freunden nicht anerkannt worden wäre. Tatsächlich steht im Buch Hiob vermutlich mehr über das schöpferische und erhaltende Werk Gottes als in allen anderen Büchern der Bibel.

Gottes Antwort bezog sich direkt auf die persönlichen Bedürfnisse Hiobs und die Bedürfnisse der leidenden Heiligen aller Zeiten und Orte. Dieser Ausweg war: die Anerkennung und Neubestätigung, dass Gott als Schöpfer das Recht hatte, mit seinen Geschöpfen so zu verfahren, wie er es will. »Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben« (1. Mo 18,25), ob unser begrenzter Verstand dies nun verstehen kann oder nicht.

Hiob brauchte nicht zu wissen, warum er leiden musste. Und wir brauchen das heute auch nicht. Manchmal erklärt es uns Gott in seiner Gnade, doch er ist keinesfalls dazu verpflichtet. In manchen Fällen kann Leid Strafe für Sünde oder eine Form erzieherischer Züchtigung sein, und wir sollten mit betendem und unterwürfigem Herzen eine solche Möglichkeit in Betracht ziehen. Hiobs Freunde und Elihu hatten Recht, darauf zu beharren, dass Gott solche Methoden verwendete, wenn es angebracht war. Doch keinesfalls sind sie die übliche und gängige Erklärung für Leid.

Wenn wir wie Hiob aufgerufen sind, Leid oder Trauer zu ertragen, und wenn wir wie er darauf vertrauen, dass es nicht die Folge von Sünde ist, dann wird Gottes großartige Botschaft an Hiob auch auf uns seine heilende Wirkung nicht verfehlen.

Während wir über die Größe seines Schöpfungsaktes, seines fortwährenden erhaltenden Werkes und seine wunderbare Gabe der Errettung staunen, werden wir lernen, unsere eigenen Probleme aus der Perspektive der Ewigkeit zu betrachten.

Hans-Ulrich Linke,
Lehrer an der Christlichen Bildungsstätte Fritzlar

1 Morris H., Der erstaunliche Bericht des Hiob, Christl. Verlagsgesell. Dillenburg 1995. Dies Buch ist die Grundlage dieser Ausführungen.

2 Grünzweig F., Einf.i.d.bibl. Bücher, Hänssler Neuhausen 1991 S. 231.

3 Lamparter H., Das Buch der Anfechtung, Calwer Verl. Stuttgart 1979 S.7: »Hiob! Hiob! Hiob! Sagtest du wirklich nichts anderes als die schönen Worte: ‚Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!’ Sagtest du kein Wort mehr? Warum schwiegst du sieben Tage und Nächte, was ging da in deiner Seele vor?« Kirkegaard.