Perspektiven  - Februar-März 2001
Inhalt:  "Ich glaube nur, was ich sehe"            Bionik und das Original     
           Von der Perfektion der Kakteen...     Ein schier unlösbares Treibstoffproblem


Von der Perfektion der Kakteen ...

... und der Vollkommenheit der Christen

Die Vollkommenheit der Schöpfung gibt uns Einblick in die Wesensart Gottes und Hinweise auf unser Leben als Christen.

Der genaue Blick in die Schöpfung Gottes ist immer wieder neu faszinierend und motivierend. Tief beeindruckt wird man von ihrer Perfektion auf den Konstrukteur schließen müssen. Auch wenn durch die erste Sünde die gesamte Schöpfung gefallen ist, reflektiert sie doch überall die Genialität ihres Schöpfers. »Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen, aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt, so dass sie keine Entschuldigung haben. Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt...« (Römer 1,20-21a).

Jesus selbst hat darauf verwiesen, dass eine Pflanze in ihrer gesamten Gestaltung so wunderbar gebildet wurde, dass niemand in der Lage ist, etwas nur annähernd so gut zu machen: »...Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen...Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen« (Matthäus 6,28b-29).

Nun finden wir im Neuen Testament ebenfalls viele Male die Aussagen, dass wir Menschen vollkommen sein oder uns vollkommen verhalten sollen. Von uns wird, um es in anderen Worten zu sagen, ein geistliches »Know how« (gewusst wie) gefordert. Das betrifft unsere Orientierung an Gott ebenso wie unsere Reaktion gegen Menschen.

Gehen wir diesen Aussagen nach und fragen uns: Was lehrt die Natur den Menschen, und wie verhält sich dazu die Natur des Menschen?

1. Die Perfektion des Kaktus

Der Mensch bezieht die Richtlinien und Merkmale für das, was er Ästhetik (Schönheit, Harmonie) nennt, aus den Vorgaben der Natur (Flora, Fauna). Seinen Sinn für Formen und Farben entnimmt er von ihr in all der kaum zu erfassenden Vielfältigkeit. Wenn sich aber ein bestimmtes pflanzliches Bauprinzip in den verschiedensten Variationen immer wieder vorfindet und auf die menschliche Wahrnehmung einwirkt, dann schafft das einen nachhaltigen Eindruck.

Ein faszinierendes Beispiel dafür ist der »Goldene Schnitt«, der überall in der Natur beobachtet werden kann. Dabei geht es um das am harmonischsten erscheinende Rechteck mit einer Kantenlänge von 21:34 (genau genommen 0,618034 zu 16).

Seit der Renaissance haben Kunstmaler ihre Bilder immer wieder bewusst nach dieser harmonischen Form ausgerichtet, die sie überall in der Pflanzenwelt beobachten konnten. Dabei gingen sie aber nicht selten nur von annähernd perfekten Werten aus, die bei 3:5 oder 5:8 lagen.

Das Original der Natur ist da aber wesentlich genauer und damit auch vollkommener! Zum Beispiel erreichen die Sonnenblumen, bei denen man das sehr leicht beobachten kann, den exakten mathematischen Wert lediglich mit einer Abweichung von etwa vier Tausendstel Prozent.

Ein anderes beeindruckendes Beispiel für Perfektion ist der Kugelkaktus. Die weißen Stachelpolster ziehen sich vom Scheitelpunkt auf spiralen Linien nach außen hin. Dieses Muster entsteht, weil sich im Vorgang des Wachstums aus dem Scheitelpunkt heraus immer neue Stachelpolster schieben und die alten nach exaktem Vorgang zum Rand hin verdrängen.

Genau genommen entstehen sogar zwei Spiralscharen, die sich überlagern. Eine wächst im Uhrzeigersinn, die andere gegen diese Richtung.

Zählt man die letzte, so erhält man 21. Zählt man die andere, kommt man auf 34. Und das entspricht genau dem perfekten Seitenverhältnis eines Rechtecks. Es wird auf sechs Hundertstel Prozent genau erreicht.

Auch von der Seite betrachtet findet man beim Kugelkaktus das gleiche Muster in entsprechender Perfektion. Das dort gebildete Liniennetz wirkt genauso ästhetisch wie das optimal aufgeteilte Rechteck. Die unter ganz bestimmten Winkeln geneigten, verschieden steilen Linien geben der gesamten Ansicht eine lebendige, harmonische Spannung.

Den Versuch, diesen Effekt zu erzielen, haben viele Künstler der alten und neuen Zeit unternommen. Die Natur der Pflanzen zeigt sich mathematisch exakt und geometrisch präzise. Der Techniker müsste bei dem perfekt dargestellten »Goldenen Schnitt« von einem »Superfinish« (perfekte Herstellung) sprechen.

Kakteen sind nicht gerade Pflanzen, die man gerne in die Hand nimmt oder sich anmutig unter die Nase hält. Ihre Stacheln fordern Abstand und Vorsicht. Aber wer sich solch einen Kakteenstachel einmal unter dem Mikroskop ansieht, muss erneut im Blick auf die Präzision ins Schwärmen kommen. Er ist so perfekt glatt gestaltet, dass er weitaus genauer »geschliffen« ist als ein Saphir, den man früher als Nadel für Plattenspieler verwandte, obwohl diese in maschineller Präzisionsarbeit gefertigt wurden.

Dazu noch eine Information: Diese Beobachtungen und Feststellungen sind nicht etwa einem Buch entnommen, das sich bemüht, aus christlicher Sicht die Genialität des Schöpfers anhand seiner Schöpfung zu demonstrieren, um damit zu belegen, dass solche perfekten Pläne auf einen intelligenten Planer verweisen. Die Beispiele gehen in stark verkürzter Weise vielmehr auf ein Buch zurück, das keine Idee darauf verschwendet, irgendwie auf Gott als einzig angemessene Ursache für diese »Wunder der Natur« hinzudeuten. Bezeichnend ist dennoch sein Titel: »Geniale Ingenieure der Natur« mit dem Untertitel: »Wodurch uns Pflanzen technisch überlegen sind« (Lübbe Sachbuch, 1978).

2. Die
Vollkommenheit der Christen

Die Perfektion der Pflanzen erkennen wir durch aufmerksames Hinsehen. Wenn wir aber die Vollkommenheit der Christen entdecken wollen, dann endet das manchmal mit einem betretenen Weggucken. Texte zur christlichen Vollkommenheit finden sich aber zirka 15 – mal im Neuen Testament.

Wie steht es also um unser geistliches »Know how« (gewusst wie)? Was entdeckt Gott als Meister der natürlichen Schöpfung bei uns, den Kindern der neuen Schöpfung ? Die Bibel sagt dazu: »Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus...« (2. Korinther 5,17-18a).

Zunächst muss festgestellt werden, dass die Schrift sehr differenziert über Vollkommenheit spricht und auch relativierend auf das Menschliche verweist.

»Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, dann wird das Stückwerk aufhören« (1. Korinther 13,8-9).

»Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen bin. Ich jage ihm aber nach, ob ich’s vielleicht ergreifen könnte, nachdem ich von Christus Jesus ergriffen bin« (Philipper, 3,12).

Aus diesen Texten können wir bereits ableiten, dass es für uns als fehlerhafte Menschen in einer gefallenen Welt keine absolute Vollkommenheit geben kann. Wir werden immer um unsere Reife ringen und um die Wahrheit kämpfen müssen, solange wir im Diesseits gefangen und im Menschsein verhaftet bleiben.

Dennoch sind wir herausgefordert. Gleich im Anschluss schreibt Paulus weiter: »Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein. Und solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das offenbaren. Nur, was wir schon erreicht haben, darin lasst uns auch leben« (Philipper 3, 15-16).

Wenn der Apostel vorher (Vers 12) darauf hingewiesen hat, dass er eben nicht vollkommen ist, was meint er dann hier (Vers 15), wenn er andere als vollkommen benennt?

Wahrscheinlich ist die Auslegung am besten, bei der genau auf Details im Text geachtet wird. Dann wird man feststellen: Paulus macht hier eine Anspielung auf manche in der Gemeinde, die sich schon für vollkommen halten. Er fordert sie auf, so gesinnt zu sein wie er: »...und jage nach dem vorgestreckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus« (Vers 14).

Wer sich für vollkommen hält, der soll vielmehr seinen unfertigen Zustand erkennen und sich auf den noch vor ihm liegenden Weg konzentrieren. Wer sich nahe zum Herrn hält, der wird das sowieso tun. Schwierig wird es nur bei Menschen sein, die glauben, schon alles erreicht zu haben. Bei der Aussage, dass »euch Gott auch das offenbaren« wird, geht es nicht um irgendeine Offenbarung, sondern genau um diesen Zustand. Das hier verwandte Wort für »offenbaren« bedeutet vom ursprünglichen Sinn her, dass »Schleier weggezogen« werden.

In der Tat haben manche besonders frommen Gläubigen damals wie heute einen ziemlich verschleierten Blick für die Wirklichkeit des Lebens und auf den Zustand ihres Daseins. Es geht also nicht um neue Einsichten, sondern um einen besseren Durchblick. Wer also glaubt, nicht mehr zielbewusst unterwegs sein zu brauchen, der ist offenbar blind für das Ziel geworden. Einbildung ist der Feind der Einsicht.

Der »Goldene Schnitt« im Leben des Christen

Ein anderes Wort aus dem Munde unseres Herrn verweist uns ebenfalls auf das Leben nach göttlichen Maßstäben, ohne damit Vollkommenheit im Sinne von absoluter Perfektheit zu fordern: »...Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte... Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matthäus 5,44b-45.48).

Kein Mensch kann so sein wie Gott. Aber jedes Kind Gottes kann Barmherzigkeit einüben und praktizieren, wenn es darum geht, den Feind zu lieben. Seine Kinder sollen beweisen, dass sie echte Kinder ihres gütigen Vaters sind. Christen dürfen am »Goldenen Schnitt« als Muster Gottes erkennbar sein, »gut aussehen«, aber sich nicht selbst darstellen und nicht wie Kakteen wirken: »stachelig« unnahbar, »stichelnd« verletzend.

Wenn Gott es sogar mit den Bösen und Ungerechten gut meint, dann ist es unsere Aufgabe und Verpflichtung, der subtilen Ichbezogenheit und der schieren Lust zu widerstehen, dem Nächsten eins auszuwischen und ihn mit gezielten »Stichen« fühlen zu lassen, wie wir ihn ausgrenzen und ablehnen.

Um es noch einmal im Anklang an die Ausgangsfeststellungen zu sagen: Auch Christen als neue Menschen schaffen es wohl nicht, aus ihrer Haut zu kommen, aber unter allen »Stacheln«, die sie wohl immer auch haben werden, soll doch Gottes Merkmal für sein Wirken erkennbar werden, der »Goldene Schnitt« als Zeichen dafür, dass man aus seiner Hand kommt und in seiner Hand bleibt.

Eckhard Bewernick

Der Goldene Schnitt

Der Goldene Schnitt verkörpert mit 1:1,618 (= 0,618) die Proportion, die in der Natur am häufigsten vorkommt und meist als ausgesprochen harmonisch empfunden wird. Er lässt zum Beispiel ein vergleichsweise schlankes Blatt Papier entstehen.

Auch bei der Gestaltung eines Bildes (Foto, Zeichnung usw.) spielt der Goldene Schnitt eine Rolle. Er besagt, dass der motivbestimmende Bildteil nicht in die Bildmitte gesetzt werden soll, sondern mehr nach links oder rechts außen oder mehr ins obere bzw. untere Bilddrittel. Das Bild erhält dadurch mehr Spannung, als wenn sich das Motiv genau in der Mitte befindet.