Perspektiven  - Oktober-November 1999
Inhalt:  Carpe Diem - Pflücke den Tag    Nichts kann uns auseinander reißen    Loslassen  


Carpe Diem -
Pflücke den Tag

Sind Christen Genießer oder Verzichtende? Welches ist die richtige Haltung im Umgang mit Gottes Gaben? Thomas Ebel, bekennender Genießer, nimmt uns mit in ein Plädoyer für bewusste Lebensfreude

Schon in meiner Kindheit hatte ich eine gewisse Vorliebe dafür entwickelt, mir trotz meines bescheidenen Taschengeldes Dinge zu leisten, die ich still für mich genießen konnte. Oft ging ich zum Edeka-Händler in unserer Straße und holte mir eine Dose Ananas oder Pfirsiche und einen Becher Sahne. Und dann ging alles ganz schnell. Nachdem die Dose geöffnet, die Sahne geschlagen und das Ganze in ein ausreichend großes Gefäß gefüllt war, fand ich mich plötzlich selbstvergessen in meinem Zimmer wieder, den letzten Löffel der Mixtur aus »light sirup« und vanille-verzauberter Sahne genießend. Ihr werdet es nicht glauben, mir läuft beim Schreiben schon wieder das Wasser im Munde zusammen.

Da mag der eine oder andere fragen, wofür brauchen wir ein Plädoyer für das Genießen und die Sinnlichkeit. Wir erleben in unserer Gesellschaft einen Wertewandel hin zu Selbstbestimmung, Lebensqualität, Genuss und Erlebnisqualität wie nie zuvor. Die Grundhaltung des Hedonismus, also ein auf persönlichen Genuss ausgerichteter Lebensstil, ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark angewachsen. Wäre da ein Artikel über Disziplin, Verbindlichkeit, Leistung, Enthaltsamkeit und Anpassungsbereitschaft nicht angebrachter?

Ich denke, alles hat seine Zeit. Wir neigen ja dazu, immer nur zu reagieren und nicht zu agieren. So möchte ich den Pendelschlag (gegen das Genießen), der ja bekanntlicherweise immer zu weit ausschlägt, ein wenig abfangen.

Ich darf
genießen!

Gott erlaubt, ja er verordnet es mir sogar, mich zu freuen und fröhlich zu sein.

»Denn dort wohnt der Herr. In seiner Gegenwart sollt ihr mit euren Familien feiern, essen und euch an allem freuen, was ihr erarbeitet und von ihm geschenkt bekommen habt« (5. Mose 12,7). Hoffnung für Alle (HfA)

»Also iss dein Brot, trink deinen Wein und sei fröhlich dabei! Denn schon lange gefällt Gott dein Tun! Trag immer schöne Kleider, und salbe dein Gesicht mit duftenden Ölen! Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, solange du dein vergängliches Leben führst, das Gott dir auf dieser Welt gegeben hat. Genieße jeden flüchtigen Tag, denn das ist der einzige Lohn für deine Mühen« (Pred 9,7-9). HfA

»Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen« (1. Tim 6,17).

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Bibelstellen, in denen wir aufgefordert werden, das Leben und alles, was Gott uns darreicht, zu genießen. Gott fordert uns nicht auf, uns von unserer Gesellschaft zurückzuziehen. Er möchte, dass wir ein Vorbild sind im verantwortlichen Umgang mit den Gaben, die er gibt. Nicht Askese und Verzicht sind Früchte des Geistes, sondern die Selbstbeherrschung. Wir dürfen uns nicht dem Fehler hingeben, Genuss und Verzicht gegeneinander auszuspielen: »Christsein ist gleich Verzicht« oder »Christsein ist Genuss pur«. Es gibt vielmehr einen feinen Zusammenhang zwischen Verzicht und Genuss. Wann hast du das letzte Mal gefastet, einen Urlaub ohne Fernseher verbracht oder schon traditionell die »sieben Woche ohne« (Süßes, Alkohol, etc.) vor Ostern erlebt? Oder wie hast du deinen letzten außereuropäischen Aufenthalt mit nicht abgekochtem Wasser und verdreckten Toiletten hinter dich gebracht? Haben nicht diese Zeiten des Verzichtens dazu geführt, dass du mit einer ganz neuen Ehrfurcht auf deinem »Porzellanthron« Platz genommen hast, der Müllabfuhr am liebsten hinterher gewunken hättest, den Wasserhahn im heimischen Bad beim Zähneputzen wieder zugedreht hast und die entbehrten Speisen vor dem Verzehr betrachtet und berochen hast, um sie dann genüsslich zu verschmausen. Nicht der Verzicht an sich ist gut, aber er steigert die Wahrnehmungs- und Empfindungskraft und damit die Genussfähigkeit beträchtlich.

Nur was unverdorben ist, lässt sich genießen. Verdorbenes ist ungenießbar!

»Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist«. Das konnte das Volk Israel erleben, als es vom Herrn in der Wüste mit Manna und Wachteln versorgt wurde. Als sich das Volk aber vom Herrn abwandte und sich ausschließlich den Gaben zuwandte, geschah Folgendes: die Gaben wurden schlecht, ein Teil der Israeliten erstickte an den Gaben und starb. »Als aber das Fleisch noch zwischen ihren Zähnen war und ehe es ganz aufgebraucht war, da entbrannte der Zorn des HERRN gegen das Volk, und er schlug sie mit einer sehr großen Plage. Daher heißt die Stätte ‘Lustgräber’, weil man dort das lüsterne Volk begrub« (4. Mose 11,33.34).

»Der Genuss der Gaben ohne den demütigen Dank gegen Gott führt zuerst in die Perversion und dann in den Tod (siehe Römer 1). Aber das ist nicht gegen die Gaben des Lebens und ihren Genuss gesagt, sondern gegen die Gottvergessenheit, die alles zerstört« (Wolfgang Vorländer, »Der Heilige Geist und die Kunst zu leben«). Da wo wir maßlos konsumieren und nur eine fortwährende Steigerung der Dosis den erstrebten Lustgewinn bringt, sind wir gefangen in dem Käfig, der sich Genusssucht nennt. Der Münchner Soziologieprofessor Ulrich Beck bezeichnet dies als »den Tanz um das goldene Selbst«. Das Hobby verliert seinen Reiz, wenn alle Möglichkeiten in Ausrüstung und zu erreichenden Zielen erschöpft sind. Das, was uns gestern Freude gemacht hat, erfreut uns heute schon nicht mehr so sehr. Unsere Fähigkeit zur Freude nimmt stetig ab.

Dankbar
genießen

Mit dankbarem Genießen und echtem Feiern verhält es sich anders. Wenn wir das Leben wahrhaft feiern, dann üben wir uns darin, uns an den kleinsten Geschenken Gottes zu erfreuen. Neulich stand ich morgens auf unserem Balkon und sah, wie sich die Sonne in einem Regentropfen auf einem frischen weißen Margaritenblatt spiegelte. Die Zeit stand für einen Moment still und ich genoss den Augenblick. Wir können uns heute über etwas freuen, was wir gestern nicht einmal wahrgenommen haben. Unsere Fähigkeit zur Freude nimmt zu. Eine gut gemachte Werbung für einen Gerstensaft erinnerte mich vor kurzem daran, auch die noch so kleine Zeitspanne zu genießen: »Ebel – Der Moment gehört dir!«

Christian Schwarz schreibt in seinem Buch »Anleitung für christliche Lebenskünstler« treffend: »Falls du es noch nicht wissen solltest: Das ganze Leben besteht aus Augenblicken. Versäume vor lauter Aufarbeitung der Vergangenheit und Vorbereitung der Zukunft um Himmels willen nicht das Jetzt!« Willst du weiter von einem Projekt zum nächsten hetzen und die Fülle des Lebens auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben?

Ich rede der Sinnlichkeit das Wort, einfach weil ich feststelle, dass viele Zeit-Genossen (die diesen Namen [Zeit-Genießer] eigentlich gar nicht mehr verdienen) sich hetzen lassen, statt die Zeit zu genießen. Da fahren die Formel-1-Zeithetzer an die Burger-Box und essen fast so schnell, wie Michael Schuhmacher tankt und Reifen wechselt. Nach 17,6 Sekunden wieder im Motodrom des Lebens. Auf der Strecke bleibt die Empfindsamkeit der Sinne. Geradezu abtrainiert haben sich viele die Fähigkeit des intensiven Erlebens, die Moment-Aufnahme.

Gott hat uns die Sinne nicht gegeben, um uns anfech­tungs- und versuchungsanfälliger zu machen, sondern damit wir in unserer Geschöpflichkeit das Geschaffene erfassen und genießen können. Schon die Römer kannten die Dreiheit der aufeinander folgenden Sinneseindrücke color-odor-sapor (Farbe - Geruch - Geschmack). Anblick, Duft, Aroma – schauen, riechen, schmecken – dafür brauche ich nicht irgendeine Delikatesse, obwohl ich auch die nicht verschmähe, sondern da reicht schon ein ganz normaler Apfel. Genießen zu lernen ist eigentlich gar nicht so schwer: Tue das, was du gerade tust, ganz!

Ein kleiner praktischer Tipp zum Schluss: Wenn das Geld zum Geburtstag deiner Liebsten mal wieder nicht für ein Brillant-Collier ausreicht, sprich doch mal mit kleinen Alternativen ihre fünf Sinne an. Ich hab’s vor einiger Zeit so gemacht: Die Augen bekamen ein Bild, die Nase ein Parfum, der Mund ein paar Trüffel, die Haut eine zarte Berührung, und an ihre Ohren lässt meine Frau sowieso nur Wasser und eine CD.

Wäre es nicht ärgerlich, wenn meine Frau sich herzlich für alles bedankt und dann alle Geschenke schön eingepackt auf dem Ge­burtstags­tisch stehen gelassen hätte. So merkwürdig stellen wir uns manchmal an. Gott überhäuft uns mit einer Fülle seiner gute Gaben. Wir bedanken uns auch ganz überschwänglich in wohlformulierten Dankgebeten dafür. Aber wir packen die Geschenke nicht aus, genießen nicht das von Gott Gegebene. Wie strahlen doch unsere Augen, wenn wir das Funkeln der Freude in den Augen eines Beschenkten sehen. Genießen und sich freuen sind elementarste Ausdrücke eines Beschenkten. So wünscht sich Gott von dir neben all dem gesprochenen Dank auch den gelebten Dank im Genuss seiner Geschenke.

Thomas Ebel