Perspektiven  - August-September 1999
Inhalt:  Macht der Glaube krank?    Columbine-Katastrophe     
           Offen werden vor mir     Reichen Glaube und Gebet?


Macht der Glaube krank?

 

Wenn du nur richtig glauben würdest«, sagen die einen. »Löse dich von den Fesseln deines Glaubens«, raten die anderen. Beide versuchen, Menschen mit psychischen Nöten zu helfen. Wer hat denn nun Recht? Welcher Rat verspricht Erfolg?

Auch die so genannte ekklesiogene Neurose wird heftig diskutiert. Denn vereinfacht ausgedrückt heißt das ja: Durch die christliche Gemeinde (Ekklesia) wird jemand psychisch krank. Das ist für die einen undenkbar, aber traurige Realität für die anderen.

Gott macht nicht krank

Christlicher Glaube, den nur Gott in uns wecken kann, macht nicht krank! Gott will das Heil des Menschen. Er schenkt durch den Glauben Zuversicht und Hoffnung (Hebr 11,1), die nicht zuschanden werden lässt (Röm 5,1). Es gibt keine psychische Krankheit im engeren Sinn, die allein durch Glauben verursacht wird. – Wie erklären sich dann die Nöte von Menschen, die an ihrem Glauben und/oder ihrer christlichen Umgebung leiden, ja sogar psychisch krank werden?

Jeder ist ein Original

Christen glauben an den gleichen Gott, aber sie glauben nicht alle gleich. Was bei den Fingerabdrücken unserer Hände oder beim so genannten genetischen Abdruck gilt, trifft auch hinsichtlich der Psyche jedes Menschen zu. Wir sind lauter Originale. Unsere Originalität zeigt sich auch in unserer Art der Nachfolge. Sie hat mit unserer Biographie zu tun, denn wir sind durch Erbgut, Erziehung und soziales Umfeld geprägt. Bei jedem Menschen haben wir es mit einem unverwechselbaren Zusammenspiel dieser Herkunft, seiner Persönlichkeit, seines Lebensstils und seiner Glaubenshaltung zu tun.

Die neurotische Grundstruktur

Oft zeigt sich schon in der Kindheit eines Menschen der Grundzug einer neurotischen Störung, nämlich die innere Konflikthaftigkeit. Diese Menschen sind von ihrem Naturell her sensibel, ängstlich, gehemmt, unsicher und haben nur ein geringes Selbstwertgefühl: Dem gegenüber steht ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe. Als Ausgleich zu dem, was man in sich nicht findet, braucht man den positiven Impuls von außen. Auch eine gute Erziehung kann die tiefe Sehnsucht dieses Kindes nicht völlig stillen. Der Konflikt zwischen innen und außen bleibt. Es macht große Mühe, z.B. eigene Wünsche und gesellschaftliche Regeln sowie Verpflichtungen zu verbinden. Der Mensch ist in einer inneren Zerreißprobe. Wird ein solcher Mensch auch noch mit einer fordernden, gesetzlichen Verkündigung konfrontiert, kann sich der innere Konflikt verschärfen und zusätzliche Ängste und Zwänge auslösen. Wenn wie in diesem Fall eine neurotische Grundstruktur des Menschen durch eine bestimmte religiöse Prägung verstärkt wird, spricht man von der ekklesiogenen Neurose.

Wir müssen also zwischen Ursache und Auslöser unterscheiden. Die Ursache liegt oft im Grundmuster eines sensiblen, übergewissenhaften Menschen, der zu hohe Ansprüche an sich stellt. Überträgt er diese Grundhaltung auf sein Leben als Christ, wird er sein Christsein als Krampf erleben und mit Gott, sich und den Mitmenschen nicht zurechtkommen.

Unsere krankmachende Lebensart

Was Gott tut, ist das eine. Wie wir Glauben leben, ist das andere. Unsere Vorstellung von Gott entscheidet über unsere Art zu glauben. Dabei kann es zu Entwicklungen und Einsichten kommen, die einen Menschen eher belasten als entlasten.

Zur weiteren Beantwortung der Frage, ob der Glaube krank macht, ist es hilfreich, zwei weit verbreitete Glaubensstile zu unterscheiden.

Der intrinsische Glaubensstil

Die intrinsische Glaubenshaltung ist davon gekennzeichnet, dass ein Christ »mit Leib, Seele und Geist« von seinem Glauben überzeugt ist. Der Glaube gibt ihm Sinn und Ziel, Motivation und inneren Frieden. Intrinsisch heißt: von innen begrün­det. Es ist der Glaube, den Gott wirkt. Es ist Glaube, der auch mit schweren Wegen rechnet, sich aber auch dann von Gott gehalten weiß. Seelisches und körperliches Wohlbefinden stehen nicht um ihrer selbst willen an erster Stelle. Zwar wird die seelische Gesundheit durch diesen inneren Glaubensstil gefördert; aber nicht garantiert. Das ist ja auch nicht der Inhalt des christlichen Glaubens.

Der extrinsische Glaubensstil

Der Glaube von Menschen mit dem so genannten extrinsischen Glauben ist mehr »von außen« gesteuert und begründet. Ihr Gottesbild ist weniger von Liebe und Gnade geprägt, sondern von unbiblischen oder falsch verstandenen Forderungen, die der Mensch nicht erfüllen kann. Das macht Angst und hat natürlich Auswirkungen auf das seelische Befinden bis hin zu Depressionen.

Aber nicht nur die Vorstellung von Gott, auch Glaube, der sich wesentlich am eigenen Vorteil und an äußeren Formen und Normen orientiert, birgt die Gefahr der Resignation in sich. Es ist auch der Glaube, der mehr auf die eigene fromme Fassade achtet als auf Ehrlichkeit und Transparenz. In Krisenzeiten trägt solcher Glaube nicht durch, weil er sich nicht primär an Gott, sondern eher an menschlich Machbarem festmacht. Das aber bietet keinen sicheren Halt. Menschen mit extrinsischem Glauben vermitteln auch anderen gern ihre Werte und Normen, die oft religiös, aber nicht biblisch begründbar sind. Einengendes Christsein ist die Folge. Erziehung zu einem Glauben, der weder Friede noch Freiheit und Freude vermittelt. Auf diesem Hintergrund ist jetzt besser zu verstehen, wie es zu den so genannten ekklesiogenen Neurosen kommen kann.

Harald Petersen

aus »antenne«,
Programmzeitschrift des ERF

Die Krankmacher

Beleuchten wir zwei weitere begünstigende Faktoren, die Christen in seelische Nöte führen können.

Bekehrung und Heiligung: Da ist zum einen das Missverständnis, dass mit der Bekehrung eines Menschen sich auch sein Umfeld automatisch verändert oder er selbst nun nicht mehr sündigt. So kommt mancher aus den Höhen seines Bekehrungserlebnisses in die Niederungen des Alltags zurück. Immer noch ist der Mensch mit beiden Beinen auf dieser Erde. Immer noch ärgert ihn der Nachbar und behandelt ihn der Chef ungerecht. Und auch die Spannung mit dem Ehepartner ist noch da und der junge Christ spürt seine Ungeduld und reagiert lieblos. Die Bekehrung ist nicht die Heiligung. Die Bekehrung als Anfang markiert den Beginn des neuen Verhältnisses mit Gott. Schon ganz sein Kind, aber noch nicht »fertig« im Sinne von sündlos. Paulus sagt (2. Kor 5,17), dass das Alte vergangen und Neues geworden ist. Das Entscheidende, die Gottesbeziehung, ist völlig neu geworden, aber nicht alles im Leben und Umfeld des neuen Christen. Sein Leben bleibt ein Kampf. Der Glaube wird angefochten und der Charakter mitsamt seinen Schwächen wird nicht von einem Moment zum anderen umgekrempelt. Heiligung ist reifen, lernen, bewähren. Wer mit falschen Erwartungen oder Versprechungen sein Christsein beginnt, muss diese Realitäten erst einmal verstehen. Die Frage ist nun, ob ein solcher junger Christ den fatalen Versuch unternimmt, Gott seinem Idealbild anzupassen, oder ob er akzeptiert und lernt, dass er sich im Denken und Handeln verändern muss.

Risikobereich Verkündigung: Christlicher Glaube hat mit Verkündigung zu tun. In der Bibel heißt es: »Der Glaube kommt aus der Predigt« (Röm 10, 17a). Predigt ist aber mehr als die sonntägliche Botschaft von der Kanzel.

Fassen wir den Begriff weiter, so kommt der biblische Unterricht unserer Konfirmanden ebenso in den Blick wie die geistliche Prägung der Sonntagsschulkinder oder Frauen im Gesprächskreis. Aber auch darüber hinaus beeinflussen wir auch durch das, was wir an geistlichen Inhalten weitergeben, andere Menschen. Selbst wenn wir dann nicht mehr von Predigt sprechen.

Der gerade erwähnte Text aus Römer 10 geht nämlich noch weiter: »Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber aus dem Wort Gottes.« Woher kommt, was wir über Gott weitersagen? Und über das Leben als Christ? Ist es biblisch haltbar, was manchmal im großen Rahmen oder unter vier Ohren verkündigt wird?

Idealisierende Aussagen sollten dabei ebenso vermieden werden wie Verallgemeinerungen aufgrund eigener Erfahrungen. Beides kann andere Menschen sehr unter Druck setzen und das biblische Bild von Gott verzerren.

Idealisierende Aussagen klingen so: Ein Christ darf keine Angst haben. Oder: Ein Christ ist immer im Dienst. Oder: Jeder Christ ist ein Missionar. Oder: Wenn du richtig glaubst, wirst du auch gesund. Und noch ein solcher Spitzensatz: Jesus löst alle unsere Probleme. All diese Aussagen sind in ihrer absoluten Form falsch und darauf angelegt, Christsein zu verzerren.

Harald Petersen

Aus der Tonkassette von Harald Petersen zum Thema: Macht der Glaube krank – macht der Glaube gesund? ERF-Verlag, DM 14,95