Perspektiven - Juni-Juli 1999
Inhalt: Sehnsucht
nach Gott
Fasten - fromme Übung oder geistliche Chance
Kein
"altes Eisen" RU
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Sehnsucht nach Gott
Wer
sich mit heutiger Gesellschaft und Kultur beschäftigt, steht erstaunt vor einem
breiten Aufbrechen von Religion, von religionsähnlichen Bewegungen, von
Sinn-Suche und Sinn-Versprechungen.
I. Sehnsucht
nach Gott
Noch bis zur Mitte des
zwanzigsten Jahrhunderts glaubten Wissenschaftler, dass »Religion« durch
Wissenschaft ersetzt werden könnte. Ironie der Geschichte
– gerade dieser »Glaube« hat sich »wissenschaftlich« als Irrtum
erwiesen.
Die wissenschaftlichen Weltbilder haben die religiösen
nicht ersetzen können. Sie tragen den Menschen nicht in seiner Suche nach Sinn,
sie fordern nicht zu
einer veränderten Ethik heraus, sie vermögen nicht einmal die Realität
unserer Welt adäquat zu beschreiben.
Der französische Aufklärungsphilosoph Condorcet schrieb
gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts: Alles sagt uns, dass wir vor der
Epoche einer der größten Revolutionen des Menschheitsgeschlechts stehen.
...Die Aufklärung sichert ihr glückliches Gelingen... Sie wird kommen, die
Zeit, da die Sonne hienieden nur noch auf freie Menschen scheint, Menschen, die
nichts über sich anerkennen als ihre Vernunft; da es Tyrannen und Sklaven,
Priester ... nur noch in den Geschichtsbüchern geben wird.1
Ausgeträumt, Herr Condorcet!
Der Fortschritt hat die Tyrannen nicht vertrieben, er hat
ihnen nur neue, schreckliche Waffen in die Hände gegeben. Die Wissenschaft hat
die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht beendet, nein, sie wurde vielmehr
vervollkommnet. Und unsere aufgeklärte Zeit hat die Geistlichen nicht
vertrieben, es sind lediglich neue, fremde Priester hinzugekommen.
Selbst ein Religionskritiker wie Herbert Mynarek muss
bekennen: Das Sinnbedürfnis, ein metaphysischer Urtrieb, das Streben hinter
der Fassade des Vordergründigen, Vorläufigen, Verfügbaren, des Scheins, des
nur bedingt Angehenden, des möglicherweise aus vielerlei Gründen
Interessanten, letzten Endes aber Belanglosen, etwas Eigentliches, Wesentliches
auszumachen, ist anscheinend unausrottbar und heute offensichtlich wieder stark
‘im Kommen’.2
Die Sehnsucht nach Religion ist aufs neue erwacht, auch
wenn sie weithin nicht zu den Formen klassisch, kirchlicher Frömmigkeit zurückführt.
Menschen suchen nach einem Ort der Geborgenheit, nach Wärme
und Vertrauen. In Orientierungslosigkeit wird wieder nach klaren Maßstäben
gefragt. Und in einer immer komplizierter werdenden Welt wird nach der letzten
Antwort gesucht, die alles zusammenhält und erklärt.
Wie immer wir auch unsere Gesellschaft beschreiben mögen,
da ist eine neue Sehnsucht nach Gott. Vielleicht noch verkannt, verdeckt,
verzerrt und verschroben, vielleicht schon verführt, aber dennoch vorhanden.
Welch eine Herausforderung für Christen, durch allen Nebel hindurch auf das Licht Gottes zu weisen!
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Da ist eine neue |
II. Sehnsucht
nach Gott
Wenn in unserer Gesellschaft eine
diffuse Sehnsucht nach Religion zu beschreiben ist, so ist in den Kirchen hin
und her eine Suche nach erneuerter Gottesbegegnung aufgebrochen.
Wer auf den christlichen Büchermarkt schaut, entdeckt sehr
schnell die wachsende Anzahl von Büchern über Stille, Meditation und
Kontemplation: »Der Schrei des menschlichen Herzens« wird in seiner »Sehnsucht
nach Geborgenheit« nur am »Vaterherzen Gottes« gestillt. Diese
drei wahllos herausgegriffenen Büchertitel drücken etwas von der Suche nach
Gottesnähe und Innerlichkeit aus.
Ist die Beschäftigung mit dem inneren Weg ein verspätetes
Reagieren der Christen auf einen in der Gesellschaft herrschenden Trend oder gar
ein Anpassen an den Zeitgeist? Sicherlich spricht manches dafür, aber es gibt
auch tiefere Gründe.
In Jeremia 23 wird auf engem Raum von den zwei
Betrachtungsweisen Gottes berichtet:
Vers 23: »Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht
der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?«
Es ist ein ungeheuerliches Unterfangen, vor Gott zu treten,
um mit ihm zu reden, und sein Wesen zu betrachten. Wir müssen uns darüber klar
sein, was das bedeutet. Gott ist über alle Welt erhaben. Unsere Sprache kann
das nie ganz ausdrücken. Unsere Begriffe sind hier immer nur ein schwacher
Abglanz der Wahrheit. Gott ist
jenseitig. Gott ist transzendent.
Gott ist groß.
Gott »ist nicht nur größer als die Welt, sondern
absolut groß, groß schlechthin, und die Welt ist etwas nur durch Ihn und vor
Ihm« (Romano Guardini).3
All das ist nicht einfach räumlich gemeint. Distanz,
Abstand, Ferne meinen auch etwas Wesenhaftes.
•
Gott ist heilig – ich bin ein Sünder.
•
Gott ist gerecht – ich kann diesem Maßstab
niemals entsprechen.
•
Gott ist ewig – ich stoße immer und überall
an meine Grenzen.
•
Gott trägt alle Dinge durch sein Wort –
ich bin selbst in kleinen Herausforderungen schon überlastet.
•
Gott ist Herr und König – ich bin ein
Geschöpf, das immer abhängig bleiben wird.
Das führt zur Ehrfurcht in unserer ganzen Haltung. Wir
begreifen, dass Gott außerhalb von uns und weit über uns existiert. Unsere
Vorstellung wird davon geprägt und damit auch unsere Beziehung. Wir glauben an
ihn, und das hat dann vorwiegend mit unserem Denken und mit unseren Überzeugungen
zu tun.
Der folgende Vers zeigt die notwendige Ergänzung.
Vers 24: »Meinst du, dass sich jemand so heimlich
verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht,
der Himmel und Erde füllt? spricht der Herr.«
Betont der erste Teil dieses Wortes, der 23. Vers, die
Distanz, die Größe, »die Ferne Gottes«, so spricht der zweite Teil von der Nähe,
der Gegenwart Gottes, die bis in die tiefsten innersten Bereiche meines und
jedes Lebens reicht.
Der große und ferne Gott ist da, anwesend, gegenwärtig,
und zwar immer und überall. Wenn in dieser Welt nichts leer ist von Gott, wenn
er alles erfüllt, dann ist auch das Zimmer, in dem ich bete, nicht leer. Gott
ist in ihm bereits anwesend, bevor ich eintrete. Er wartet dort auf mich. Er umfängt
mich, wenn ich das Zimmer verlasse. Jedes Fleckchen Erde, auf das ich meine Füße
setze, ist von Gott schon längst betretenes Land. Allein das ist schon ein tröstlicher
Gedanke.
In Psalm 139 wird dieser Gedanke erweitert. Gott erfüllt
nicht nur den Raum um mich, er kennt sogar meine Gedanken von ferne, alles, was
in mir geschieht, ist Gott nicht fremd.
Aber es bedeutet noch viel mehr: Gott suchte Raum in mir. Das
Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.4 Jesus kam, wurde unser Freund und Bruder. Er
verband sich so sehr mit uns, dass er unsere Krankheit, unsere Sünde und
unseren Tod auf sich nahm. Er erstand von den Toten, fuhr auf gen Himmel und
kehrte in seinem Geist zurück.
Jesus lebt nun in mir!
Er ist nicht nur in meinen Gedanken, er hat Wohnung in mir
genommen, er redet auch durch meinen Körper mit mir, meine lange unterdrückten
Gefühle haben etwas mit ihm zu tun, er lässt sich auf das ein, was mich
bewegt. Paulus kann sagen, dass unser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist.
Peter Lincoln schreibt in seinem empfehlenswerten Buch »Der
Raum in mir«: »Ich begann Gott als einen Freund und Verbündeten in mir zu
erleben, der mit mir kämpft, um mein Leben von negativen Kräften zu befreien.«
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Hier an dieser Stelle ist Sehnsucht aufgebrochen unter
vielen Christen. Nicht länger nur an den Glauben zu glauben. Nicht nur von
Christus als Mitte des Lebens zu reden, sondern auch aus ihm zu leben. Nicht länger
nur in Formen, in Traditionen, in Gedanken und Richtigkeiten zu glauben, sondern
aus der Begegnung mit Gott, der der ewig Ferne und zugleich so Nahe ist, der im
Himmel thront und dennoch Wohnung in mir genommen hat. Das braucht Stille und
Besinnung.
Welch eine Herausforderung für Christen, durch allen Nebel
hindurch, das Licht ganz neu zu sehen!
III.
Sehnsucht
nach Gott
Eine letzte Wertung unseres
Themas.
Wir haben festgestellt: In unserer Gesellschaft besteht
eine diffuse Sehnsucht nach Religion, innerhalb der Christenheit eine neue
Sehnsucht nach Gott. Gibt es ein Kriterium, an dem wir erkennen können, ob wir
lediglich einem gesellschaftlichen Trend, bloßer Innerlichkeit folgen? Eine
alte Geschichte soll Antwort geben:
Es war einmal ein Kloster, das seinen ursprünglichen
Enthusiasmus schon längst verloren hatte.
Es gab von einem Tag zum anderen immer dieselbe Routine, aber keine neuen
Mönche und wenig Begeisterung für das Gebet. Der Abt sah das alles, trauerte,
und aus dem verzweifelten Wunsch etwas zu verändern, suchte er einen alten,
weisen Einsiedler auf, der im tiefsten Wald lebte. Der Einsiedler hieß ihn
willkommen, und nachdem sie gegessen hatten, sagte er zum Abt: »In eurem
Kloster habt ihr das Feuer Gottes verloren. Du bist gekommen, um von mir
Weisheit zu hören. Ich sage dir ein Geheimnis, aber du darfst es nur einmal
wiederholen, und danach darf niemand es wieder laut aussprechen.« Er schaute
tief in die Augen des Abtes und sagte: »Der Messias ist unter euch.« Beide
schwiegen, während sich der Abt die Wichtigkeit der Aussage überlegte. »Jetzt
musst du gehen«, sagte der Einsiedler.
Als er ins Kloster zurückkehrte, rief der Abt alle Mönche
zu sich und sagte ihnen, er hätte eine Lehre von Gott. Er fügte hinzu, dass
sie nie laut wiederholt werden dürfte, und sprach: »Der Einsiedler sagt, dass
einer von uns der Messias sei.« Die Mönche waren erschrocken. »Was könnte
das bedeuten?« »Ist Johannes mit der großen Nase der Messias, oder Bruder
Matthias, der beim Beten immer einschläft?« »Oder bin ich der Messias?« Aber
obwohl sie den Satz rätselhaft fanden, sprachen sie nie wieder darüber.
Die Zeit verging, und die Mönche fingen an, sich
gegenseitig mit einer besonderen Liebe und Ehrfurcht zu behandeln. Es gab eine
sanftmütige, menschliche Qualität unter ihnen, die schwer zu beschreiben, aber
leicht zu erkennen war. Sie lebten miteinander wie Menschen, die endlich etwas
von großer Wichtigkeit entdeckt hatten. Ihre Worte waren sorgfältig ausgesucht
und freundlich. Denn wer konnte wissen, ob sie nicht gerade mit dem Messias
redeten? Nach kurzer Zeit zog die Lebendigkeit dieses Klosters viele Besucher
an, und junge Männer fingen an zu fragen, ob sie sich der Kommunität anschließen
dürften. Der alte Einsiedler starb, ohne etwas Weiteres von seinem Geheimnis zu
verraten, und der Abt fragte sich manchmal, ob er es richtig verstanden hatte. 6
Echte Begegnung mit Gott führt nicht nur nach Innen. In
der Stille werden wir verändert.
»Gibst du der Stille den Finger, nimmt sie die Hand und
löst die Faust.«7
Der Gott, der in uns lebt, lebt auch in unserer Schwester,
in unserem Bruder, und er möchte Raum in den Menschen um uns herum finden.
Welch eine Herausforderung für Christen, durch allen Nebel
hindurch Licht zu sein!
Helmut Link, Bergen
Zitate:
1.
zitiert nach H. Hemminger Hrsg. / Die Rückkehr der Zauberer / Rowohlt /
S.190
2.
zitiert nach Josef Sudbrack / Neue Religiosität / Topos / S.19
3.
Romano Guardini / Vorschule des Betens / Einsiedeln / S.269
4.
Johannes 1, 14a
5.
Peter Lincoln / Der Raum in mir / Brendow / S. 156
6.
P. Lincoln / a.a.O / S. 142
7.
P. Lincoln / a.a.O. / S. 151