Perspektiven  - Juni-Juli 1999
Inhalt:  Sehnsucht nach Gott    Fasten - fromme Übung oder geistliche Chance  
   
        Kein "altes Eisen"   RU 486


Sehnsucht nach Gott

 

Wer sich mit heutiger Gesellschaft und Kultur beschäftigt, steht erstaunt vor einem breiten Aufbrechen von Religion, von religionsähnlichen Bewegungen, von Sinn-Suche und Sinn-Versprechungen.

I. Sehnsucht
nach Gott

Noch bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts glaubten Wissenschaftler, dass »Religion« durch Wissenschaft ersetzt werden könnte. Ironie der Geschichte  – gerade dieser »Glaube« hat sich »wissenschaftlich« als Irrtum erwiesen.

Die wissenschaftlichen Weltbilder haben die religiösen nicht ersetzen können. Sie tragen den Menschen nicht in seiner Suche nach Sinn, sie fordern nicht zu
einer veränderten Ethik heraus, sie vermögen nicht einmal die Realität unserer Welt adäquat zu beschreiben.

Der französische Aufklärungsphilosoph Condorcet schrieb gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts: Alles sagt uns, dass wir vor der Epoche einer der größten Revolutionen des Mensch­heits­geschlechts stehen. ...Die Aufklärung sichert ihr glückliches Gelingen... Sie wird kommen, die Zeit, da die Sonne hienieden nur noch auf freie Menschen scheint, Menschen, die nichts über sich anerkennen als ihre Vernunft; da es Tyrannen und Sklaven, Priester ... nur noch in den Geschichtsbüchern geben wird.1

Ausgeträumt, Herr Condorcet!

Der Fortschritt hat die Tyrannen nicht vertrieben, er hat ihnen nur neue, schreckliche Waffen in die Hände gegeben. Die Wissenschaft hat die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht beendet, nein, sie wurde vielmehr vervollkommnet. Und unsere aufgeklärte Zeit hat die Geistlichen nicht vertrieben, es sind lediglich neue, fremde Priester hinzugekommen.

Selbst ein Religionskritiker wie Herbert Mynarek muss bekennen: Das Sinnbedürfnis, ein metaphysischer Urtrieb, das Streben hinter der Fassade des Vordergründigen, Vorläufigen, Verfügbaren, des Scheins, des nur bedingt Angehenden, des möglicherweise aus vielerlei Gründen Interessanten, letzten Endes aber Belanglosen, etwas Eigentliches, Wesentliches auszumachen, ist anscheinend unausrottbar und heute offensichtlich wieder stark ‘im Kommen’.2

Die Sehnsucht nach Religion ist aufs neue erwacht, auch wenn sie weithin nicht zu den Formen klassisch, kirchlicher Frömmigkeit zurückführt.

Menschen suchen nach einem Ort der Geborgenheit, nach Wärme und Vertrauen. In Orientierungslosigkeit wird wieder nach klaren Maßstäben gefragt. Und in einer immer komplizierter werdenden Welt wird nach der letzten Antwort gesucht, die alles zusammenhält und erklärt.

Wie immer wir auch unsere Gesellschaft beschreiben mögen, da ist eine neue Sehnsucht nach Gott. Vielleicht noch verkannt, verdeckt, verzerrt und verschroben, vielleicht schon verführt, aber dennoch vorhanden.

Welch eine Herausforderung für Christen, durch allen Nebel hindurch auf das Licht Gottes zu weisen!

Da ist eine neue
Sehnsucht nach
Gott.
Vielleicht noch
verkannt,
verdeckt,
verzerrt und verschroben, vielleicht schon
verführt
aber
dennoch
vorhanden.

II. Sehnsucht
nach Gott

Wenn in unserer Gesellschaft eine diffuse Sehnsucht nach Religion zu beschreiben ist, so ist in den Kirchen hin und her eine Suche nach erneuerter Gottesbegegnung aufgebrochen.

Wer auf den christlichen Büchermarkt schaut, entdeckt sehr schnell die wachsende Anzahl von Büchern über Stille, Meditation und Kontemplation: »Der Schrei des menschlichen Herzens« wird in seiner »Sehnsucht nach Geborgenheit« nur am »Vaterherzen Gottes« gestillt. Diese drei wahllos herausgegriffenen Büchertitel drücken etwas von der Suche nach Gottesnähe und Innerlichkeit aus.

Ist die Beschäftigung mit dem inneren Weg ein verspätetes Reagieren der Christen auf einen in der Gesellschaft herrschenden Trend oder gar ein Anpassen an den Zeitgeist? Sicherlich spricht manches dafür, aber es gibt auch tiefere Gründe.

In Jeremia 23 wird auf engem Raum von den zwei Betrachtungsweisen Gottes berichtet:

Vers 23: »Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?«

Es ist ein ungeheuerliches Unterfangen, vor Gott zu treten, um mit ihm zu reden, und sein Wesen zu betrachten. Wir müssen uns darüber klar sein, was das bedeutet. Gott ist über alle Welt erhaben. Unsere Sprache kann das nie ganz ausdrücken. Unsere Begriffe sind hier immer nur ein schwacher Abglanz der Wahrheit.  Gott ist jenseitig.  Gott ist transzendent.  Gott ist groß. 

Gott »ist nicht nur größer als die Welt, sondern absolut groß, groß schlechthin, und die Welt ist etwas nur durch Ihn und vor Ihm« (Romano Guardini).3

All das ist nicht einfach räumlich gemeint. Distanz, Abstand, Ferne meinen auch etwas Wesenhaftes.

Gott ist heilig – ich bin ein Sünder.

Gott ist gerecht – ich kann diesem Maßstab niemals entsprechen.

Gott ist ewig – ich stoße immer und überall an meine Grenzen.

Gott trägt alle Dinge durch sein Wort – ich bin selbst in kleinen Herausforderungen schon überlastet.

Gott ist Herr und König – ich bin ein Geschöpf, das immer abhängig bleiben wird.

Das führt zur Ehrfurcht in unserer ganzen Haltung. Wir begreifen, dass Gott außerhalb von uns und weit über uns existiert. Unsere Vorstellung wird davon geprägt und damit auch unsere Beziehung. Wir glauben an ihn, und das hat dann vorwiegend mit unserem Denken und mit unseren Überzeugungen zu tun.

Der folgende Vers zeigt die notwendige Ergänzung.

Vers 24: »Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde füllt? spricht der Herr.«

Betont der erste Teil dieses Wortes, der 23. Vers, die Distanz, die Größe, »die Ferne Gottes«, so spricht der zweite Teil von der Nähe, der Gegenwart Gottes, die bis in die tiefsten innersten Bereiche meines und jedes Lebens reicht.

Der große und ferne Gott ist da, anwesend, gegenwärtig, und zwar immer und überall. Wenn in dieser Welt nichts leer ist von Gott, wenn er alles erfüllt, dann ist auch das Zimmer, in dem ich bete, nicht leer. Gott ist in ihm bereits anwesend, bevor ich eintrete. Er wartet dort auf mich. Er umfängt mich, wenn ich das Zimmer verlasse. Jedes Fleckchen Erde, auf das ich meine Füße setze, ist von Gott schon längst betretenes Land. Allein das ist schon ein tröstlicher Gedanke.

In Psalm 139 wird dieser Gedanke erweitert. Gott erfüllt nicht nur den Raum um mich, er kennt sogar meine Gedanken von ferne, alles, was in mir geschieht, ist Gott nicht fremd.

Aber es bedeutet noch viel mehr: Gott suchte Raum in mir. Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.4 Jesus kam, wurde unser Freund und Bruder. Er verband sich so sehr mit uns, dass er unsere Krankheit, unsere Sünde und unseren Tod auf sich nahm. Er erstand von den Toten, fuhr auf gen Himmel und kehrte in seinem Geist zurück.

Jesus lebt nun in mir!

Er ist nicht nur in meinen Gedanken, er hat Wohnung in mir genommen, er redet auch durch meinen Körper mit mir, meine lange unterdrückten Gefühle haben etwas mit ihm zu tun, er lässt sich auf das ein, was mich bewegt. Paulus kann sagen, dass unser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist.

Peter Lincoln schreibt in seinem empfehlenswerten Buch »Der Raum in mir«: »Ich begann Gott als einen Freund und Verbündeten in mir zu erleben, der mit mir kämpft, um mein Leben von negativen Kräften zu befreien.« 5

Hier an dieser Stelle ist Sehnsucht aufgebrochen unter vielen Christen. Nicht länger nur an den Glauben zu glauben. Nicht nur von Christus als Mitte des Lebens zu reden, sondern auch aus ihm zu leben. Nicht länger nur in Formen, in Traditionen, in Gedanken und Richtigkeiten zu glauben, sondern aus der Begegnung mit Gott, der der ewig Ferne und zugleich so Nahe ist, der im Himmel thront und dennoch Wohnung in mir genommen hat. Das braucht Stille und Besinnung.

Welch eine Herausforderung für Christen, durch allen Nebel hindurch, das Licht ganz neu zu sehen!

III. Sehnsucht
nach Gott

Eine letzte Wertung unseres Themas.

Wir haben festgestellt: In unserer Gesellschaft besteht eine diffuse Sehnsucht nach Religion, innerhalb der Christenheit eine neue Sehnsucht nach Gott. Gibt es ein Kriterium, an dem wir erkennen können, ob wir lediglich einem gesellschaftlichen Trend, bloßer Innerlichkeit folgen? Eine alte Geschichte soll Antwort geben:

Es war einmal ein Kloster, das seinen ursprünglichen Enthusiasmus schon längst verloren hatte.  Es gab von einem Tag zum anderen immer dieselbe Routine, aber keine neuen Mönche und wenig Begeisterung für das Gebet. Der Abt sah das alles, trauerte, und aus dem verzweifelten Wunsch etwas zu verändern, suchte er einen alten, weisen Einsiedler auf, der im tiefsten Wald lebte. Der Einsiedler hieß ihn willkommen, und nachdem sie gegessen hatten, sagte er zum Abt: »In eurem Kloster habt ihr das Feuer Gottes verloren. Du bist gekommen, um von mir Weisheit zu hören. Ich sage dir ein Geheimnis, aber du darfst es nur einmal wiederholen, und danach darf niemand es wieder laut aussprechen.« Er schaute tief in die Augen des Abtes und sagte: »Der Messias ist unter euch.« Beide schwiegen, während sich der Abt die Wichtigkeit der Aussage überlegte. »Jetzt musst du gehen«, sagte der Einsiedler.

Als er ins Kloster zurückkehrte, rief der Abt alle Mönche zu sich und sagte ihnen, er hätte eine Lehre von Gott. Er fügte hinzu, dass sie nie laut wiederholt werden dürfte, und sprach: »Der Einsiedler sagt, dass einer von uns der Messias sei.« Die Mönche waren erschrocken. »Was könnte das bedeuten?« »Ist Johannes mit der großen Nase der Messias, oder Bruder Matthias, der beim Beten immer einschläft?« »Oder bin ich der Messias?« Aber obwohl sie den Satz rätselhaft fanden, sprachen sie nie wieder darüber.

Die Zeit verging, und die Mönche fingen an, sich gegenseitig mit einer besonderen Liebe und Ehrfurcht zu behandeln. Es gab eine sanftmütige, menschliche Qualität unter ihnen, die schwer zu beschreiben, aber leicht zu erkennen war. Sie lebten miteinander wie Menschen, die endlich etwas von großer Wichtigkeit entdeckt hatten. Ihre Worte waren sorgfältig ausgesucht und freundlich. Denn wer konnte wissen, ob sie nicht gerade mit dem Messias redeten? Nach kurzer Zeit zog die Lebendigkeit dieses Klosters viele Besucher an, und junge Männer fingen an zu fragen, ob sie sich der Kommunität anschließen dürften. Der alte Einsiedler starb, ohne etwas Weiteres von seinem Geheimnis zu verraten, und der Abt fragte sich manchmal, ob er es richtig verstanden hatte. 6

Echte Begegnung mit Gott führt nicht nur nach Innen. In der Stille werden wir verändert.

»Gibst du der Stille den Finger, nimmt sie die Hand und löst die Faust.«7

Der Gott, der in uns lebt, lebt auch in unserer Schwester, in unserem Bruder, und er möchte Raum in den Menschen um uns herum finden.

Welch eine Herausforderung für Christen, durch allen Nebel hindurch Licht zu sein!

Helmut Link, Bergen

 

Zitate:

1.  zitiert nach H. Hemminger Hrsg. / Die Rückkehr der Zauberer / Rowohlt / S.190

2.  zitiert nach Josef Sudbrack / Neue Religiosität / Topos / S.19

3.  Romano Guardini / Vorschule des Betens / Einsiedeln / S.269

4.  Johannes 1, 14a

5.  Peter Lincoln / Der Raum in mir / Brendow / S. 156

6.  P. Lincoln / a.a.O / S. 142

7. P. Lincoln / a.a.O. / S. 151