Perspektiven -
Februar-März 1999
Inhalt: Gnade:
Sicherheit oder Risiko?
Unvergleichlich wunderbare Gnade Hast
du was, bist du was
Homosexualität - Was
sagt man dazu? Interview: Ja, ich war schwul...
Gnade:

Sicherheit oder Risiko?
Während meiner Zeit auf der Bibelschule wurden wir zu folgendem angehalten: Wenn du über einen Bibeltext sprichst, benutze ihn nicht als Sprungbrett für deine Lieblingsgedanken. Finde vielmehr zuerst heraus, was dieser Bibeltext tatsächlich aussagt und zu welchem Thema er sich äußert. In den Paulusbriefen schien es mir immer nur um Gesetz und Gnade zu gehen. Wenn ich einen Vers untersuchte, bildete dieses gegensätzliche Wortpaar immer wieder den Ausgangspunkt. Ich dachte: »Ich kann doch nicht immer über Gesetz und Gnade predigen. Wieso ist die Bibel so voll davon. Das ist doch heute gar nicht mehr unser Thema, das haben wir als Christen doch längst begriffen.«
Heute bin ich nicht mehr so überzeugt davon, dass dieses Thema für Christen ein alter Hut ist. Gesetzlichkeit und ein mangelndes Verständnis von Gnade kennzeichnen geradezu viele Gemeinden. Immer wieder trifft man auf eine Atmosphäre von Vorschriften, Verurteilungen und Ausgrenzungen.
Junge Christen, die zur Gemeinde stoßen, und junge Leute aus den eigenen Reihen werden nicht in die wunderbare Freiheit der Gnade Gottes, sondern in die Verhaltensregeln der Gemeindegruppe eingeführt: »Nein, das tut ein Christ nicht!« oder »Jetzt musst du dich aber so und so verhalten.«
Das Risiko der Gnade
Wenn wir genau hinsehen, ist das auch verständlich: Gnade bedeutet Freiheit. Und Freiheit ist immer ein Risiko. Vorschriften und Verhaltenskataloge vermitteln eine gewisse Sicherheit. Man weiß, woran man ist, und gibt ein einheitliches Bild ab. Man kann sich und andere verhältnismäßig einfach beurteilen und einordnen.
Gottes Gnade hat uns aber frei davon gemacht, auf einen Katalog von Vorschriften fixiert zu sein. Die Gnade führt uns in die Freiheit und die Herausforderung eigener Verantwortung. Natürlich birgt das manche Unsicherheit. Wenn wir vor Entscheidungen stehen, werden wir uns nicht immer auf eine Vorschrift berufen können, die uns einen Weg weist. Wir müssen im Gespräch mit unserem Herrn selber herausfinden, was hier für uns richtig ist. Aber genau das ist der Weg zu geistlicher Reife.
Ich glaube, dass genau hier der Knackpunkt liegt: Haben wir noch so eine offene, dynamische Beziehung zu unserem Herrn, dass wir ihm unsere Fragen stellen und dann seine Antwort abwarten können? Halten wir es aus, wenn diese Antwort eben nicht postwendend kommt und wir mal eine Weile auf einen festen, schriftgemäßen, bequemen(?) Standpunkt verzichten müssen? Halten wir es aus, wenn es in einer Frage eben nicht »die« richtige Antwort gibt, weil in beiden Positionen richtige Anteile enthalten sind? Hier passt das Beispiel der Ehebrecherin aus Johannes 8: Hatten die Ankläger Recht? – Ja! Nach der Schrift unbedingt Ja! Hat Jesus die Frau verurteilt? – Nein! Seine Wirklichkeit umfasst mehr als »Recht«. Seine Wirklichkeit umfasst den Menschen. Seine Wirklichkeit umfasst Gnade.
Swindoll* berichtet, dass eine Frau angerufen und nach seinem »offiziellen Standpunkt« in einer umstrittenen Angelegenheit gefragt habe.
Als man ihr sagte, er würde grundsätzlich keine »offiziellen« Erklärungen zu solchen Dingen abgeben, war sie fassungslos. »Woher sollen wir wissen, wie wir uns in dieser Sache entscheiden sollen, wenn Chuck uns keine Anhaltspunkte gibt?«, fragte sie.
Hinter solchen Fragen steht häufig der Wunsch, nicht
selber entscheiden zu müssen. Wer sich aber immer nach Vorgaben anderer richten
will, wird nie geistlich erwachsen werden. Swindolls Rat an Gemeindehirten: »Trotz
aller Risiken sollte man einen Christen einfach gut informieren und ihm dann die
Freiheit zugestehen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.« Hinzukommen sollte
noch des eigene Vorbild
eines gottgefälligen Lebensstils.
Die Sicherheit der Gnade
Ich darf in der Gnade Gottes stehen und damit in der direkten Beziehung zu meinem Herrn. Ich brauche keinen Vermittler mehr, der mir erklärt, was Gott mir zu sagen hat. »Und wenn ich doch mal falsch entscheide? Was ist, wenn ich versage?« Auch dann stehst du weiter in der Gnade Gottes, oder vielleicht liegst du darin, wenn du gefallen bist. Aber du fällst nicht gleich heraus aus der Gnade, wenn du strauchelst. Wir dürfen Fehler machen. Wir dürfen auch falsche Entscheidungen treffen. Deswegen wird Gott uns nicht von sich stoßen.
Wir haben sicher alle schon mal einen Seiltänzer bewundert, der im Zirkus seine Kunst vorführt. In schwindelnder Höhe im gleißenden Licht der Scheinwerfer läuft er über ein dünnes Seil.
Wenn ich das tun sollte, wäre ich rettungslos verloren.
Nur ein Blick in die Tiefe und der Absturz wäre
unvermeidlich! Aber neulich habe ich eine Entdeckung gemacht: Ein dünnes Brett
lag auf dem Boden, nicht viel dicker als ein Seil. Zum Spaß bin ich drüber
balanciert – es hat funktioniert! Das Brett lag fest auf dem Boden. Es konnte
nichts passieren.
Für manche ist das Leben als Christ wie so ein Seiltanz:
• Da spannt Gott das dünne Seil seiner Gebote in schwindelerregender Höhe.
• Und dann stellt er uns darauf, richtet einen Scheinwerfer auf uns und sagt: »Nun mach mal!«
• Und wir müssen uns anstrengen und beweisen, dass wir gute Seiltänzerchristen sind, und wehe wir machen einen Fehltritt!
Gott ist so anders! Natürlich gibt er uns eine
Richtschnur. Natürlich sagt er uns, wie wir leben sollen. Zum Glück tut er
das. Aber nun legt Gott dieses Seil seiner Gebote auf den Boden seiner Liebe!
Und nun können wir ganz gefahrlos darüber laufen, ohne Angst zu haben, dass
wir abstürzen.
Denn sein Boden ist ja so nahe! Lass dich nicht lähmen von deinem Versagen.
Lebe fröhlich in der Freiheit der Gnade Gottes. Erkenne die Größe seiner
Liebe zu dir. Erlebe die Fülle seiner Gnade in den vielen Situationen deines
Lebens. Wir können nicht alles richtig machen, und wir müssen dies auch gar
nicht. Pessimistische Christen sind auf die Sünde fixiert und verkrampfen häufig
darin. Sie haben Angst vor dem Versagen, als würde sie das den Himmel kosten,
als würde Gott nur darauf warten, dass sie einen Fehler machen, um sie dann
verdammen zu können.
Mir ist eines ganz wichtig geworden: Ich darf trotz, nein gerade wegen meines Versagens zu Gott kommen, mit offenem Visier, ihm in die Augen schauen und offen mit ihm darüber reden. Ich muss die Sache nicht totschweigen oder zu erklären versuchen. Ich darf ihm begegnen, weil er gnädig ist. Ist nicht gerade das Gott-Vertrauen? Ist nicht gerade das Glaube?
Adam und Eva wollten sich und ihre Schuld vor Gott
verstecken. Und wir
tun es ihnen häufig gleich. Dabei vergessen wir: Gott kennt mich durch und
durch, ihm kann ich nichts vormachen und brauche es auch gar nicht. Er hat mich
gnädig angesehen, als ich noch ein Sünder war. Wird er mir nicht weiter gnädig
begegnen, jetzt, wo ich sein Kind bin?
Andreas Bürgin
*Charles R. Swindoll, Zeit der Gnade.
Buchtipp:
Zeit der Gnade
Charles R. Swindoll
Begeistert von seinem Anliegen, die freimachende Gnade Gottes
groß und populär zu machen hat Charles R. Swindoll ein Buch geschrieben, das
den Leser nicht unberührt lässt. Er geht scharf mit den »Gnadenkillern« ins
Gericht, mit Menschen, die anderen ihre eigene Meinung und ihren persönlichen
Frömmigkeitsstil aufzwängen wollen. Chuck Swindoll fordert vielmehr, Christen
in die Freiheit einer eigenverantwortlichen Beziehung zu Christus zu entlassen.
Dabei ist dieses Buch kein Buch über andere sondern ein Buch für mich, den
Leser.
Swindoll analysiert entscheidende Bibeltexte und macht
deutlich, zu welcher Freiheit Gott uns berufen hat. Wir sind frei vom Gesetz –
vom Zwang, nicht sündigen zu dürfen. Und wir sind frei von der Sünde – vom
Zwang, sündigen zu müssen. Wer durch die Gnade frei geworden ist, kann
auch dem Nächsten seine Freiheit lassen. Ganz praktisch wird die Gnade, wenn
der Autor sie auf Lebensbereiche wie die Ehe oder das Schenken anwendet.
Mit seinem Buch hat Chuck Swindoll ein Thema aufgearbeitet
das entscheidend für die Zukunft unserer Gemeinden sein wird. Sind wir in der
Lage, Gnade zu leben, andere Meinungen gelten zu lassen, neue Trends zu
akzeptieren, andere Verhaltensweisen zu tolerieren – nicht zähneknirschend
sondern freudig? Wer ahnt, dass er hierfür Hilfestellung braucht muss
dieses Buch lesen. Nicht umsonst ist es ein Bestseller geworden.
Andreas Bürgin
Projektion J, gb.
328 Seiten, 29,80 DM.