Im Leben eines Christen passiert es nicht selten, daß er in Glaubensspannungen kommt und in Glaubenskrisen gerät. Zusätzlich problematisch daran ist: Vor sich selbst und anderen fällt es ihm schwer, das auch einzugestehen und sich helfen zu lassen. Gläubige Menschen werden dabei von dem Denkmuster bestimmt, ein wahrer Christ dürfe dort nicht in Konflikte geraten, wo vorbehaltloser Glaube und uneingeschränktes Vertrauen gefordert sind. Dadurch wird jede Art von Spannungen und Krisen durch Unsicherheit über den eigenen geistlichen Zustand noch weiter belastet.
Man kann die Anfechtungen grob in zwei Bereiche aufteilen: die Glaubensspannungen und die Glaubenskrisen. Wir wollen diese beiden Spannungsfelder zunächst grob umreißen und dann feststellen, wie man sich in ihnen bewegen kann, ohne die Orientierung total zu verlieren.
Das große Feld der Glaubensspannungen ist bestimmt von Fragen und Vorbehalten gegen Aussagen und Berichte der Bibel. Dabei steht dem Christen das Wort vor Augen: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht« (Hebr 11,1). Hinzu kommen Sprüche wie: »...wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden« (Mk 16,16). Auf diesem Wege verfallen viele einem Mißverständnis über den Glauben, der selig macht. Es geht gar nicht in erster Linie um richtige Überzeugungen und akzeptierte Lehrinhalte. Sie sind wichtig, aber nicht entscheidend.
Glaube ist eine Vertrauensbeziehung zu Gott und eine Lebensverbindung mit Jesus Christus. Glaube nimmt an, was Gott in Christus getan hat, damit wir durch seine Gerechtigkeit in ihm Frieden haben (Römer 5,1-2).
Aber mitten hinein in diese Glaubensbeziehung kommen die Glaubensspannungen. Man gerät in Zweifel! Täglich werden wir bombardiert und infiltriert mit den sogenannten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen. Gott als Ursache alles Bestehenden und Erhalter der Welt scheint total überflüssig zu werden. Alles ist angeblich aus dem Nichts entstanden. Und alles, was existiert, ist ein Ergebnis von Zufall plus Zeit. Dabei geht es gar nicht mehr so sehr darum, ob der Schöpfungsbericht der Bibel mit den Theorien der Wissenschaft zu vereinbaren ist. Man braucht Gott nicht mehr, weder als Grundlage für alles Existierende noch als Sinngeber für das Leben. Die Menschen der frühen Zeit wurden mit der Frage konfrontiert, ob ihr Gott, wie er sich in der Schrift und in Jesus Christus offenbart hatte, der wahre und einzige über alle Götter und Gottesbilder ist. Die Menschen der jetzigen Zeit müssen sich bei aller Religiosität fragen lassen, wieso sie so krampfhaft an einer Gottesvorstellung festhalten, die total überholt scheint. Dabei lehnt man die Aussagen der Bibel ja nicht kategorisch ab, sondern kritisiert nur ihre Grundlage: die Offenbarung und das Heilshandeln Gottes in seinem Sohn Jesus Christus.
Alle anderen Fragen leiten sich dann hiervon ab:
Kann man trotz allem am Gott der Liebe festhalten?
Ist die Bibel ohne Einschränkung ein glaubwürdiges und damit vertrauenswürdiges Dokument?
Wird unser Christsein nicht zu einem Auslaufmodell?
Zerstört die moderne Wissenschaft nicht immer mehr die althergebrachten Überzeugungen?
Macht eine immer toleranter werdende Gesellschaft es uns nicht fast unmöglich, mit absoluten Bibelzitaten und Moralvorstellungen aufzutreten?
Diese und andere Fragen bringen unseren Glauben in Spannungen und ins Schwanken. Zweifel schleicht sich ein!
Wenn wir daraufhin die Bibel überprüfen, werden uns verschiedene Begebenheiten auffallen. Wir können gläubige Menschen finden, deren Glaube nicht zerbrach, aber starke Risse bekam.
Zunächst denken wir an den Jünger und Apostel Thomas, der von uns mit dem Beinamen der Zweifler bedacht wurde. Er konnte offenbar nicht begreifen, was seine Jüngerkollegen schon erlebt hatten, daß der gekreuzigte Jesus der auferstandene Herr sein sollte. Bezeichnenderweise kritisiert Jesus ihn dafür nicht, sondern gibt ihm die Glaubensrichtung an: »Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh 20,29). Für das Wort selig steht der gleiche Begriff wie zum Beispiel in den Seligpreisungen. Er ist besser zu übersetzen mit glückselig. Der Herr will dem Thomas also nicht die Seligkeit absprechen, weil er das Wunder der Auferstehung nicht fassen konnte! Er will ihm aber sagen, daß er sich selbst viel Not gemacht und sich der Freude beraubt hat. Eigentlich war es Thomas ja nicht anders ergangen als den anderen. Bei ihm hatte es nur länger gedauert, und Jesus mußte besonders auf seine Zweifel eingehen.
So ging es auch Johannes dem Täufer, der als Vorläufer des Herrn, ja sogar als sein entfernter Verwandter, doch eine einmalige Beziehung zu Jesus hatte. Seine Aussagen über ihn waren richtungweisend für den Glauben der Leute und speziell der Jünger (Joh 1,29-37).
Dennoch geriet dieser Mann Gottes in Zweifel, als alles anders zu kommen schien und er selbst keinen Einfluß mehr darauf nehmen konnte. In der Frage: »Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?« schwingt sehr viel mit (Mt 11,3). Ist das nicht eine unentschuldbar ungläubige Reaktion von einem Mann, der Jesus als das Lamm Gottes und den Sohn Gottes erfahren und proklamiert hatte (Joh 1,29 u. 34)? Traute der Prophet in seiner notvollen Lage sich selbst - oder noch dramatischer - Gott nicht zu, sein Wort zu erfüllen? Auch hier kritisiert Jesus die Zweifel nicht, sondern hilft dem Johannes heraus. Er soll etwas begreifen an dem, was geschieht. Und auch hier wieder ein ähnliches Wort mit dem gleichen Inhalt: »Selig« - also glückselig - »ist, wer sich nicht an mir ärgert« (Mt 11, 6).
Thomas, Johannes, wir...
Manchmal steht unser Verstand quer zum Glauben. Oft sind wir fast unwiderstehlich genötigt, auf Menschen zu hören und der Bibel zu mißtrauen. Gott kennt unsere intellektuellen Anfragen und unsere skeptische Kurzsichtigkeit. Er fordert nicht Leichtgläubigkeit, sondern Herzensglauben.
Eckhard Bewernick
- wird fortgesetzt -