Sorglos und glücklich saß mein Sohn im Wohnzimmer: ganz allein spielte und bastelte er vor sich hin. Warum auf einmal? Er hatte sich soeben ein Kinderüberraschungsei verdient". Nun konnte kommen was da wollte - seine Laune war auf Sonnenschein eingestellt. Doch es kam jemand, den er nicht wollte, seine Schwester, und verlangte nach Gerechtigkeit. Mir wurde das ganze Geschehen durch den Aufschrei meines Sohnes zugetragen: »MEINER!«
Leider ist die Wahrheit des Lebens doch, das Zufriedenheit ein flüchtiges Fluidum ist, das jeder will, aber kaum einer kennt. Wir werden in unserer Kultur Tag ein Tag aus vor allem mit zwei Botschaften bombardiert:
1. »Du bist unzufrieden - wenigstens solltest du es sein. Denn dir fehlt etwas!«
2. »Deine Zufriedenheit ist nur einen Kauf weit entfernt. Verpaß diese einmalige Gelegenheit zum Lebensglück nur nicht!«
Diese Botschaften sind in fast jeder Reklame versteckt: »Gebrauch' mich, kauf mich, iß mich, probier mich aus, zieh mich an, schmier mich in dein Haar, dann wirst du glücklich und zufrieden sein!«
Die Wahrheit über uns Menschen ist aber:
Wir sind gesünder, intelligenter, reicher, erfahrener als je zuvor. Wir leben länger und sicherer, essen besser und arbeiten weniger und haben mehr Freizeit und Freiheiten als je zuvor in der Geschichte.
Doch sind wir glücklicher? Sind wir zufriedener? Sind wir überhaupt zufrieden? Oder sind wir nur gesündere, reichere, intelligentere und doch traurige und frustrierte Menschen?
Ich kann mir vorstellen, daß manch einer, der diese Zeilen gerade liest, eine ganze Menge an Unzufriedenheit oder gar Frustration auszuhalten hat.
Gründe gibt es viele: Einige sind zutiefst unzufrieden, wenn sie in den Spiegel schauen und sich selber betrachten: ihr Alter, ihre Finanzen, ihre Gesundheit (oder wie wenig sie dafür tun), ihre Bildung, ihre Freunde, ihren Partner, ihre Kinder, ihre Verwandtschaft...! Wir sind ganz schön unzufriedene Leute!
Aber wie wird man denn zufrieden, was ist Zufriedenheit eigentlich? Mir hat folgender etwas ungewöhnlicher Vergleich geholfen, den Begriff zu verstehen: Wer ist wirklich zufrieden: Der, der sich 7 Millionen Mark erwirtschaftet hat, oder der, der 7 Kinder hat? Die Antwort ist recht einfach: Der, der 7 Kinder hat, denn er will nicht mehr!
Ist das nicht Zufriedenheit: Du willst nicht mehr, nicht noch mehr! Du wirst nicht davon (an)getrieben, mehr zu wollen, als du hast. Du bist genügsam - du hast genug!
Zufriedenheit ist die Erfahrung einer besonderen inneren Freiheit. Es ist insbesondere die Freiheit von Ruhelosigkeit, von unverhältnismäßigem Verlangen, einem unstillbaren Hunger nach Dingen, Ehre, Essen, Alkohol, Sex usw. Freiheit von diesem plötzlichen inneren Reiz: »Das muß ich haben - jetzt! Ich kann nicht weiterleben und werde nie mehr zufrieden sein, (warst du es vorher?) bis ich das habe!«
Leider definieren die meisten Menschen Zufriedenheit ganz anders. Sie erwarten Zufriedenheit nicht davon, frei von dominierendem Verlangen zu sein, sondern davon, dieses und jedes neue Verlangen zu stillen. Irgendeine Kette von Gegebenheiten muß zusammenfallen, dann wird echte, bleibende, tiefe Zufriedenheit da sein - für immer! Nein, so ist Zufriedenheit einfach nicht zu haben. Wir machen uns was vor.
Es gibt keinen Ort und
keine Umstände - und es wird sie auch nie geben - die so zusammenfallen, daß sich daraus bleibende
Zufriedenheit ergibt.
Gott kennt dieses Problem des Menschen, daß er Verlangen und Hunger kennt, den er nicht stillen kann, sehr genau: »Alles Mühen des Menschen ist für seinen Mund, aber sein Verlangen bleibt ungestillt« (Pred 6,7).
Wir schuften und arbeiten, um unser Verlangen nach Glück, Erfolg, Vergnügen, Besitztum usw. zu stillen. Doch wir sind entsetzt über die Wirklichkeit, die wir erleben: Je mehr du ein Verlangen nährst, um so stärker wird es. Je mehr du einen Hunger in dir zu stillen versuchst, um so größer wird er. Du willst ihn befriedigen und schaffst damit ein Tier, das sich nicht mehr sättigen läßt.
Paulus sagt: »Ich habe gelernt, zufrieden zu sein (mir genügen zu lassen), wie's mir auch geht!« (Phil 4,11).
Zufriedenheit ist also eine erlernbare Fähigkeit! Sie ist eine geistige Fähigkeit, die man mit der Zeit durch Übung lernen kann. Ähnlich wie ein Fußballer das Dribbeln und ein Pianist das Klavierspielen lernen. Zufriedenheit ist nicht das Ergebnis glücklicher Umstände, sondern einer gewissen Art zu leben.
Und deswegen drei Hilfen, wie du Zufriedenheit kennen und bewahren lernen kannst:
Stellst du realistische Erwartungen an dein Leben?
Wenn sich Ereignisse im Leben nähern - z.B. der Besuch eines alten Freundes, der erste Tag an einer neuen Arbeitsstätte, der Kauf eines Computers - immer haben wir geheime Erwartungen, die dabei erfüllt werden sollen. Und viele Menschen stellen sich damit von vornherein eine Falle, indem sie diese inneren Erwartungen völlig an der Realität vorbei fixieren.
Ich erinnere mich an einen Bekannten, der als Christ seine Frau für's Leben suchte. Er brauchte wirklich eine Frau, sagt er, träumte vom Leben zu zweit, betete auch innig dafür. Und natürlich war er dann nicht mehr zu bremsen in seiner Liebe" zu einer bestimmten jungen Dame, die er so heftig umwarb, daß sie bald schon einwilligte, ihn zu heiraten. Sie, und erst recht er, konnte nicht verstehen, daß ihre Freunde von einer kurzfristigen Heirat allesamt abrieten. Und sie konnte erst recht nicht verstehen, warum er nur kurze Zeit nach der Hochzeit in Depressionen und einige bedenkliche Verhaltensauffälligkeiten absackte... Leider wird erst jetzt von ihm mühevoll aufgearbeitet, was für unrealistische Erwartungen er an sie, an seine" Frau stellte. Die übersehene" Realität: Kein Mensch kann alle deine Bedürfnisse stillen.
Ein positives Beispiel: Als wir unseren Familienurlaub auf einer Insel planten, packte meine Frau Wollkleidung, Plastikhosen, Mützen, Gummistiefel und viel Spielzeug für drinnen ein. Wir sagten uns: Vielleicht wird es ja einen Tag geben, an dem wir am Strand mit den Kindern Burgen bauen können; vielleicht werden wir sogar mit den Füßen ins Wasser waten; und vielleicht schaffe ich es, ein Buch durchzulesen. Der Grund für unseren »Pessimismus« : Wir hatten unseren Urlaub für Oktober, nicht für Juli, gebucht, und unsere Kinder sind 4 und 1 und nicht 14 und 11! Was war das für eine Erholung, als wir am Ende mehrere Tage am Strand verbrachten und einmal sogar die Jacken ablegen konnten - und das Buch habe ich auch fast geschafft!
Das Schlüsselwort, wenn es um Zufriedenheit geht, ist das Wort Realität. Sind deine Erwartungen überhaupt real oder ein unerreichbares Ideal? Mann kann der Realität nicht entfliehen! Mit ihr muß jeder fertigwerden.
Eine kleine Formel: Zufriedenheit = Realität minus meine Erwartungen.
Du bist zum Beispiel zu Weihnachten wieder zu Hause, bei deinen Verwandten. In deiner Verwandtschaft gibt es eine lange Tradition des Streitens bei solchen Zusammenkünften. Nun befindest du dich schon auf der Autofahrt dorthin und sagst dir: »Diesmal wird alles anders sein! Es wird dieses Jahr einfach wunderschön - ja sogar geistlich wird's sein! Wir werden nicht mehr die Bundies, sondern ab sofort die Bradies sein! Ja, es wird uns gelingen - ich habe ja auch dafür gebetet!« So bereitest du dich auf eine riesengroße Enttäuschung vor. Unweigerlich! Denn wenn die Realität eine Fünfminus (bezogen auf obige Gleichung) ausmacht und du eine Zwei erhoffst (und seien wir ehrlich, wer hierin Probleme hat, gibt sich meistens sowieso nur mit einer Einsplus zufrieden) - dann muß es danebengehen. Es wird nicht aufgehen!
Überall fordert die Bibel uns auf, weise und klug zu leben. Wo wir diese Worte mißachten, machen wir Gott für unser Wunschdenken zuständig und erwarten, daß er für unsere Konflikt und Realitätsscheu aufkommt. Gott ist nicht der Weihnachtsmann - er will dein Vater sein!
Vor allem: Lerne und übe Dankbarkeit für unvollkommene Dinge und Gaben.
Dies ist ein sehr biblisches Prinzip! Überall findest du Worte wie dieses »Und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.« Eph 5,20 (Oder Paulus´ einleitender Gedanke zu Philipper 4,6.)
Pflege und bewahre die Dankbarkeit - auch für das, was nicht vollkommen ist!
Immer wieder treten Menschen in dein Leben, und Gaben werden dir zuteil - doch sie werden allesamt unvollkommen sein. Wenn du darauf wartest, daß die Menschen und Ereignisse um dich herum Vollkommenheit erreichen, bevor du dafür Dankbarkeit zeigst, dann wird es in deinem Leben nie Dankbarkeit geben.
Du mußt lernen, unvollkommene Dinge dankbar und herzlich aufzunehmen - sie zu feiern!
Einige von Euch sind verheiratet - und ihr müßt euch damit abfinden, daß ihr mit einem unvollkommenen Wesen verheiratet seid! Und vielleicht mußt du heute noch zu deinem Partner gehen und sagen: »Ich bin dankbar, daß ich mit dir verheiratet bin, und zwar weil du...«
Zufriedene Menschen haben eine überaus große Fähigkeit zur Dankbarkeit sowie zur Bewunderung. Das ist überhaupt kein Zufall oder etwa ihr Charakter, sondern sie haben es gelernt!
Die Wahrheit des Lebens ist sicherlich, daß es Leiden, Nöte und Lasten gibt, mehr als uns recht ist. Aber, ist nicht auch Gabe, Gnade und Grund zur Dankbarkeit in allem?
Zufriedene Leute pflegen und lernen die Dankbarkeit.
Vergeude dein Leben nicht für ein vermeintliches Glück, daß dir nie und nimmer Zufriedenheit bescheren kann!
Jesus hat es so gesagt: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen!« (Mt 6,33).
Zufriedenheit ist etwas, was man nicht an und für sich erreicht. Zufriedenheit ist das Ergebnis eines gewissen Lebensstils: Ich erlebe die Menschen als tatsächlich zufrieden, die für etwas größeres leben als ihre eigene Zufriedenheit!
Wie viele laufen mit einem riesengroßen Loch an Bedürfnissen in sich herum:
Manche sehen all die Paare um sich und leiden unsagbar an ihrem Alleinsein. Sie fragen Gott: »Warum gibst du mir nicht das, was mir so sehr fehlt?!«
Andere wünschen sich die Gabe eines Kindes mehr als alles andere in der Welt.
Andere ertragen körperliches Leiden oder Behinderungen.
Wieder andere haben größte Enttäuschung zu bewältigen, die sie nicht in den Griff kriegen.
Gerade jedem, der leidet, gelten diese Worte von Paulus. Er spricht von seiner Zufriedenheit in Gott nicht auf eine oberflächliche Art und Weise. Paulus ist kein Schönredner, der das Leben mit Links gemeistert hätte, und ein Holzhobel ist, wenn es um verletzte Gefühle geht.
Wenn Paulus schreibt: in jeder Lebenslage", dann weiß er, wovon er redet. Er kannte Hunger, Einsamkeit, Spott, Verfolgung, Hohn, Intrigen und Mißgunst. Während er diese Worte schreibt, rasseln die Ketten seiner Gefängniszelle, und er muß den gewaltsamen Tod befürchten, den er eines Tages auch erleiden mußte. Dennoch schreibt er: »Ich weiß, was es heißt, zufrieden zu sein.«
Es lag daran, daß das Ziel seines Lebens
größer war als nur zufrieden zu sein, daß das Ziel seines Lebens
größer war als Komfort und
Besitz. Paulus wollte mehr als Zufriedenheit! Sein Ziel war, Gott zu kennen, Gottes Kind zu sein, ein
gottgefälliges Leben zu leben. Und dabei hat er eine überraschende Entdeckung gemacht:
Das ist es, was die menschliche Seele befriedigen kann!
Egal, ob er viel oder gerade wenig hatte, Mangel erlitt oder Reichtum genießen konnte - es war alles gar nicht so wichtig für Paulus, denn er hatte etwas viel besseres gefunden. Etwas, was wirklich wichtig war: Er konnte zwischen wirklich Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden. Er hatte erkannt, was Menschen wirklich brauchen, ist das, was Ewigkeitswert hat.
Wonach du tief in dir verlangst, was du wirklich brauchst, kann durch keine rein irdische Erfahrung gestillt
werden: Kein Mensch, keine Arbeit, kein Besitz, kein Ruhm und keine Ehre kann dieses Loch stopfen. Denn du
bist ein ewiges
Wesen, geschaffen, um
ewig zu leben und nicht zu sterben. Du wurdest geschaffen, um Liebe und Freude und Frieden zu erleben -
nichts anderes wird dich Zufriedenheit erfahren lassen.
Diese Botschaft durchzieht die Bibel. Eine Stelle, die vor fast dreitausend Jahren geschrieben wurde, ist: »Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und eßt! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich und eßt das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten!« (Jes 55,12).
Der Prophet Jesaja versucht den Menschen seiner Zeit zu zeigen, was Zufriedenheit bringt. Er verpackt seinen Appell in das Bild einer üppigen Mahlzeit - ein seltenes, aber in der Kultur seiner Zeit sehr begehrtes Ereignis. Und einige Verse später sagt er dann: »Sucht den Herrn, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist!«
Richte dein Leben nur auf das aus, was deine Seele zu befriedigen vermag!
C.S.Lewis schreibt in einem Bezug auf diesen Text: »In Anbetracht dieser Bibelverse muß es uns klar werden, daß unser Herr den Hunger des Menschen nach Sättigung seiner Verlangen nicht als unvermessen zu groß, sondern als viel zu klein verurteilt. Wir sind halbherzige Wesen, spielen und vertreiben unsere Zeit im Alkohol, mit Sex und Egoismen, wo uns doch bleibende Freude angeboten wird. Wie ein infantiles Kind, das weiter im Dreck der Straße spielt, weil es nicht das Geschenk eines Urlaubs am See anzunehmen oder sich vorzustellen vermag. Wir sind viel zu leicht zufriedenzustellen!«
Das sind Worte für eine Welt, die sich mit plakativem Glück statt echter Zufriedenheit zufriedengibt. Bist auch du viel zu leicht zufriedenzustellen?
(Nach einem Manuskript von J.Ortberg)