
Gudina Tumsa, der Generalsekretär der Mekane-Yesus-Kirche in Äthiopien, wurde in
den 80er Jahren unter dem kommunistischen Regime Äthiopiens ermordet. Seine Frau,
Tsehay Tolessa, wurde auch verhaftet und 10 Jahre gefangengehalten. Während dieser Zeit
wurde sie auf die schrecklichste Weise gefoltert. Die Berichte sind teilweise so grausam, daß
wir sie hier nur in Auszügen drucken.
»Nun begannen sie, auf mich einzuprügeln. Sie schlugen und schlugen und trafen mich überall. Mein Schlüsselbein brach. Daß es zehn Jahre dauern würde, bis ich den Bruch behandeln lassen konnte, ahnte ich damals nicht. Meine Haut löste sich in großen Fetzen vom Körper. Je schlimmer sie mit mir umgingen, desto lauter lachten sie und verspotteten mich. Die Wunden schmerzten entsetzlich. Ich hätte nie gedacht, daß Menschen so grausam gegen andere Menschen sein können. Sie freuten sich schier an unseren Leiden. Je schlimmer die waren, desto besser schien es zu sein.
Mitten in allem Leiden erlebte ich, wie Jesus die ganze Zeit bei mir war, so nah, so nah... Gottes Hand ist groß, sie hat viel Raum und reicht so weit. Sie ist da, wo keine Freunde hereinkommen, wo keine Nachbarn hereinkommen, keine Familie. Aber er kommt herein. Mitten im Dreck ist er da, in der Erniedrigung, im Blut, im Gestank. In allem ging er mit mir, ganz dicht bei mir. Ich fühlte seine Nähe auf dem ganzen Weg.
Und immer wurde ich an Worte Gottes erinnert, die ich früher gehört hatte. Besonders ein Vers gab mir Kraft: »Siehe, das íst Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.« Auch viele Lieder kamen mir die ganze Zeit in den Sinn. »Welch ein Freund ist unser Jesus« war mein ständiger Begleiter. Er folgte mir, als ich unter dem Schatten der Macht lebte.
Nach der zweiten Folterung dauerte der Alptraum mehrere Monate. Ich hatte mich aufgegeben und war verzweifelt. Ich bettelte zu Gott, sterben zu dürfen. Als ich eines Tages auf Toilette war, sah ich eine Flasche Chlor. Die Versuchung war groß, den Inhalt einfach auszutrinken. Das würde schnell Schluß mit allem machen. Aber es war, als wenn Gott neben mir stehen würde. »Der, der dich gemacht hat, bin ich. Ich habe dich durch meine Hand geschaffen. Du hast nicht das Recht, dein Leben zu beenden.« So hielt er mich zurück.
Aber wie sollte man unter solchen Umständen überhaupt seinen Glauben an Gott behalten? Tsehay Tolessa erzählt: Jemand beschaffte mir eine Bibel, die ich in meiner Kleidung festband. In unbewachten Augenblicken öffnete ich ein wenig das Kleid und konnte so einige der mir wertvollen Worte lesen. Meist gelang mir das auf der Toilette. Dort, wo wir schliefen, war es unmöglich. Wir kauerten tagsüber alle auf dem Boden. Oft kamen andere Frauen und hockten sich in meine Nähe. Da beeilte ich mich, von dem zu erzählen, was ich gelesen hatte. Wir mußten sehr vorsichtig sein. Keiner durfte merken, was wir taten. Wir wären hart bestraft worden. Viele entschieden sich, Christ zu sein.
Man kann fast schon von einer richtigen kleinen Gemeinde sprechen, die sich im Gefängnis um Tsehay Tolessa sammelte. Trotz allen Leids und aller Schmerzen war sie in der Lage, anderen Hilfe und Trost zu sein. Und während all der Jahre ihres Gefängnisaufenthaltes wußte sie nicht, wie es ihrem Mann und ihren Kindern ging.
Von der Staatssicherheit der ehemaligen DDR aufgebaut, gelang es dem äthiopischen Geheimdienst, Informationen nicht ins Gefängnis durchsickern zu lassen. Erst als das Mengistu-Regime durch die drei Befreiungsfronten unter starken militärischen und politischen Druck geriet, wurde Tsehay Tolessa wenige Monate vor dem Regierungssturz freigelassen. Ihren Mann hatte sie verloren, ihre Kinder sind ohne sie erwachsen geworden, aber ihr Glaube an Jesus Christus hat sie durchgetragen.
Tsehay Tolessa