Das Buch Hiob ist eines der ältesten Bücher der Bibel. Es behandelt eine der größten und schwierigsten Fragen der Menschheit: »Warum muß der Mensch leiden?« Eine Frage, auf die viele Antworten versucht wurden.
Besonders groß wird das Fragen, wenn wir hören, daß ein Gerechter leiden muß. Wie kann es sein, daß ein gläubiger Christ, ein Mensch, der Gott vertraut, ohne Ursache leiden muß? Am schwersten und dunkelsten jedoch wird dieses Fragen, wenn das Leid uns selbst trifft. Es gibt wohl kaum Zeiten in unserem Leben, wo wir intensiver um Einsicht in Gottes Handeln suchen, als diese Leidenszeiten.
Auch Hiob finden wir in einer solchen Situation. Zunächst sagt uns die Bibel, daß Hiob ein besonderer Mensch war. Er ragte aus der Masse der Menschen heraus. Gott selbst sagt über ihn: »Es ist seinesgleichen nicht auf Erden« (1,8). Hiob war nicht vollkommen, aber er war vollkommen auf Gott ausgerichtet. Er stand seiner Familie gut vor, seine Kinder hatten ein gutes Verhältnis untereinander, und er sorgte sich um den geistlichen Zustand seiner Familie und opferte für seine Kinder. Darüber hinaus war Hiob ein reicher Mann, von Gott mit vielen Gütern gesegnet.
Hiob war sicher zufrieden. Er lebte ein gutes Leben. Und dann, innerhalb eines Tages, änderte sich dieses gute Leben. Aus heiterem Himmel folgte eine Schreckensnachricht der anderen. »Hiobsbotschaften« nennen wir diese unerwarteten Katastrophenmeldungen bis heute. Hiob stand vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Wie unvorbereitet muß ihn das getroffen haben. Unverständlich und scheinbar völlig sinnlos hatte ihn das Leid überfallen. Er konnte keine Erklärung für seinen Zustand finden. Nicht einmal Strafe für Sünde konnte sein Leid sein, das hätte er ja noch einordnen können.
Weder die Gottesfurcht noch der Reichtum dieses außergewöhnlichen Mannes hatten ihn vor dem Unglück bewahren können. Der »böse Tag«, wie Paulus ihn nennt (Eph 6,13), ist etwas, was uns allen begegnen kann. Es gibt keine Garantie für ein konfliktfreies Leben. An einem solchen Tag zeigt sich, wer wir sind und woraus wir gemacht sind.
Wenn es unmöglich ist, sich vor Leid zu schützen, wer ist dann aber der, dem wir uns anvertrauen, dem wir ausgeliefert sind?
Der persönliche Gott: Hiob war ein rechtschaffener Mensch. Die Rechtschaffenheit Hiobs wird am deutlichsten von Gott selbst bezeugt: »Mein Knecht Hiob...« ist die Bezeichnung Gottes für diesen Mann. Diese Aussage ist zugleich der Angelpunkt zum tieferen Verstehen der Geschichte Hiobs. »Mein Knecht Hiob!« - Gott kannte seinen Mann. Er wußte, daß Hiob echt war. Der Satan hatte gemeint, daß Hiob sein Vertrauen auf Gott schnell verlieren würde, wenn die äußeren Umstände nicht mehr so glänzend wären. Gott wußte, daß Hiob Gold war. Gold kann noch so sehr mit Hitze behandelt werden, es wird nie vergehen, es wir immer nur reiner werden. Gott wußte, wer der war, dem er solches Leid zuließ.
Gott kennt dich, er weiß, wer du bist. Er weiß auch, was du tragen kannst. Und auf eines kannst du dich verlassen: »Er macht, daß die Prüfung ein Ende nimmt, daß du es ertragen kannst« (1. Kor 10,15). Wir werden wahrscheinlich kaum ein Leid wie Hiob erfahren. Aber bei allem, was wir an Ungeradheit, an Spannung, an Leid in unserem Leben erfahren, weiß Gott ganz genau, was wir abkönnen. Ich meine hier nicht nur die großen Dinge, sondern auch die peinsamen und peinlichen Erfahrungen im Alltag, im Beruf oder in der Familie. Mit allem, was Gott in seiner Weisheit an uns heranläßt, hat er etwas Positives im Sinn.
Der allmächtige Gott: Gott verliert auch nicht die Kontrolle über das, was uns geschieht. Im Buch Hiob wird Gott 30 Mal Shaddai genannt. Shaddai bedeutet: der Allmächtige, der souverän Herrschende, der alle Fäden in der Hand hält und behält. Er will dich nicht nur bewahren, er kann es auch.
Der liebevoll formende Gott: Petrus hilft uns in seinem ersten Brief zu einem besseren Verständnis des Leidens in unserem Leben: »Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus« (1. Petr 1,6 u. 7). Durch Leiden wird unser Glaube bewährt. Unser Vertrauen, unsere Beziehung zu Gott wird gereinigt, veredelt und intensiviert. Wie und worauf wir in friedlichen Zeiten bauen, wird in der Zeit der Anfechtung geprüft.
Kinder Gottes sind und bleiben Lernende. Dieser Lernprozeß findet nicht nur intellektuell, nicht nur in
unserem Kopf statt. Wir lernen vielmehr mittels unseres Lebens. Eigenartigerweise lernen wir in den Ungeradheiten,
im Notvollen, in den Spannungen des Lebens am meisten. Leid ist eine der tiefsten Empfindungen des
Menschen. Freude scheint im Gegensatz dazu eher etwas Leichtes, etwas Flüchtiges zu sein. Sie vergeht schnell und
ist schnell vergessen. Schmerzvolles hingegen schneidet tief ein und prägt viel stärker. Wir sind und bleiben in
dem, was wir leiden, Lernende. Und Gott, der uns gut kennt und der nie die Kontrolle verliert, wird uns formen und
erziehen, wie es für uns am besten ist.
Wenn wir hier durchhalten, hat das ein Ziel: daß ER gepriesen wird, daß ER Lob bekommt, spätestens dann, wenn er wiederkommt. Von uns aus strahlt ihm das Lob entgegen, weil sein zugelassenes Leiden etwas in unserem Herzen bewirkt hat, das ihn liebt und ihm Recht gibt, trotz des Leides.
Gott erlaubt nie einen Verlust oder Schmerz, wenn dieser nicht Raum schafft für größeren Gewinn. Das muß nicht immer hier auf Erden schon sichtbar werden, wie es bei Hiob der Fall war. Es kann sich auch erst dann herausstellen, wie Petrus sagt: »wenn er offenbart wird.« Aber letztlich dürfen wir daran festhalten und werden es auch erleben: »Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.«
Ende = Anfang: Das scheinbare Ende ist oft der Anfang von Gottes Werk. Wenn wir am Ende sind, weil wir unsere Unzulänglichkeit erkennen, wenn wir bittere Tränen weinen, weil es uns schmerzt, dann kann das der Anfang für ein größeres Leben mit Gott sein.
Der Kirchenvater Chrysostumus sagte: »Gottes Weisheit offenbart sich darin, wenn Gott durch das Gegenteil das Gegenteil erreicht. So hat Gott das, was seine größte Niederlage schien, in einen Sieg verwandelt.«
Corrie ten Boom bezog das auf sich, als sie im Konzentrationslager Ravensbrück war. Sie sagte: »Wenn bei Gott der Tod seines Sohnes, dieses scheinbar absolute Ende, der Anfang war, kann auch dies Leid, was ich hier erlebe, ein Anfang sein.« Und für sie war es ein Anfang, der Anfang eines gesegneten Dienstes. Wo wir meinen, am Ende zu sein, kann Gottes Anfang für uns sein.
Leiden = Reifen: Unser Wunsch ist es, daß wir möglichst ungeschoren, ohne Leid in der Herrlichkeit ankommen. Gott hat ein anderes Ziel: Er sieht darauf, daß wir ihn während unseres Lebens auf der Erde möglichst gut kennenlernen. Wenn wir hierfür nicht die richtige Perspektive haben, werden wir leicht irre an Gott oder gehen in die Irre.
Hiob war durch sein Leiden und Gottes Reden zum ihm seinem Gott nähergekommen. Er bekennt: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig in Staub und Asche«. Er hatte Gott gesehen, und das hatte ihm geholfen, auch sich selber besser einschätzen zu können.
Lob ohne Lohn: Ein weiteres Ziel des Leidens Hiobs war, daß Satan mit seiner primitiven Theologie widerlegt wurde. Er hatte behauptet, daß Hiob nur an Gott hing, weil dieser es ihm so gutgehen ließ: »Meinst du, daß Hiob Gott umsonst fürchtet? Das ist doch das mindeste, was er tun kann.« Seine Frage lautete eigentlich: »Gibt es wahre Anbetung Gottes auf der Erde, Anbetung ohne Lohngedanken, nur um Gottes selbst willen?« Hiob hat es mit seinem Leben bewiesen. Und auch wir können heute erleben: Es gibt wahre Anbetung, die nicht darin begründet ist, daß wir einen Segen zurückerwarten, sondern die nur Gott allein meint.
Abschließend muß ich noch eins sagen: Es gibt keine vollständige und letzte Antwort nach dem Leid. Es scheint, als werde hier großes leicht ausgesprochen. Aber laßt uns uns dieser göttlichen Wahrheit stellen, daß alles, was er zuläßt, uns zum besten dienen muß. Diese Wahrheit wollen wir aufnehmen und uns damit in Zeiten des Leides trösten.
Nach einer Predigt von Hartmuth Hanisch, bearbeitet von Andreas Bürgin.
Hartmuth Hanisch ist seit einem Jahr Lehrer an der Woodstock School in Moussuri, Nordindien. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und war zuvor für mehrere Jahre als Schulungsleiter bei Operation Mobilisation für den Bereich Indien zuständig.