Nur für Pastoren:

Autorität gewinnen

Wir müssen zugeben: Die Zeiten sind ein für allemal vorbei, als der Pastor noch in Autorität »ex cathedra« seine Herde belehrte und diese sich in gehorsamer Ehrfurcht seinem Wort beugte. Heute mag da eher der Vergleich mit einer Schießbudenfigur zutreffen. Kaum wagt der Pastor es, ein Wort Gottes autoritativ anzuwenden, ballert es aus allen Rohren mit »Warums« und »Wiesos«.

Das Ansehen der Pastoren in der Gesellschaft ist auf einem nie dagewesenen Tiefststand. In den USA gehören die Pastoren bei den Banken zu den am wenigsten kreditwürdigen Berufsgruppen. Es ist darüber hinaus die Berufsgruppe, aus der die meisten vorzeitig aussteigen, um einer anderen Karriere nachzugehen.

Wer hat Schuld?

Nun, man muß zugeben, daß sich Pastoren einerseits das Grab selbst geschaufelt haben. Weltweit hört man von Mißbrauch der Autorität, unmoralischer Lebensweise und unverantwortlichem Umgang mit Geld. Für viele ist Pastor-Sein zu einem Job geworden, zwar nicht übermäßig gut bezahlt, aber dennoch genug, um zu leben. Andererseits hat die gesellschaftliche Entwicklung dazu beigetragen, jede Form von Autorität kritisch zu hinterfragen. Wenn man schon die elterliche Autorität nicht mehr als gegeben hinnimmt, dürfen wir nicht erwarten, daß man eine an ein Amt gebundene Autorität achtet.

Um nun Autorität zurückzugewinnen, hat man Nebensachen zu Hauptsachen gemacht. Das Amt des Pastors hat sich dem gesellschaftlichen Klischee von Macht und Ansehen gebeugt. Ansehen hat, wer eine exzellente Ausbildung genossen hat und dazu noch mindestens einen Titel nachweisen kann. Ein Dr. vor dem Namen macht die Predigt und die Person gleich glaubwürdiger.

Die Gemeindewachstumsbewegung hat ihren Teil dazu beigetragen, den Beruf des Pastors mit dem eines Gemeindemanagers gleichzusetzen. Er steht unter dem Druck, nach Anwendung modernster Missionsstrategien »Erfolg« nachzuweisen, der sich dann in zahlenmäßigem Wachstum der Gemeinde niederschlägt. Gemeindearbeit wird zu einem von Statistiken diktierten Business. Entgegen den Erfolgsmeldungen in verschiedenen Büchern gelingt es hier in den USA nur wenigen Gemeinden (und Pastoren), hier die richtige Balance zu halten. Chuck Colson sieht in seinem vielbeachteten Buch »The Body« (dt. »Der Leib«) die derzeitige Identitätskrise der Gemeinde Jesu in unserer westlichen Welt als direkte Konsequenz mangelnder Autorität auf den Kanzeln.

Woher kommt Autorität?

Autorität kann man nicht verdienen _ sie wird verliehen. Für uns als Prediger heißt das: Unsere Autorität hängt unmittelbar mit unserer Berufung zusammen. Autorität im Dienst steht oder fällt damit, ob Gott mich in den Dienst gerufen hat oder nicht. Bin ich ein Gesandter Gottes? Handle ich in seinem Auftrag?

Mose verdankte seine Autorität der Tatsache, daß Gott ihm am brennenden Busch begegnet war und ihn als Führer über das Volk Israel gesetzt hatte. Er konnte vor das Volk treten und sagen: »Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat mich gesandt«. Das verlieh im Autorität.

Wenn jemand um die Anerkennung seiner Autorität kämpfen mußte, dann war es Paulus. Paulus widmet fast einen ganzen Brief der Verteidigung seiner apostolischen Autorität. Sein Argument ist: »Denn nicht der ist tüchtig, der sich selbst empfiehlt, sondern der, den der Herr empfiehlt« (2. Kor 10,18). In den dreizehn Kapiteln dieses Briefes weist Paulus nach, daß er sich eines göttlichen Auftrags zu entledigen hat. Gott hatte ihn mit einer Botschaft betraut, die Gott durch ihn vermitteln wollte. Dieser Umstand hatte sein Leben und seinen Lebensstil geprägt.

Studieren wir unter diesem Aspekt Bibelstellen wie Epheser 3,1-13; Galater 2,1-10; 2. Korinther 6-7; 10-12, dann ergibt sich für uns und unseren Dienst:

Unsere Autorität ist unabhängig vom Beifall der Gemeinde oder Kollegen. Autorität hat nichts damit zu tun, ob alle Geschwister in der Gemeinde mich schätzen und ehren. Meine Autorität kommt daher, zu wissen, daß Gott mich gesandt hat. Und wen Gott sendet, den wird er bestätigen. Wer sich nicht von Gott gesandt weiß, wird seine Autorität _ und damit auch sein Selbstwertgefühl _ von gesellschaftlichen Konventionen abhängig machen.

Unsere Berufung gewinnt allerdings erst dann Autorität, wenn wir ihr alles andere dienstbar machen und unterordnen. Ist unser Pastor-Sein ein Job wie jeder andere, werden Maßstäbe, die für jeden anderen Job gelten, auch für uns zutreffen: Das gilt für die Arbeitszeit, die Bezahlung, den Lebensstil usw. Ist mein Beruf eine Berufung, dann ist Berufung eine Last, der ich mich entledigen muß. Eine Last, unter der mein ganzes Leben steht und von der mein Lebensstil geprägt wird. Paulus drückt das so aus: »Denn daß ich das Evangelium predige, ist nicht mein persönliches Verdienst; ich muß es tun! Dieser Aufgabe kann ich mich unmöglich entziehen. Hätte ich sie freiwillig übernommen, so könnte ich dafür Lohn beanspruchen. Doch Gott hat mich dazu beauftragt, ich habe keine andere Wahl*« (1. Kor 9,16-17).

Treffen diese Elemente in meinem Leben und Dienst zu, werde ich _ wie die Artikelüberschrift andeutet _ Autorität gewinnen. Das heißt praktisch: Ich bin nicht darum bemüht, daß mich meine Gemeinde mag, sondern darum, daß ich meinem Ruf gehorsam bin und mit meinem »Arbeitgeber« in lebendiger Beziehung stehe.

Noch zwei Bemerkungen zum Schluß:

Eine Gemeinde tut gut daran, diese Berufung anzuerkennen und zu würdigen. Dafür gibt es in der Bibel sehr deutliche Maßstäbe: Von angemessener Bezahlung bis hin zur Unterordnung (vgl. 1. Kor 9; Hebr 13,16-17)

Berufung und Autorität schützen nicht vor Fehlern. Berufung macht nicht unantastbar _ wie die Beispiele von Mose und Petrus zeigen. Aufrichtigkeit, Beugung, ehrliches Eingestehen von Fehlern und die Bitte um Vergebung untergraben meine Autorität nicht. Uneinsichtigkeit, Stolz und die Aura von Unantastbarkeit hingegen untergraben sie.

Vielleicht ist es nötig, zu meinem brennenden Busch zurückzukehren und mich der mitunter auch schmerzvollen Frage nach der eigenen Berufung zu stellen: Warum bin ich Pastor geworden? Was hat mich motiviert? Weiß ich von einem persönlichen Ruf in meinem Leben? Bin ich diesem Ruf treu geblieben? Bin ich auch nach X Jahren Dienst der Leitung des Heiligen Geistes gehorsam? Zeugt mein Lebensstil von dieser Berufung? Sehen Menschen um mich her, daß Gott zu mir spricht und ich ihm im Gehorsam folge?

Egbert Lubek

* zitiert nach Hoffnung für alle.