16 Uhr war Ricks liebste Tageszeit. Nachdem er den Tag damit verbracht hatte, auf Stellenangebote zu antworten, konnte er sich endlich mit ein paar Süßigkeiten vor den Fernseher setzen, um das New Yorker Basketballspiel anzuschauen. An den Tagen, an denen Rick besonders deprimiert über seine lange Arbeitslosigkeit war, ging er mit seinem Freund in die nächste Kneipe, um dort die Ligaspiele auf einer Großleinwand zu verfolgen.
Eines Tages konfrontierte seine Frau Linda ihn mit dem Problem: »Manchmal frage ich mich, ob du tatsächlich nach einer neuen Arbeit suchst. Es kommt mir so vor, als ob du ständig nur Sport-sendungen guckst.«
»Ich gucke mir Sportsendungen an, damit ich meine Probleme vergessen kann« erklärte Rick. »Wenigstens betrinke ich mich nicht.«
»Aber dabei vergißt du sogar, daß ich auch noch da bin« erwiderte Linda.
»Das muß ich doch«, antwortete Rick. »Ich weiß, daß du mich nur fragen würdest, ob ich bei meiner Arbeitssuche Erfolg hatte. Aber nichts passiert, und ich kann dir deswegen kaum in die Augen schauen. Es ist wirklich einfacher, nur Fernsehen zu gucken.«
Wenn die Puzzle-Teile des Lebens nicht so recht ineinander passen wollen, passiert es uns manchmal, daß wir den ansonsten nebensächlichen Aktivitäten zuviel unserer Zeit und Beachtung schenken. Es geht schon los bei solch einfachen Abwechslungen wie Fernsehen oder Lesen, den Garten pflegen und anderes, bis sich alles nur noch darum dreht. Wir versprechen anderen, daß wir diese Sache einschränken werden, aber wir tun es nicht.
Auch wenn es uns schwerfällt, dies zuzugeben: Das Gefühl, dies jetzt unbedingt tun zu müssen, ähnelt den
Empfindungen von Alkoholikern oder Drogenabhängigen. Sicher, zu viel Fernsehgucken ist nicht
lebensgefährlich, aber die Abläufe sind ähnlich. Erst beschäftigen wir uns ein wenig zu viel mit den ansonsten respektablen
Aktivitäten, und wenn unsere Abhängigkeit zu groß wird, fühlen wir uns davon vollkommen eingenommen.
Vielleicht verstehen wir den Apostel Paulus besser als uns lieb ist: »Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen
kann ich nicht.«
Wenn wir psychisch labil sind, kann fast alles zur seelischen Krücke werden. Nachdem Katrin ihr zweites Kind geboren hatte, schlief sie ungewöhnlich viel, weil sie so müde war. Doch nach einiger Zeit benutzte sie den zusätzlichen Schlaf, um dem Druck zu entfliehen, der als Frau eines Pastors auf ihr lastete.
»Zu viele Leute erwarteten etwas von mir, und ich konnte nicht allen gerecht werden,« sagt sie. »Alles war so friedlich, wenn ich schlief _ keine weinenden Babys, kein klingelndes Telefon. Ich habe mich auf ein Nickerchen gefreut und wurde wütend, wenn ich dabei gestört wurde. Ich habe aufgehört zu beten, denn es war viel einfacher, schlafen zu gehen und so dem Sich-Sorgen-Machen ein Ende zu setzen.«
Auch der Zwang des Einkaufens kann zur Besessenheit werden. Ich gehöre nicht zu denen, die für ihr Leben gern Bummeln gehen, aber wenn ich deprimiert bin, ertappe ich mich oft dabei, nach Sonderangeboten Ausschau zu halten oder in Katalogen nach etwas Besonderem zu suchen. Als Craig, ein Bibelstundenleiter, versuchte, weniger Bücher zu kaufen, stellte er fest, daß ihm das Ausleihen eines Buches längst nicht das gleiche Gefühl der Sicherheit, gab als wenn er es gekauft hätte. Er liebte die Gewißheit, daß die Bücher im Regal standen, falls er sie brauchte. Er stellte sie gerne zur Schau und gab sich so den Anschein eines belesenen Mannes.
Sogar ein Gemeindedienst kann abhängig machen, wenn wir dadurch unser Selbstwertgefühl steigern wollen. »Ich liebe meine Gemeinde, und ich fühle mich geradezu schuldig, wenn ich eine Veranstaltung auslasse«, sagt Gerd, ein Mitglied des Gemeinderats. »Ich konnte an einer Sitzung nicht teilnehmen, weil ich zur Schulentlassung meines Sohnes gehen mußte, und ich fühlte mich unwohl dabei! Ich habe noch nie jemanden fragen müssen, ob er für mich bei der Leitung einspringen kann, ganz egal, wie krank ich war. Ich will nicht, daß der Pastor denkt, daß er nicht auf mich zählen kann. Ich will nicht, daß jemand nachfragen muß, `Wo ist Gerd?'«
Hyper-Einsatz bei Gemeindeaktivitäten ist besonders schwer aufzudecken, weil er sich mit unserem Verlangen, Gott zu gefallen und vor anderen gut dazustehen, vermischt. Der christliche Psychologe Peter Robbins, der dieses Problem in seiner eigenen Familie bekämpft hat, merkt an: »Die Hyper-Involvierten sind bekannt, sie werden geliebt und beneidet. Doch zu Hause fragt die Familie `Wo ist mein Ehepartner, wo ist meine Mutter oder mein Vater?' Wie kann man jedoch jemanden in Frage stellen, der sein ganzes Leben Gott zur Verfügung stellt?«
Einer meiner respektablen Zwänge ist das Verlangen nach Produktivität. Genau wie bei häufig vorkommendem Arbeitseifer steht hier nicht die Liebe zur harten Arbeit im Vordergrund, sondern ein innerer Drang nach den »Früchten«, die diese Arbeit bringt. Wichtige Dinge zu tun ist zu einer selbst gewählten Droge geworden. Die Merkmale dieser Art von Abhängigkeit sind deutlich:
- ja sagen, egal, was erledigt werden muß,
- versuchen, die Karriereleiter schneller und höher als alle anderen zu erklimmen,
- in Hetze leben und möglichst 20 Dinge auf einmal erledigen,
- sich nur gut fühlen, wenn alle Punkte auf dem Tageskalender geschafft sind.
Manchmal sind diese sogenannten notwendigen Aktivitäten, auf die wir nicht verzichten können, nicht sehr
respektabel, aber wir entschuldigen uns damit, daß diese Dinge ja besser sind als gewisse andere, die ein Laster
sein könnten. In der Zeit, als Cindys 18jährige Ehe in die Brüche ging, las sie ununterbrochen Liebesromane. »'Was
ist daran schon schlimm?' fragte ich stets,« kommentierte Cindy, eine Bankangestellte. »Das waren ja keine
Pornographie-Bücher. Ich habe doch kein Fernsehen geguckt; ich habe meinen Horizont erweitert. Ich konnte eine
Anzahl an Kapiteln verschlingen, während ich mittags die Suppe aufwärmte. Als meine christlichen Freunde
mich darauf ansprachen, daß ich davon abhängig sei, antwortete ich `Wenigstens gehe ich nicht fremd, wie
mein Mann!'«
Meistens ist es eine Krise oder eine Konfrontation, die uns aufweckt. Cindy hörte an dem Tag auf, Liebesromane zu lesen, an dem ihr Mann seine Sachen packte. »Das Spiel war zu Ende, und ich mußte meine Energie darauf verwenden, meine Ehe zu retten. In meinem wirklichen Leben verließ der Held in diesem Moment die Bühne, und ich, die Prinzessin, war traurig. Das Schlimmste: Es gab keinen Autor, der alles wieder in Ordnung brachte.«
Unsere Weckrufe sind meistens sehr schmerzhaft. Haggai, ein Prophet des Alten Testamentes, wurde sehr unbeliebt bei den Juden, als er sie auf ihre »Ich-brauche-immer-mehr-Einstellung« hinwies: »Achtet doch darauf, wie es euch geht: Ihr säet viel und bringt wenig ein; ihr eßt und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch und könnt euch doch nicht erwärmen; und wer Geld verdient, der legt's in einen löchrigen Beutel.« (Haggai 1,5.6)
Wenn wir unser eigenes Verhalten beobachten, können wir überraschende Quellen dessen feststellen, was uns treibt. Jack, ein Mobil-Telefon-Verkäufer, mußte sich seiner Liebe zum Joggen stellen, als er Peter Robbins wegen einer Karriere-Beratung aufsuchte.
Wenn Jack sich anstrengte, war er der beste Verkäufer der Firma, aber er vernachlässigte seine Kundenbesuche, weil er es vorzog, viel zu Joggen. »Jack erzählte mir, daß sein alkoholabhängiger Vater ihm immer erklärt hatte, er werde es nie zu etwas bringen,« erläutert P. Robbins. »Jack liebte seinen Vater und wollte ihn nicht enttäuschen, so erfüllte er unbewußt seines Vaters Prophezeiungen, indem er sich gehenließ. Jack verpaßte seine Geschäftstermine und flüchtete, indem er stundenlang joggte.«
Wenn wir uns und anderen versprechen, daß wir unser zwanghaftes Verhalten einstellen werden, ist die einzige Folge oft Frustration. Wir müssen aufdecken, was in uns vorgeht und uns einigen harten Fragen stellen: Wie fühle ich mich, inwiefern stimmt dieses Gefühl mit der Realität überein, und wie kann ich es mit der Wahrheit in Einklang bringen?
Trotz seines übermäßigen Einsatzes in der Gemeinde litt Gerd unter dem Gefühl, nicht wertvoll zu sein. Craig entdeckte, daß er Bücher brauchte, um sich wichtig zu fühlen. Im innersten Kern fühlten sich beide ungeliebt und unwichtig. Aber ihnen wurde klar, daß diese Gefühle nicht der Realität entsprachen. Sie wurden von Gott geliebt und für bedeutsam gehalten _ und außerdem von vielen anderen Menschen.
Der Lernprozeß, unsere Gefühle mit der Realität in Einklang zu bringen, ist langsam und schwierig. Das Wissen, daß wir von Gott geliebt und für bedeutsam gehalten werden, bedeutet mehr, als nur darüber zu reden. Es heißt, in unserem Innersten zu glauben, daß Gott uns liebt, egal was wir tun. Hier nun einige Anhaltspunkte, wie Christen versuchen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen und biblische Wahrheiten in Anspruch zu nehmen:
Reden
Als ich anfing, mich mit meinem Übergewicht auseinanderzusetzen, rief ich oft eine Freundin an. »Ich habe gerade eine ganze Tüte Chips aufgegessen,« sagte ich. »Ich fühlte mich so miserabel.« Mit viel Liebe fragte sie mich nach den Hintergründen meines Mißmuts.
Einmal erklärte ich ihr, daß ich mich bereit erklärt hatte, eine Aufgabe zu übernehmen, der ich mich nicht gewachsen fühlte. Ich fragte sie (und mich): »Habe ich mich nun freiwillig gemeldet, weil ich möchte, daß Menschen mir Beachtung schenken, oder weil Gott mich dazu berufen hat?«
Die Umarmungen meiner Freundin, ihre Trauer und ihr Lachen ermöglichten es mir, Gottes Gnade durch sie zu hören und zu spüren. Ich sah, daß sie mich, egal was los war, akzeptierte, und ich begann zu glauben, wirklich zu glauben, daß Gott mich auch akzeptierte, so wie ich war. Die Sicherheit der Beziehung hilft mir, viele kranke Motive abzulegen und aus gesunden heraus zu handeln.
Verantwortlichkeit
Rick bittet seine Frau um Hilfe bei der Bewältigung seiner Fernseh-Abhängigkeit. »Dieses Wochenende werden viele Spiele übertragen«, erzählt er ihr. »Ich werde eins anschauen, aber nicht mehr.« Dann planen sie, wie sie die gemeinsame Zeit mit schönen Dingen gestalten werden _ Spazierengehen, Gartenarbeit oder Bummeln.
Gerd bekam seine Gemeinde-Besessenheit in den Griff, indem er seine sich eingebildete Verantwortlichkeit klarmachte: »Wenn ich mich unsicher und schuldig fühle, wenn ich bei einer Veranstaltung nicht dabeisein kann, teile ich das meinem Pastor mit. Ich erkläre ihm, daß ich mich sehr mit der Gemeinde verbunden fühle, aber daß ich einfach nicht bei allem dabeisein kann.«
Verantwortlichkeit ist eine einfache Anwendung von Jakobus 5,16: »Bekennet einer dem anderen seine
Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet.« Das funktioniert aber am besten, wenn wir uns nicht einem
Besser
wisser anvertrauen, der uns obendrein noch mit einer Mini-Predigt bedenkt und von uns erwartet, daß unsere
Abhängigkeit einfach so verdunstet. Wenn wir wissen, daß wir vom richtigen Weg abgekommen sind, brauchen
wir niemanden, der uns das wieder und wieder bestätigt. Wir brauchen jemanden, der zuhört, der uns akzeptiert
und der uns vorsichtig fragt: »Was wirst du nun tun?«
Anhaltendes Gebet
Ich arbeite meine Gefühlswelt oft auf, indem ich allein spazierengehe und mit Gott rede. Meistens sind meine Worte so undeutlich, und meine Ausdrucksweise ist so übertrieben, daß mich der Priester Eli sicherlich für einen Betrunkenen gehalten hätte, wie er es mit Hanna tat. So wie sie empfinde ich Erleichterung, wenn ich »mein Herz vor dem Herrn ausschütte« (1. Sam 1,15).
Gottes Gegenwart ist der beste Platz, um unsere häßlichsten Gefühle und die weithergeholtesten Schlüsse offenzulegen. Der König David tat folgendes: Viele seiner Psalmen beginnen mit Ausdruck von Niedergeschlagenheit, Zweifel und sogar Rache (Psalm 6,6; 31,1; 55,15), aber sie enden mit Lob. Wenn wir uns frei fühlen, mit Gott vollkommen ehrlich zu sein, wird uns seine Gegenwart sanft dahin führen, unsere Motive und bitteren Gefühle zu hinterfragen. Wir empfinden, daß Gott uns hinter unserem kindlichen Benehmen anschaut, seine Kinder, die seine Gnade brauchen, um weiterzugehen.
Tagebuch schreiben
In der Privatsphäre eines Tagebuchs können wir unsere Gefühle zugeben _ daß wir gebraucht werden wollen, oder daß wir immer empfinden, die Kontrolle über schwierigen Situationen und Menschen haben zu müssen. Unsere Grammatik mag nicht die beste und unsere Schrift fast unleserlich sein, aber die Gefühle, die wir niederschreiben, sind meistens ehrlich. In meinem Tagebuch schreibe ich Gott direkt an. Manchmal lese ich einen Abschnitt noch einmal und stelle fest, daß ich jemanden zu Unrecht beschuldigt habe. Dann muß ich die wichtige Frage stellen: »Stimmt dieses Gefühl mit der Realität überein? Ich schreibe den Absatz solange um, bis ich niemandem mehr Schuld zuschiebe.
Kunst
Cindy sieht sich selbst nicht als Künstlerin, aber in der Einsamkeit ihrer Trennung von ihrem Mann, wenn sie sich gedrängt fühlt, einen Liebesroman zu kaufen, malt sie stattdessen ein Bild. Oft malte sie eine Frau, die alleine in einer Ecke auf einem Stuhl sitzt.
»Obwohl ich mich total alleine fühlte, versuchte ich, die Wirklichkeit zu sehen, indem ich um die Frau einen Schatten malte, der Gottes Gegenwart darstellt. Ich weiß, daß Gott mich liebt und einen Sinn für mein Leben hat; die künstlerische Ausdrucksweise hilft mir, das zu glauben.«
Kunst, vor allem die Bilder von Jesus, die im Kinderzimmer hängen, helfen mir auf eine andere Art. Ich ertappe mich dabei, wie ich vor einem Bild verharre, das Jesus zeigt, wie er ein Kind umarmt. Es erinnert mich daran, daß ich nicht ungeliebt und nichtsnutzig bin. Und wenn ich vor einer neuen Aufgabe in meiner Arbeit kapitulieren möchte, gehe ich, anstatt Schokolade zu essen, in das Zimmer meines Sohnes und schaue mir das Bild an, auf dem Jesus einem jungen Mann hilft, das Boot durch einen Sturm zu lenken. Während ich die Zuversicht im Gesichtsausdruck des Jungen bewundere, klammere ich mich an die Wahrheit, daß ich mein Leben nicht alleine bewältigen muß.
Professionelle Hilfe
Wenn es schwierig sein sollte, jemanden zu finden, der mich nicht verurteilt und mir einfach zuhört, oder
wenn ich besondere Hilfe benötige, ist das Aufsuchen eines Fachmanns oft hilfreich. Selbsthilfe-Gruppen können
auch nützlich sein, weil wir uns vor Menschen verantworten, die unser Dilemma verstehen können.
Diese Hilfsmittel sind wertvoll, weil sie uns helfen, unsere Beziehung zu Gott und anderen zu erneuern. Eine blockierte Beziehung bildet den Kern vieler Abhängigkeiten. Für Rick haben die Sportsendungen seine Beziehung zu seiner Frau und sogar zu Gott ersetzt, die ihm offenbar nicht geholfen haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Alles, was wir tun können, um unser Verhältnis zu Gott und anderen zu verbessern, hilft uns, unsere Isolation zu durchbrechen und uns weniger in Abhängigkeiten zu flüchten.
Mit der Zeit werden wir lernen, uns zu schützen, wenn wir spüren, daß das Geschwür unserer Abhängigkeit wieder zu eitern beginnt. Wir werden uns mehr Zeit nehmen, Dinge mit Gott durchzusprechen, mit unserem Partner offen zu reden und mit unseren Freunden Spaß zu haben. Dies alles wird uns unserem Ziel näher bringen, die leeren Stellen unserer Gefühlswelt mit der Liebe und der Erkenntnis des ewigen Gottes zu besetzen, anstatt von Basketball, Supersonderangeboten oder dem »Dankeschön« unseres Pastors abhängig zu sein.
Jan Johnson
Jan Johnson und ihr Mann leben in Simi, Kalifornien. Sie hat zwei Bücher über Freßsucht geschrieben.
aus moody monthly
Übersetzung: Viola Gajewski