Perspektiven  - Oktober-November 2000
Inhalt:  Mit Christus verlobt   Kleiner werden durch Wachstum
   Jesus, der Bräutigam seiner Gemeinde   Das Ziel im Visier


Die

Bibel-

arbeit

Jesus, der Bräutigam seiner Gemeinde

Von Arthur Nachtigall

Wir kennen die Situation des Abschiednehmens. Man steht am Auto, am Bahnhof oder auf dem Flughafen, möchte noch ein paar gute Worte sagen es fällt schwer. »Mach’s gut, lass bald etwas von dir hören.« Ein letzter Händedruck. Das Auto, der Zug setzt sich in Bewegung, die Maschine rollt auf die Startbahn und dann ist man allein.

Abschiednehmen ist nicht leicht. Besonders schwer ist es, wenn es keine Wiederkehr mehr gibt und wir einen Menschen hergeben müssen, der unserem Herzen sehr nahe war.

Unser Bibeltext ist ein Stück aus Jesu Abschiedsreden. Jesus sieht in klarer Eindeutigkeit den Weg vor sich, der ihn ins Leiden und Sterben führt. Jesus weiß: Dieser Weg ist notwendig und richtig, es ist der Wille meines Vaters. Deshalb geht er ihn entschlossen und willig. Aber Jesus weiß zugleich, wie schwer es für seine Jünger sein wird, wenn er sie nun verlässt. Sie hatten ihre ganze Hoffnung auf ihn gesetzt, hatten ihr Leben ihm verschrieben – und nun sollen sie ohne ihn ihren Weg finden. Kein Wunder, dass sie ihn von diesem Todesweg abhalten wollen. Darum spricht Jesus mit ihnen, indem er ihnen verspricht: Ich lasse bald von mir hören. »Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen. Ich komme zu euch.« Der ganze Textzusammenhang aus Joh. 14 will uns zeigen, wie Christus nach seinem irdischen Abschied von sich hören lässt und wie er in seiner Gemeinde lebendig, gegenwärtig, helfend, tröstend am Werk ist. Wer das erfährt, sagt dankbar und froh: Schönster Herr Jesus . Auch mich hast du lieb. Du lässt mich nicht hängen. Du denkst an mich und segnest mich. Die Frage ist: Wie tut Jesus das? Wann erleben und sagen wir es: Schönster Herr Jesus.

Wir erleben Jesu Gegenwart, wenn wir ihn lieben und sein Wort halten.

»Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt.«

Jesus ist unter uns nicht mehr sichtbar. Aber er ist für uns hörbar. Wir können seine Stimme hören und seinen Willen erkennen. Wenn wir die Bibel willig und bereit aufschlagen, kann und wird es geschehen, dass wir dem auferstandenen, lebendigen Christus begegnen. Aber das hängt mit unserem Herzen zusammen. Mit unserer Liebe zu Jesu Wort. Es gibt keine Liebe zu Gott, die an seinem Wort vorbeigeht. Man kann Gott nicht lieb haben, ohne auch sein Wort lieb zu haben. Ob wir Gott ehren und dienen, zeigt sich daran, dass wir sein Wort achten. Denn es ist sein eigenes, wertes, kostbares Wort. Es ist Gottes erklärter Wille, dass wir diesem Wort gehorchen. Das Lesen und Hören allein tut’s nicht. Es muss zum Gehorchen kommen. So wie in Jesus Gottes Wort Fleisch wurde, so will dieses Wort auch in uns Fleisch werden, wir dürfen willig aktiv bereit werden für das, was Jesus will. Jesus erwartet von seiner Gemeinde Gehorsam seinen Anordnungen gegenüber. Was dann geschieht, ist großartig. Wir bekommen festen Grund und Halt. Matthäus 7,24.25

Wir erleben Jesu Gegenwart,
wenn wir durch den Geist Gottes bei ihm zu Hause sind.

Aus unserem Text wird deutlich:

Judas, nicht der Iskariot, kann nicht erkennen, dass Jesu künftige Gegenwart mit dem »Ihn-Lieben« und »Halten-seines-Wortes« eng zusammenhängt. Deshalb fragt er: »Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?«

Jesus antwortet darauf:

»Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.«

Jesus kommt noch einmal auf die Liebe zurück und macht deutlich: Ein geistliches Liebesverhältnis kann nur zwischen Gott und der Gemeinde, nicht zwischen Gott und der Welt bestehen.

Entscheidend ist also, ihn zu lieben. Jesus offenbart sich dort, wo man ihn liebt und wo man ihm gehorcht. Das griechische Wort agapan hat einen etwas anderen Sinn- und Gefühlsinhalt als unser deutsches Wort lieben. Agapan bedeutet zunächst kein Lieben in sinnlich, gefühlsmäßiger Beziehung, sondern heißt soviel wie »achten – schätzen – mehr bedeuten als alles andere – sich hingeben«. (Für das Lieben in sinnlicher Beziehung wird eher das Wort philein verwendet).

Jesus macht hier deutlich: Wenn ihr in meinem Sinne liebt, dann haltet ihr mein Wort. Es geht euch nicht in erster Linie um den Buchstaben und die Wort - Zusammensetzung, sondern es geht euch um den Sinn und Geist, der dahinter steht. Euch wird klar: Ich – Jesus – bin das euch zugewandte Vaterherz Gottes. Es geht um die umfassende Gemeinschaft mit dem liebenden Vater, bei dem ihr zu Hause sein dürft.

Jesus will uns mitreißen in den kraftvollen Liebesbereich seines Vaters. Wir können es gar nicht richtig fassen, aber es ist so: Der große allmächtige Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, mit Pflanzen, Tieren und Menschen, hat ganz menschliche Sehnsucht nach Nähe, nach Berührung. Er will kein menschenloser Gott sein. Und wo immer es einen Menschen gibt, der gottlos sein will – da leidet er zutiefst.

In Jesus ist uns Gottes Vaterherz zugewandt! In Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen öffnet Gott uns die Tür zu seinem Herzen, zu seiner Wohnung, zu seiner Güte, Barmherzigkeit und Treue – zu unserem Zuhause.

In Vers 23b sagt Jesus:

Gott schenkt Liebe
und erwartet Liebe

»Und mein Vater wird ihn lieben.« Jesu Wort ist nicht sein eigenes, sondern die Offenbarung des Vaters. Wer Jesus liebt, an dem geschehen große Dinge. Vater und Sohn werden »Wohnung in ihm machen«, d.h. in sein Herz einziehen, so dass der nun Jesus liebende Mensch in seinem Inneren, seinem Herzen ganz mit ihm verbunden und eins ist.

Wie geschieht das? Durch den Heiligen Geist. Diese Wohngemeinschaft in unserem Herzen bewirkt der Heilige Geist. In Vers 17 hat Jesus schon auf ihn hingewiesen.

Wir haben nichts vom Wort Gottes ohne Gottes Geist – und wir erfahren nichts von den Kräften des Heiligen Geistes, wenn wir an Gottes Wort vorübergehen und den Geist ohne das Wort haben wollen.

Jesus hat uns nicht als Waisenkinder zurückgelassen. Er ist uns gegenwärtig in seinem Wort und seinem Geist. Geben wir dem Geist Gottes Raum, damit er die Liebe Gottes immer wieder neu in unser Herz schütten kann und wir dankbar und froh bezeugen: »Schönster Herr Jesus!«

Wo liegt der wirkliche Kern,
wenn es um die Liebe Gottes geht?

Ein Beispiel kann uns da helfen.

Ein Student hielt an der Uni einen Vortrag über Gottes Liebe, konkreter, über seine Liebe zu Gott. Das ist nämlich ein Unterschied.

Und nun fing der Theologiestudent an, in seinen Gefühlen zu schwelgen. Er muss so von sich selbst überzeugt oder ergriffen gewesen sein, dass es der Theologieprofessor nicht mehr ausgehalten hat. Er stand auf, nahm einen Holzstuhl und schlug ihn krachend auf den Boden, so dass er zerbrach. Eine absolute Stille entstand. Der Professor rief: »Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie das Herzchen des Herrn Studenten für Jesus puppert vor lauter Liebe, sondern es kommt alles darauf an, dass der Herr Student tut, was Jesus sagt, dass er Jesus gehorcht.«

Ist das nicht befreiend und tröstend für uns. Manchmal fühle ich kaum etwas, die Gefühle sind im Keller. Aber nun steht und fällt nicht alles mit meinen Gefühlen. Ich darf wissen: Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du bringst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.

Arthur Nachtigall

Bibelstellen:

Johannes 14,

21 Wer  meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt.
Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden,
und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

22 Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot:
Herr, was bedeutet es,
dass du dich uns offen­baren willst und nicht
der Welt?

23 Jesus antwortete und sprach zu ihm:
  
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben,
  
und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.