Perspektiven -
August-September 2000
Inhalt: Wie
er mir...
In seinen Fußstapfen
Mitten
in der Hektik
Wer setzt seine Seele ein?
Wie er
mir...

Wonach soll ich mich bei diesen Entscheidungen richten? Welcher Maßstab hilft mir, Dinge beurteilen zu können? Soll ich die Gebote und Gesetze des Alten Testaments heranziehen oder soll ich mir aus den im Neuen Testament verstreuten Anweisungen einen Nachschlagekatalog zusammenstellen?
Wenn wir das Neue Testament nach Antworten auf diese Fragen durchkämmen, stoßen wir auf eine interessante Antwort: Der Maßstab, nach dem wir uns ausrichten sollen, ist keine Liste mit Geboten und Verboten, kein CGB (Christliches Gesetzbuch). Der Maßstab des Christen ist eine Person – Jesus Christus selbst. Immer wieder wird uns sein Vorbild, sein Verhalten als Richtschnur für unsere Entscheidungen vor Augen gehalten. Die häufigste Begründung für christliches Verhalten lautet: »Tue dies oder lasse das, weil Christus sich auch so verhalten hat.«
Wie
er mir –
so ich dir
Einige Beispiele:
Orientierung: Letztlich geht es um eine
Grundhaltung, die grundsätzliche Einstellung Jesu. Es ist seine dienende
Gesinnung. »Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war« (Phil 2,5).
Beim Bericht über die Fußwaschung zitiert Johannes Jesus selbst: »Wenn nun
ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr
euch untereinander die Füße waschen« (Joh 13,14).
Lieben: »Ein neues Gebot gebe ich euch, dass
ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander
lieb habt« (Joh 13,34). Die Nächstenliebe ist kein neues Gebot. Diese
Aufforderung finden wir bereits bei Mose. Das neue an diesem Gebot ist der
Bezugspunkt: »...wie ich euch geliebt habe.«
Vergeben: Bei diesem Thema finden wir keine psychologischen Begründungen oder einen erhobenen Zeigefinger, sondern den einfachen Hinweis: Wie er mir, so ich dir!
»Und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr« (Kol 3,13)! Unterstrichen wird die Anweisung des Vergebens durch das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht in Matthäus 18.
Annehmen: Wir sind unterschiedlich, haben unterschiedliche Prägungen und Vorlieben. Hier gilt: Nimm den anderen an, so wie er ist, ohne dass er sich zuvor deiner Meinung, deinen Prioritäten oder Vorlieben angeschlossen haben muss. »Gerade wenn wir dieses tun, wird Gott geehrt. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob« (Röm 15,7).
Leben als Christ: Paulus schreibt im Epheserbrief
einen langen Abschnitt darüber, wie Christen leben sollen. Da geht es im ersten
Teil unter anderem um lügen, zornig sein, stehlen, schlecht übereinander
reden. Mittendrin stehen folgende Verse: »Seid aber untereinander freundlich
und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in
Christus. So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder« (Eph
4,23-5,1). Gott selbst hat uns ein Beispiel gegeben. Als Paulus einige Verse später
auf das Zusammenleben von Mann und Frau eingeht, sagt er den Männern nicht: »Seid
lieb zu euren Frauen.« Vielmehr schreibt er ihnen ins Stammbuch die unerhörte
Aufforderung: »Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde
geliebt hat und hat sich selbst für sie dahingegeben« (Eph 5,25).
Jesus
–
der Prototyp
des Menschen
Immer wieder wird uns Jesus als Vorbild hingestellt. Ihm sollen wir nacheifern. Andere Bibelstellen gehen noch weiter. Wir sollen uns nicht nur in einzelnen Fragen an Jesus orientieren, wir sollen werden wir er, sollen so verändert werden, dass wir ihm ähnlich sind: ...»und wir werden umgestaltet in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist« (2. Kor 3,18).
John Stott schreibt dazu: »Müssten wir in einem
einzigen kurzen Satz zusammenfassen, was der Sinn des Lebens ist, warum Jesus
Christus in diese Welt kam, um zu leben, zu sterben und auferweckt zu werden. Müssten
wir kurz erläutern, welche Ziele Gott im langen Verlauf der Geschichte des
Alten wie des Neuen Testaments verfolgt, so könnten wir kaum eine prägnantere
Erklärung finden als diese: Gott macht Menschen menschlicher, indem er sie
Jesus ähnlicher macht. Denn Gott hat uns von vornherein zu seinem Bild
geschaffen, wir aber haben dieses Bild durch unseren Ungehorsam ruiniert und in
Schieflage gebracht. Er ist gegenwärtig im Begriff, es zu restaurieren. Er tut
es, indem er uns Jesus ähnlich macht, denn Jesus ist sowohl der vollkommene
Mensch als auch das vollkommene Ebenbild Gottes.« »Er ist das Ebenbild des
unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung« (Kol 1,15).
Jesus ist der Mensch, so wie Gott ihn sich vorstellt. Wir kommen heute schon in den Genuss, in diesen neuen Menschen hinein verändert zu werden. Wir dürfen die neue Natur anziehen, die »nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit« (Eph 4,24). Wir dürfen als neue Menschen die neuen Kleider anziehen! »Lasst euch von Gott erneuern. So entsprecht ihr immer mehr dem Bild, nach dem Gott euch geschaffen hat« (Kol 3,10 HfA).
Dass die Restaurierung des Menschen in das Bild Christi wirklich Gottes Plan und Ziel ist, unterstreicht Johannes. Er durfte für uns einen Blick in die Zukunft werfen und er schreibt davon, dass das Bild, welches heute schon in uns entsteht und immer deutlichere Züge annimmt, einmal vollendet werden wird. »Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist« (1. Joh 3,2). Dann wird alle Begrenzung durch die Sünde und ihre Folgen für uns vorbei sein. Endlich sind wir am Ziel – der neue Mensch ist vollkommen sichtbar.
Wir sehen, es gibt eine klare Antwort auf die Fragen: »Wonach richte ich mein Leben aus? Welcher Maßstab gilt für meine Entscheidungen?« Sie heißt: Jesus Christus. Deutlich wird auch, dass dies nicht eine Randfrage, sondern ein ganz zentraler Punkt unseres Christseins ist.
Für mich persönlich ist die Entdeckung, dass ich mich an Jesus orientieren soll und darf, eine große Hilfe geworden. Immer wieder, wenn ich mir bei Entscheidungen unsicher bin, frage ich: »Herr, was würdest du tun?« In der Regel wird mir dann bald klar, wie ich mich entscheiden soll.
Und die Bibel?
Brauche ich denn jetzt die Bibel nicht mehr? Redet Jesus direkt zu mir? Nein, meine Veränderung geschieht durch den Heiligen Geist: »Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden umgestaltet in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist« (2. Kor 3,18). Und der Geist Gottes arbeitet an mir, indem er mir klar macht, was in der Bibel steht und mich im entscheidenden Moment daran erinnert (Joh 14,26).
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal das Buch von John Stott (s.u.) empfehlen, der dem Leser Jesus »vor Augen malt«, wie ich es noch selten erlebt habe. Auch zu dem Thema dieses Artikels schreibt er Entscheidendes.
Stott beschließt sein Buch mit folgenden Sätzen: »Wenn Jesus im Mittelpunkt stünde, würden eine kränkelnde Kirche bald wieder genesen und kränkelnde Christen bald ihre Lebenskraft wiedererlangen. Denn die Hauptsache ist einfach dies: dass wir unseren Blick auf Jesus richten.«
Andreas Bürgin
Quellen:
John Stott, Jesus – der Eine, den wir brauchen
Helmut Raschpichler, Wesen und Grundlage christlicher Ethik (aus dem Unterricht
an der Bibelschule Fritzlar).