Perspektiven - April-Mai 2000
Inhalt: Wer
ist ein Christ?
Jesus - der Lebenspender
... so ist Gott
Ich
bin die Auferstehung und das Leben
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Wer |
Ich
kenne einen Menschen in Christus«, schreibt Paulus an die Korinther, »der vor
vierzehn Jahren entrückt wurde bis in den dritten Himmel« (2. Korinther 12,2).
Das erweckt Neugier. Was ist der »dritte Himmel«, und wo befindet er sich? Was
muss geschehen, um dorthin »entrückt« zu werden? Und wer war dieser »Mensch
in Christus«, den Paulus kannte und der diese äußerst ungewöhnliche
Erfahrung gemacht hatte? Die Theologen sind sich weithin einig, dass der Apostel
sich selbst meinte. Nach eigener Darstellung war er ein »Mensch in Christus«,
womit er einen »christusgläubigen Menschen« meinte. Wollten wir heute etwas
Ähnliches schreiben, würden wir es wahrscheinlich so formulieren: »Ich kenne
einen Christen, der ...« In der Sprache des Neuen Testaments ist ein »Mensch
in Christus« schlicht und einfach ein Christ - nicht mehr und nicht
weniger.
Wollen wir einen weiteren Beweis, dann müssen
wir Römer 16,1-16 aufschlagen. Hier lässt Paulus nicht weniger als
siebenundzwanzig Mitglieder der christlichen Gemeinschaft in Rom persönlich grüßen.
Er erwähnt jeden einzelnen, jedenfalls jede einzelne Familie mit Namen. Viele
von ihnen werden auch kurz beschrieben, und die weitaus häufigste Beschreibung
lautet entweder: »in Christus Jesus« oder: »in Christus« oder: »im Herrn«.
Beachten wir: Die dritte Präposition - in -
wird dort, wo sie auf Jesus Christus bezogen wird, nicht im
räumlichen Sinne verwendet. Wer »in Christus« ist, befindet sich nicht in dem
Sinne in Christus, wie sich eine Familie in ihrer Wohnung befindet, wenn sie
einen gemeinsamen Abend verbringt, oder wie Kleidungsstücke in einem Schrank
aufbewahrt werden. »In Christus« zu sein heißt nicht, sich im Inneren
Christi zu befinden, sondern im Rahmen einer sehr engen persönlichen Beziehung
mit ihm verbunden zu sein. Jesus selbst hat dies mit seinem Gleichnis vom wahren
Weinstock sehr deutlich gemacht. »Bleibt in mir und ich in euch«, sagte er
zu den zwölf Jüngern. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst,
wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir
bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in
ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun« (Johannes
15,4 f). Aus dieser Bildrede geht eindeutig hervor: »In Christus« zu sein und
zu bleiben heißt, in einer lebendigen, wachsenden Beziehung mit ihm zu leben.
Die Gute Nachricht übersetzt völlig richtig, wenn sie den Begriff »in
Christus« mit dem Ausdruck »mit Jesus vereint« wiedergibt.
Mit Jesus
vereint
Der Apostel Paulus entwickelte
zwei Vorstellungen des Vereint seins mit Jesus. Bei der ersten handelt es sich
um das Bild von der Gemeinde als einem lebendigen Organismus, dem Leib Christi,
mit dem jeder einzelne Christ als Glied verbunden ist. »Ihr aber seid der Leib
Christi und jeder von euch ein Glied«
(1. Korinther 12,27).
Das zweite Bild, das Paulus verwendet, ist noch kühner. In
Anlehnung an die im ersten Buch Mose getroffene Aussage, dass Mann und Frau in
der Ehe »ein Fleisch« werden, schreibt er: »Wer aber dem Herrn anhängt,
der ist ein Geist mit ihm» (1. Korinther 6,17). Hier ist von tiefer persönlicher
Liebe und Verbundenheit zwischen Jesus und dem einzelnen Christen die Rede.
Das vielleicht beachtenswerteste Bild entdecken gibt uns
Jesus selbst. Wir finden es in Johannes 17, im Hohepriesterlichen Gebet Jesu.
Dort betet Jesus für seine Jünger, »dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein«
(Vers 21). Jesus erbittet für uns also eine Beziehung zum Vater und zum Sohn (»in
uns«), die so persönlich ist wie die Beziehung, die Vater und Sohn
untereinander haben. Eine geradezu atemberaubende Aussage! Jesus hält es
durchaus für möglich, dass die liebevolle Beziehung, die der Vater im
Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit zum Sohn unterhält, sich in unserer
eigenen liebevollen Beziehung zu Gott und dadurch in unseren Beziehungen
untereinander widerspiegeln kann (Vers 23).
In all diesen unterschiedlichen Bildern wird die eine
Wahrheit veranschaulicht: Wie ein Ast mit dem Baum, wie ein Glied mit dem Körper,
wie Mann und Frau in der Ehe und wie Vater und Sohn innerhalb der heiligen
Dreieinigkeit miteinander vereint sind, so ist der Christ mit Jesus Christus vereint.
Wer ist
ein Christ?
Wir haben festgestellt, wer »in
Christus« ist, ist persönlich mit Jesus vereint. Jetzt müssen wir uns mit
verschiedenen wichtigen Aspekten diesbezüglich befassen.
Mit Jesus vereint sein ist erstens ein
unverzichtbarer Bestandteil unserer christlichen Identität. Niemand kann ohne
sie Christ sein, auch wenn unsere Vorstellungen und Erfahrungen
auseinandergehen mögen. Ich habe Verständnis dafür, dass man darüber redet,
wie sich das Christsein auf unser Leben auswirkt. Dass wir aber nach zweitausend
Jahren uns immer noch darüber streiten, was einen Menschen überhaupt zum
Christen macht, ist seltsam. Die verschiedenen Kirchen mit ihren
unterschiedlichen Traditionen beharren auf unterschiedliche Standpunkte. Die römisch-katholische
und die orthodoxen Kirchen betonen die Notwendigkeit der Taufe und der
Mitgliedschaft in einer historischen Konfession. Evangelische Christen
unterstreichen die Notwendigkeit eines persönlichen Glaubensaktes als Antwort
auf das Evangelium. Pfingstler berufen sich auf den Empfang des Heiligen
Geistes. Anhänger einer eher liberalen Tradition sehen in Jesus im Grunde den,
der für andere lebte; für sie sind Werke der Barmherzigkeit sowie das Streben
nach sozialer Gerechtigkeit die entscheidenden Merkmale echter Jesusnachfolge.
Ich bezichtige keine dieser Gruppen der Irrlehre. Jedoch müssen wir festhalten,
dass Christsein Jesus und den Aposteln zufolge nicht mit Getauft sein,
Kirchenmitgliedschaft, Zulassung zum Abendmahl, Zustimmung zum apostolischen
Glaubensbekenntnis oder dem Versuch, sich nach der Bergpredigt zu richten,
gleichgesetzt werden darf. Dies alles sind unerlässliche Bestandteile eines
Christenlebens, doch kommen sie, für sich allein betrachtet, einem leeren
Schmuckkasten gleich, aus dem der Schmuck verschwunden ist. Der Schmuck ist
Jesus Christus selbst. Christsein heißt in erster Linie, mit Jesus Christus vereint
zu sein. Taufe, Glaube und Verhalten ergeben sich als ganz natürliche Folgen
dieses Vereint seins.
Henry Scougal erklärt in seinem einflussreichen Büchlein
mit dem Titel „The Life of God in the Soul of Man“ (Das Leben Gottes in der
Seele des Menschen): »Wahre Frömmigkeit besteht in der Vereinigung der Seele
mit Gott, in echter Teilhabe an der göttlichen Natur, im Ebenbild Gottes, das
in die Seele geprägt wird, oder, um es mit dem Apostel zu sagen, dass Christus
in uns Gestalt gewinnt.« Die Wurzel dieses göttlichen Lebens ist der
Glaube, und seine »bedeutendsten Zweige« sind »Liebe zu Gott, Wohltätigkeit
gegenüber den Menschen, Reinheit und Demut«. Die Erfüllung dieser äußerlichen
Pflichten könne »ebenso wenig zum Christen machen, wie eine Puppe zum Menschen
werden kann«. Pflichterfüllung allein ruft eine »erzwungene und künstliche
Frömmigkeit« hervor, gleich einer erzwungenen Ehe ohne Liebe.
Das Vereint sein mit Jesus steht zweitens im
Mittelpunkt des neutestamentlichen Evangeliums. Statistiker unter den
Neutestamentlern haben herausgefunden, dass in den Paulusbriefen die Ausdrücke
»in Christus«, »im Herrn« und »in ihm« 164 Mal vorkommen.
Dr. James Stewart, bereits verstorbener Professor für
Sprache, Literatur und Theologie des Neuen Testaments am New College, unterstützt
das Ergebnis dieser Untersuchung: »Das Herzstück paulinischer Frömmigkeit ist
die Vereinigung mit Christus. Dieser Begriff gibt uns mehr als jeder andere - ob
Rechtfertigung, Heiligung oder gar Versöhnung - den Schlüssel in die Hand, mit
dessen Hilfe wir die Geheimnisse der Seele des Apostels aufschließen können«.
Weiter heißt es: »Alles wird nach Ansicht des Paulus im großen Faktum der
Gemeinschaft mit Christus zusammengefasst. Sonstige Aspekte christlicher
Erfahrung sind für ihn nicht vereinzelte Ereignisse, sondern Aspekte der einen
Wirklichkeit, nicht Parallelen, sondern Radien ein und desselben Kreises,
dessen Mittelpunkt das Vereint sein mit Christus ist.
Das Vereint sein mit Jesus ist drittens einzigartig
unter den Weltreligionen. Keine andere Religion bietet ihren Anhängern
eine persönliche Vereinigung mit ihrem Gründer. Weder ist das den Buddhisten
mit Buddha noch den Anhängern des Konfuzianismus mit Konfuzius möglich,
weder den Muslimen mit Mohammed noch den Marxisten mit Karl Marx gegeben. Der
Christ aber ist überzeugt - demütig, wie ich hoffe, aber zuversichtlich -, dass er mit Jesus Christus vereint ist. Mitglieder anderer
Religionsgemeinschaften sehen in ihrem Gründer einen verehrten Lehrer. Christen
halten Jesus ebenfalls für einen Lehrer und sind bestrebt, seine Lehre zur
Richtlinie ihres Verhaltens zu machen. Aber für uns ist Jesus mehr als ein
Lehrer der Antike. Er ist unser lebendiger Herr und Heiland, mit dem wir in
einer engen, vitalen und liebevollen Beziehung verbunden sind. Bischof Stephen
Neill hat diese typische Eigenart des Christentums mit folgenden Worten bekräftigt:
»Jesus war zwar ein Religionslehrer, doch im Mittelpunkt des christlichen
Glaubens steht nicht die Annahme gewisser Dogmen, sondern ein persönliches
Vertrauen und die Hingabe an eine Person. Wir glauben, dass diese Person lebt
und allen zugänglich ist. Die Beziehung des Christen zu Jesus wird mit Ausdrücken
beschrieben wie: Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; dass
Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne; Christus in euch, die Hoffnung
der Herrlichkeit - alles Ausdrücke, die im Neuen Testament wiederholt
vorkommen und deutlich machen, dass das Herzstück des christlichen Glaubens in
dieser innigen, persönlichen Beziehung des Vertrauens, der Hingabe und der
Gemeinschaft besteht«
Wir haben festgestellt, dass das Vereint sein mit Jesus für die Identität des Christen, für das neutestamentliche Evangelium wie für die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens unverzichtbar ist. Jetzt sind wir bereit, über die großartigen Segnungen zu sprechen, die diese Beziehung mit sich bringt. Näheres dazu im Artikel: Jesus bringt uns das Leben.
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Aus dem Buch »Jesus - der Eine, den wir brauchen« von John Stott. Kürzungen von Andreas Bürgin. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags der Francke-Buchhandlung. |