Perspektiven -
Februar-März 2000
Inhalt: Schuldig
werden Was ist Wahrheit?
Wie
bekomme ich einen gnädigen Gott?

Die
neue
religiöse
Toleranz
– o
d e r
–
»Was
ist Wahrheit
In
unserer Zeit ist diese Frage, die Pilatus an Christus stellte (Joh 18,38),
hochaktuell. Man spricht heute nicht mehr von der
Wahrheit, sondern es gibt mehrere Wahrheiten. Dass diese sich widersprechen bzw.
sich gegenseitig ausschließen, spielt dabei keine Rolle. Damit ist aber die
Wahrheit abgeschafft. Mit ihrem Tod wird gleichzeitig auch jegliche Moral
beerdigt. Jeder macht, was er will; Hauptsache, er fühlt sich gut dabei. Man
entscheidet für sich selbst, was Recht und Unrecht ist. Um auf dieses Denken in
der Gesellschaft aufmerksam zu machen, hat 1998 der amerikanische Verkündiger,
Autor und Apologet (Verteidiger des Christentums) Josh McDowell zusammen mit Bob
Hostetler unter dem Titel »The New Tolerance« ein Buch veröffentlicht. Dieses
Buch ist inzwischen bei CLV unter dem Titel »Die neue Toleranz. Wie eine
kulturelle Bewegung Sie, Ihren Glauben und Ihre Kinder zu zerstören droht«
erschienen. In ihrer Ausgabe 9/1999 hat die Zeitschrift »factum« (Schwengeler
Verlag AG, Hinterburgstr. 8, CH-9442 Berneck) einen Artikel mit überarbeiteten
Auszügen aus dem Buch veröffentlicht. Volker Müller, Pastor in Duisburg, hat
diesen Artikel zur Grundlage seines Beitrages gemacht. Wir empfehlen eine nähere
Beschäftigung mit dem Thema anhand des genannten Buches.*
In
seinem Buch beschreibt der Autor die heutige Lehre der »neuen Toleranz«. Es
herrscht die Ansicht, dass alle Werte, Überzeugungen, Lebensstile,
Wahrheitsansprüche und damit eben auch alle Religionen gleich seien. Damit
unterscheidet sich diese neue Toleranz entscheidend von dem, was wir bisher
unter dem Begriff Toleranz verstanden haben:
• Das Respektieren der
Rechte anderer Menschen
• Das Anhören anderer
Sichtweisen, Kulturen und Hintergründe
• Der Versuch, mit allen
Menschen im Frieden zu leben, trotz vieler Unterschiede
• Das Akzeptieren aller
Menschen, egal zu welcher Rasse oder Nationalität sie gehören, egal, zu
welchem Glauben sie sich bekennen.
Ein solches Verständnis von
Toleranz ist vollkommen mit den biblischen Geboten vereinbar. Wir schätzen und
akzeptieren doch den Menschen. Das bedeutet ja nicht gleichzeitig, dass wir
seinen Glauben oder sein Verhalten bejahen. Wir unterscheiden zwischen dem, was
eine Person denkt oder tut, und der Person selbst.
Das genügt aber nach Ansicht der
»neuen Toleranz« nicht mehr. Es reicht nicht aus, dass wir einem anderen
Menschen zugestehen, er müsse nicht mit dem christlichen Glauben oder Verhalten
übereinstimmen. Zur »wirklichen« Toleranz gehört, dass die Einstellung eines
anderen Menschen in gleichem Maße gültig ist wie meine eigene. Dazu kommen
gerade auch alle möglichen Glaubensauffassungen und Verhaltensweisen. Diese
muss man (nach Lehre der neuen Toleranz) gutheißen, ihnen zustimmen und sie
aufrichtig unterstützen.
Damit ist die absolute Wahrheit
aufgegeben. Es gibt dann auch kein objektives Recht und Unrecht mehr, das auf
alle Menschen, alle Zeiten und alle Orte anzuwenden ist. In letzter Konsequenz
bedeutet das, dass die Sünde abgeschafft ist.
Welche Konsequenzen hat
dies für uns als Christen?
Nach
Meinung von McDowell schafft das unterschiedliche Verständnis des Toleranzbegriffes
zunächst einmal Verwirrung. Man versteht seine eigenen Kinder nicht. Viel
schlimmer ist aber, dass bei vielen jungen Leuten gerade aus christlichen
Familien der Glaube an Gott untergraben wird. Wer nicht mehr an eine absolute
Wahrheit glaubt, kann dann auch nicht mehr zwischen Recht und Unrecht
unterscheiden. Damit hat er keine Kraft mehr, um Versuchungen zu widerstehen. So
zeigt es sich, dass nicht nur unser Denken beeinflusst wird, sondern auch unsere
Lebensweise. Das Ausrotten des Glaubens und der Moral einer Generation Christen,
die ihren christlichen Glauben weder verteidigen kann noch will und die auch
nicht bereit ist, ein von christlichen Grundsätzen bestimmtes Leben zu führen.
Was geschieht, wenn wir
es ablehnen, der neuen Toleranz zu folgen?
Und
wenn wir die Glaubensauffassungen und Verhaltens- und Lebensweisen anderer nicht
gutheißen und auch daran nicht teilnehmen? Dann besteht die Gefahr, dass wir
als Fundamentalisten und Fanatiker bezeichnet werden. Damit verbunden ist
eine öffentliche Demütigung. So gibt es beispielsweise die Erklärung der
UNO-Generalversammlung vom 25. November 1981, wo es heißt, dass alle »Formen
von Intoleranz und Diskriminierung aufgrund von Religion oder Glaube«
eliminiert werden müssen. Das sei ein »wichtiger Schritt der Völkerfamilie«.
Letzten Endes läuft das auf die Verfolgung von Menschen hinaus, die an einer
absoluten Wahrheit festhalten.
Die örtliche Abteilung der
Intervarsity-Studentenmission an der Carleton University in Ottawa wurde aus der
Studentenunion der Universität verbannt und somit von Spendengeldern, Vergünstigungen
usw. ausgeschlossen. Grund? Die Forderung der Studentenmission, dass ihre
Mitglieder das Glaubensbekenntnis von Intervarsity unterschreiben sollten. Die
Studentenunion behauptete, dass eine derartige Forderung eine Verordnung
verletze, die gleichberechtigten Zugang zu allen Vereinigungen verlangt. Mit
anderen Worten: Es ist eine Diskriminierung, wenn eine christliche Vereinigung
von ihren Mitgliedern erwartet, einem christlichen Glaubensbekenntnis
beizupflichten.
Eine weitere Folge der neuen
Toleranz: »Bei Entscheidungen werden die Gefühle an die Stelle von Tatsachen
gesetzt. Emotion ersetzt Vernunft, Stil erringt den Sieg über Inhalt. Gefühle
sind wichtiger geworden, als Fakten. Der Ausspruch »ich denke« wird ersetzt
durch »ich fühle«: »Ich fühle, dass das, was ein Mensch im privaten Rahmen
tut, niemanden etwas angeht, außer ihn selbst.« Aber wenn in unserer
Gesellschaft Gefühle statt Ideen regieren, werden Männer und Frauen immer mehr
Unsinn glauben und Einspruch wird nicht gestattet sein (»Wie kannst du dem
widersprechen, was ich fühle?«).
Christen
müssen reagieren
Es ist für
Christen an der Zeit zu reagieren. Wenn wir es nicht tun, werden unsere
Freiheiten immer mehr ausgehöhlt und der Glaube unserer Kinder wird immer
weiter untergraben werden, unsere Kultur wird um uns her zusammenbrechen und
unsere Gemeinden werden von innen zerstört werden.
Aber damit die Reaktion wirksam
ist, die neue Toleranz entschärft und der Glaube bewahrt wird, müssen Christen
viel mehr tun, als nur ihre bürgerlichen und religiösen Rechte zu verteidigen.
Sie brauchen etwas Besseres. Sie brauchen eine Strategie, die nicht nur defensiv
ist, sondern die Sache Gottes voran bringt. Die Bibel unterweist uns in 1.
Petrus 3,15: »Haltet den Herrn, den Christus, in euren Herzen heilig! Seid
aber jederzeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der Rechenschaft von
euch über die Hoffnung in euch fordert.«
Ich schlage zwei Ebenen der
Vorbereitung vor:
1. Sei bereit
für eine moralische und ethische Verteidigung deiner Position
2. Gib
innerlich Acht auf deine geistlichen Überzeugungen
Immer weniger
Menschen stellen Fragen, die mit einer theoretischen und faktischen Apologetik
(Verteidigung des Glaubens) beantwortet werden können. In der postmodernen,
relativistischen Kultur ist eine Betonung der Frage »Was ist wahr?« zurückgegangen
und das Interesse an der Frage »Was wirkt?« hat zugenommen.
Ich bin überzeugt,
dass die Mehrheit der jungen Menschen, die heute Christen werden, dies nicht
tun, weil der christliche Glaube wahr und glaubwürdig ist, sondern weil er die
beste ihnen bis dahin vorgestellte Sache ist. Folglich kann ich im Grunde
genommen garantieren, dass diese Jugendlichen den Glauben aufgeben, sobald ihnen
etwas anderes begegnet, das ihnen noch besser erscheint.
Wegen der neuen Toleranz fragt
unsere heutige Kultur nicht so sehr, ob das Evangelium glaubwürdig ist; sie
fragt, ob das Evangelium relevant (wirksam) ist. Wenn wir eine bedürftige Welt
zu Christus ziehen wollen, müssen wir demonstrieren, dass er sowohl theoretisch
glaubwürdig, als auch für das menschliche Leben relevant ist. Das bedeutet,
dass wir uns eine neue Apologetik aneignen müssen, eine neue Verteidigung, die
den Glauben sowohl als glaubwürdig als auch als relevant erweist (siehe »Das
5-Punkte-Programm).
Volker Müller
Josh
McDowell schlägt ein 5-Punkte-Programm als Antwort auf diese Denkweise vor:
1.
Gemeinschaft entwickeln (Joh 13, 34-35)
Wir sollten
nicht nur das Evangelium verkünden, sondern die Wahrheit des Evangeliums in
einer Gemeinschaft von Menschen ausleben. Eine solche christliche Gemeinschaft
ist vollmächtig, anziehend und gewinnend.
2.
Barmherzigkeit zeigen (Ps 146,5-9)
Wir sollten uns
wieder mehr den Witwen, Waisen, Heimatlosen, Armen und Bedürftigen zuwenden und
diese Arbeit nicht nur den Sozialämtern überlassen. Selbst eine von der neuen
Toleranz beherrschte Kultur wird es schwierig finden, dem erbarmenden Herzen
eines Christen zu widerstehen.
3.
Die Schöpfung schützen (Gen 1,26; Gen 2,15)
Damit können
wir jene Menschen aus unserer Umgebung ansprechen, denen es wichtig ist, wie wir
Menschen mit unserem Planeten umgehen. Wenn wir Respekt zeigen und ein Anliegen
haben für Gottes Schöpfung, werden wir bei der umweltbewussten Generation Gehör
finden.
4.
Enge eheliche und familiäre Beziehungen bauen (Eph 5,25.28-31)
Da sich die
Mehrheit der jungen Leute ein glückliches Familienleben wünscht, sollten wir
deutlich machen, dass der christliche Glaube auch für gesunde Ehen und Familien
bedeutungsvoll ist.
5.
Ein unwiderstehliches persönliches Zeugnis bieten (Off 12,10-11)
Wir sollten jede
Gelegenheit ergreifen, anderen zu erzählen, wie Christus unser Leben verändert
hat. Je mehr die Botschaft Christi für uns in zwischenmenschlichen Beziehungen
wichtig wird, desto attraktiver wird das Evangelium für eine bedürftige Welt
sein.
*Dieses
und andere Bücher zum downloaden unter
http://www.clv-online.de/pages/ubpdf.htm