Perspektiven -
Februar-März 2000
Inhalt: Schuldig
werden Was ist Wahrheit?
Wie
bekomme ich einen gnädigen Gott?
Schuldig
werden

Vom Umgang mit der
Schuld
Von H.-D.Becker
Zwar
gestehen Christen ihre Schuld Gott im Gebet ein, aber die Erfahrung zeigt, dass
man sie dadurch längst nicht immer los wird.
Wie gehe ich mit meiner Schuld um, und wie geht Jesus mit meiner Schuld
um?
Im
Frühjahr 1959 wird ein amerikanischer Luftwaffenmajor in eine Nervenheilanstalt
eingeliefert: alkoholabhängig, von seiner Frau geschieden, straffällig.
Mehrfach hat er versucht, seinem Leben ein Ende zu machen.
Jahrelang ist dieser Major
ein vorbildlicher Offizier gewesen - mit besten Aussichten auf eine große
Karriere. Dann kommt es zu einer tragischen Wende in seinem Leben: Er fliegt
das Flugzeug, das im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima die erste Atombombe
abwirft!
Zunächst verteidigt der
Offizier seine Kriegstat vehement: er habe keine andere Wahl gehabt, auf Befehl
gehandelt - für sein Land! Doch nachts in seinen Träumen verfolgen ihn
Schreckensbilder schreiender japanischer Männer, Frauen und Kinder. Furchtbare
Schuldgefühle, Gewissensqualen und Depressionen stellen sich ein. Unaufhörliche
Selbstanklagen treiben ihn schließlich dazu, sich dem Alkohol hinzugeben und
sich durch Diebstähle willentlich wortwörtlich strafbar zu machen.
Bewusst zielt er darauf ab, bestraft zu werden - in der Hoffnung, durch das Verbüßen
einer Strafe seine Schuld zu sühnen, sich auf diese Weise zu ent-schuldigen und
seine quälenden Schuldgefühle wieder los zu werden.
Gewiss, nur wenige Menschen haben in ihrem Leben eine so
eklatante, exorbitante und folgenschwere Schuld auf sich geladen. Und doch sind
die Wartezimmer von Psychotherapeuten und Psychiatern vielfach überfüllt mit
Menschen, die - geplagt und gejagt von Schuldgefühlen - nicht mehr aus noch ein
wissen.
Auch immer mehr Christen nehmen psychisch Schaden an ihrer
Seele, weil sie mit unbewältigter Schuld in ihrem Leben nicht mehr fertig
werden. Zwar gestehen Christen ihre Schuld Gott im Gebet ein, aber die Erfahrung
zeigt, dass man sie dadurch längst nicht immer los wird, oft schon bald
dieselben Fehler und Sünden wieder begeht, und dass vielfach quälende
Schuldgefühle zurückbleiben, wenn das Sündenbekenntnis nicht als eine
wirklich frei- und glücklich machende Erfahrung erlebt wird.
Da, wo wir Gottes Haltung seinen Kindern gegenüber falsch
einschätzen, hängt dies häufig mit unseren zwischenmenschlichen Erfahrungen
zusammen.
Unbewältigte
Schuld
bewirkt Angst
vor einer Strafe
Wer Unrecht getan hat, an Gott
oder seinen Mitmenschen schuldig geworden ist, hat in aller Regel Angst,
zuweilen panische Angst davor, ertappt und bestraft zu werden. - Dass diese
Angst vor einer Strafe eine oftmals so lähmende, ja gespenstische Macht
über uns besitzt, hängt mit der Entwicklung unserer Persönlichkeit
zusammen:
Schon als Kinder haben wir ein sittliches Idealbild
von uns selbst entwickelt: ein Bild von uns, wie wir eigentlich sein sollten
und daher in gewisser Weise auch sein wollen. Von unseren Eltern und
anderen für uns bedeutenden Personen unseres sozialen Umfeldes übernahmen wir
gesellschaftliche, moralische und religiöse Ideale, Normen und Verhaltensmaßstäbe,
die seither unser Gewissen bestimmen. Und: wir machten jahrelang die
Erfahrung, dass ein Verstoß gegen diese moralischen Verhaltensvorgaben in der
Regel von unseren Eltern, Erziehern und Lehrern in irgendeiner Form geahndet,
bestraft wurde.
Nicht selten übertragen wir dieses Schuld- und Sühnedenken
dann auch auf unsere Beziehung zu Gott: Irgendwie und irgendwann wird Gott dich
strafen für dein Tun, so denken wir und leben fortan insgeheim in
unterschwelliger Erwartung einer göttlichen Strafe. Bei vielen Menschen
eskaliert die Angst vor einer Bestrafung zu einer panischen Angst vor dem
Schuldigwerden überhaupt. Ihr Denken, Reden und Handeln ist dann nicht
mehr von positiven Zielen geleitet, sondern von dem negativen, angstbesetzten
Motiv bestimmt, sich nur nichts zu Schulden kommen zu lassen, unter keinen Umständen
Fehler zu machen. Lieber nichts tun, als Gefahr laufen, etwas Falsches zu tun,
lautet ihre oberste Maxime. Eingeschnürt in dem Wahn, ohne Makel bleiben zu können
und zu müssen, wagen sie nicht mehr, ihr Leben wirklich zu leben und werden
damit schuldig am Leben selbst: schuldig, ihr unverwechselbares, einmaliges
Leben am Ende eigentlich gar nicht gelebt zu haben!
Die
Überwindung der Angst vor einer Bestrafung durch Gott
In offenkundigem Gegensatz zu der
unsäglichen und doch scheinbar unausrottbaren Auffassung, die christliche
Glaubenslehre setze uns Menschen mit der Androhung von Strafen
Gottes unter Druck, um uns gehorsam und gefügig zu machen, sagt die Bibel an
keiner einzigen Stelle, dass Christen Angst vor Gottes Strafen haben sollten. Im
Gegenteil! Sie sagt: »Die Strafe lag auf ihm (auf Jesus), damit wir
Frieden hätten« (Jes 53,5), und: »Da wir nun vor Gott gerecht geworden
sind durch den Glauben (an den stellvertretenden Sühnetod seines Sohnes), haben
wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus« (Röm 5,1).
Freilich kann und wird Gott als gerechter Richter kein Unrecht ungestraft
lassen. Aber das ist ja das Evangelium, das Wunder, von dem Christen leben: dass
Gott ihre Schuld und Strafe längst für sie bezahlt hat,
‑ an ihrer Stelle selbst bezahlt hat: in dem Kreuzestod seines
Sohnes Jesus Christus (Kolosser 1, 14; 1,20). Christen sind von ihrer Schuld
für immer Befreite!
Entsprechend versichert das Neue Testament, dass denen, die
auf Jesus Christus vertrauen, nicht nur all ihre Fehler und Schulden von Gott
verziehen werden, sondern bereits ein für allemal verziehen und vergeben
sind! (Kolosser 2,13 sagt dies im griechischen Grundtext des Neuen
Testaments in der Sprachform des Aorist, die ausdrückt, dass eine Handlung
bereits geschehen und abgeschlossen ist). Alle Fehler und Sünden sind in
dieser Vergebung eingeschlossen ‑ auch die zukünftigen! Jesus hat den
gegen uns stehenden Schuldbrief mit seinen Forderungen an uns »durchgestrichen
... und an sein Kreuz genagelt« (Kolosser 2,14). Gegen die, die sich auf
Jesu Tun für uns verlassen, besteht von Gott her gar keine Anklage mehr;
Gott hat die Anklage gegen sie für immer fallen gelassen! Nicht Gott,
sondern sein satanischer Gegenspieler und ihr Gewissen sind es, die Christen
ihrer längst bezahlten Sündenschuld wegen immer noch anklagen (Offenbarung
12,10; 1. Johannes 3,20). Jesus Christus ist ihr göttlicher Anwalt geworden,
der sie gegenüber diesen Anklagen verteidigt, ja gerecht spricht! Paulus bricht
über dieser Tatsache in Freudenjubel aus: »Wenn Gott selbst für uns ist,
wer will denn dann noch gegen uns sein?!« (Röm 8,33‑35). Unser
Gewissen sagt uns an dieser Stelle nicht die Wahrheit: Es gibt keine
Verurteilung und keine Strafe Gottes für die, die auf seinen Sohn Jesus
Christus vertrauen (Römer 8,1).
Warum aber tun sich Christen oft so schwer zu glauben,
dass Gott sie nie strafen wird? - Weil wir alle einer so rückhaltlosen,
bedingungslosen und umfassenden Liebe, wie der Liebe Gottes zu uns, nirgends
sonst in unserer Welt begegnen! Weil wir von Kindheit an gewöhnt sind, von
unseren Erziehern für ein Fehlverhalten bestraft zu werden und für neues
Unrecht neue Strafe zu bekommen. Und: weil wir in der Regel nicht unterscheiden
zwischen Strafen Gottes und seinen väterlichen Zurechtweisungen.
Gott straft seine an ihm schuldig gewordenen Feinde (2.
Thessalonicher 1,8f.; 2. Petrus 2,9; Jesaja 13,11), seine Kinder aber weist
er zurecht (Offenbarung 13,9; Hebräer 12,5ff.)!
Der Zweck einer Strafe
Gottes ist die ausgleichende Vergeltung eines begangenen Unrechts; der
Zweck seiner Zurechtbringung erzieherisch-helfende Korrektur. Gottes
Bestrafungen zielen auf begangene Sünden in der Vergangenheit; seine
Zurechtweisungen auf gelingendes, heilvolles Leben in der Zukunft.
Das Motiv des strafenden
Gottes ist sein Zorn über das Unrecht und sein Eifer für dessen gerechte
Vergeltung; das Motiv göttlicher Zurechtweisung aber ist barmherzige,
vergebende Liebe: In seiner Zurechtweisung ist Gottes Nein zur Sünde getragen
von seinem großen Ja zu uns Sündern!
Der um der Vergeltung des
Unrechts willen Bestrafte wird am Ende vielleicht erkennen, dass er schuldig
geworden ist; der aus barmherziger Liebe - zu seinem künftigen Wohl und Heil! -
Zurechtgewiesene aber wird dem dankbar sein, der ihm zurechtgeholfen hat.
Christen sind Menschen, die
zu Gott in einem ganz neuen Verhältnis stehen: Jesus Christus hat alle
ihre Sündenschuld durch sein Blut von ihnen abgewaschen (Kolosser 2,13;
Offenbarung 1,5b). Er hat sie »ein für allemal geheiligt« (Hebräer
10,10) und sie in den Augen Gottes »untadelig« gemacht (Kolosser 1,22;
1. Korinther 1,8). Christen sind Menschen, denen Gott um Jesu Christi
willen nie mehr böse ist! Was immer sie als Kinder von Seiten ihrer Väter,
Mütter und sonstigen Erzieher an Bestrafung erfahren haben: vor ihrem
himmlischen Vater sollen und müssen sie niemals Angst haben (Römer 8,15).
Gott will nicht unsere Angst, er will unser Vertrauen und unsere Liebe! »Gott
ist Liebe. Echte Liebe zu ihm kennt keine Angst! Seine Liebe zu uns vertreibt
unsere Angst. Wer Angst hat und vor Strafen Gottes zittert, mit dem ist die
Liebe Gottes noch nicht an ihr Ziel gekommen« (aus 1. Johannes 4,16-18).
Auch wenn wir vom Weg
gelingenden Lebens abgewichen sind, liebt Gott uns unvermindert mit derselben
Liebe, liebt und bringt uns wieder zurecht, ‑ weil er in seiner Liebe treu
ist und sich in seiner Treue zu uns nicht verleugnen kann ‑, »auch
wenn wir untreu sind« (2. Timotheus 2,13);
- weil Gott Licht ist, in dem es keinen Schatten gibt (Jakob. 1,17b);
‑ weil Gott in Jesus Christus ein bedingungsloses, rückhaltloses Ja zu
uns Menschen gesagt hat und »nicht ein Ja und ein Nein« (2.
Korinther 1,19f).
Unbewältigte
Schuld
bewirkt Angst
vor Abweisung
Auch
wenn Christen diese Wahrheit ergriffen haben, dass sie auf ewig von Gott
angenommen sind, bleibt eine andere Angst: »Gott weist mich ab, wenn ich ihm
nicht gehorsam bin und immer in seinem Willen lebe.«
Es ist eine Tatsache, dass
das Bild welches wir von Gott als Vater haben, mitgeprägt ist von den
Erfahrungen, die wir mit unserem Vater gemacht haben. Kaum einem Elternpaar
gelingt, es den Vorsatz bedingungsloser Liebe ihren Kindern gegenüber in allen
Konflikt- und Spannungssituationen durchzuhalten.
Meine Eltern lieben mich
nur, wenn..., so lautet die Folgerung. Und was Wunder, wenn solche
Erfahrungen es einem Menschen fortan schier unmöglich machen, die Liebe, die Gott
uns in Jesus Christus schenkt, für eine bedingungslose zu halten?! Auch
in unserer Gottesbeziehung bestimmt uns unsere kindliche Erfahrung mit, beschleicht
uns die Angst vor drohendem Liebesentzug: Bin ich ungehorsam, dann werde ich von
Gott weniger geliebt!
Die
Überwindung der Angst
vor einem
"von Gott abgewiesen werden"
In
den bisher entfalteten Einsichten ist die biblische Antwort auf diese Form durch
Schuldgefühle hervorgerufener Angst bereits implizit enthalten: Gott weist den,
der durch Jesus Christus mit ihm versöhnt ist, auch dann niemals ab, wenn
er gegenüber dem Willen Gottes schuldig wird! (Vgl. Römer 5,8- 10) Zwar hat
Jesus am Kreuz der Sünde noch nicht jede Macht, wohl aber ihre Scheidemacht genommen:
mit Gott Versöhnte kann sie nicht mehr von Gott trennen (Römer 6,7;
8,38f.). Das dennoch von Christen im Anschluss an Erfahrungen des
Schuldigwerdens zuweilen schmerzlich empfundene Gefühl des
Abgewiesenseins stammt ebenso wenig von Gott her wie die Angst, aufgrund einer Sünde
Gottes Wohlwollen und Segen zu verlieren. Beide Empfindungen rühren vielmehr
aus unseren auf Gott projizierten Erfahrungen mit Mitmenschen her: aus der
Erfahrung, dass wir Menschen einander bisweilen nicht so lieben und
annehmen, wie wir sind, sondern auf das Fehlverhalten des anderen mit Abweisung
und Ressentiments reagieren.
Dass Gott mich wegen eines sündigen
Fehlverhaltens nicht verschmäht und von sich weist, heißt nun freilich nicht,
dass ich eines von mir begangenen Vergehens nicht schuldig wäre. Auch eine
noch so treffende Erklärung der Herkunft jener niemals von Gott her rührenden
Schuldängste kann keinesfalls die diesen Ängsten möglicherweise auch
zugrundeliegende reale Schuld beseitigen. Die psychologische Aufhellung der
Entstehung angstbesetzter, irregeleiteter und eben darum zu überwindender
Schuldgefühle im Erleben von Christen kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen,
dass wir immer wieder neu am Gebot und Willen Gottes schuldig werden (vgl. 1.
Johannes 1,8ff.). Und sie muss darüber hinaus der seelsorglich überaus
bedeutsamen Tatsache Rechnung tragen, dass das Gotterleben eines Christen realen
Schwankungen unterworfen ist. Wem bewusst wird, dass er Sünden begangen hat und
darüber in seinem Gewissen betrübt ist, empfindet sein geistliches Leben von
Schuldgefühlen bisweilen wie von einem düsteren Schleier umhüllt. Er meint -
trotz allen »theologischen Durchblicks« -
gleichsam unter einer dunklen Wolke zu leben. Er »erlebt« Gott mit
einem Male anders: ferner, abwesender als zuvor, als er sich noch der Gewissheit
des Vergebenseins seiner Sünden freuen konnte. Wenn Gott ihn aber
nach wie vor mit derselben ungetrübten Liebe liebt, warum erlebt er seine
Gottesbeziehung jetzt nicht mehr ungetrübt?
In Anbetracht der
voranstehenden Überlegungen kann die Antwort auf diese Frage nur lauten: weil
die Sünde des Christen zwar nicht sein Gottesverhältnis aufheben, sehr
wohl aber sein persönliches Gotterleben trüben kann! Sünde belastet
nicht seine Gottesbeziehung, wohl aber sein Gewissen. Sie trennt einen durch
Christus mit Gott versöhnten Menschen nicht mehr von Gott, - es sei denn, er wollte
sich bewusst von Gott trennen und lossagen, aber sie stört und verdunkelt
sein geistliches Empfinden für Gott. Weil nun jede authentische christliche
Gotteserfahrung durch den Heiligen Geist vermittelt ist, sind Christen aufgerufen,
diesen göttlichen Geist nicht durch bewusste Sünde »zu betrüben« (Epheser
4,30; 1. Thessalonicher 5,19). Der Glaubende, der sich dessen dennoch schuldig
macht, wird sich vor etwaigen göttlichen Vergeltungsmaßnahmen vergeblich ängstigen:
die Liebe Gottes zu ihm bleibt unverändert, da sie grundlos liebt und an
keinerlei zu erfüllende Voraussetzungen auf Seiten des Menschen gebunden ist.
Wohl aber sollte er sich klarmachen, dass er durch seine Sünde die Tür zur
Gemeinschaft mit Gott von seiner Seite aus zugeschlagen hat, und dass es
darum gilt, diese Tür wieder zu öffnen, damit die Liebe Gottes von ihm wieder
ungetrübt erlebt werden kann! Wo dies nicht geschieht, bleibt der Liebe
Gottes keine andere Wahl, als uns auf zuweilen auch schweren Wegen »heimzusuchen«,
zurück in unser Zuhause am Vaterherzen Gottes zu lieben (vgl. Psalm 89, 31-34).
Daraus ergibt sich die
abschließende Frage, wie Christen mit Schuldgefühlen und Empfindungen unbewältigter
Schuld konkret umgehen sollten, um sie zu bewältigen. Ein
Vierfaches ist vom Neuen Testament her auf diese Frage zu antworten:
1
Auf dem Hintergrund der voranstehend
entfalteten biblisch‑theologischen und psychologischen Einsichten ist es
von elementarer, ja lebensfördernder Bedeutung, sich zunächst klarzumachen, dass
Gott nie unsere Angst will, sondern unser Vertrauen möchte. Auch in
seelsorglicher Hinsicht wird es ungeheuer wichtig und tröstlich zugleich
sein, sich anhand seiner biblischen Zusagen immer neu zu vergegenwärtigen, dass
Gott im Ringen um die Bewältigung von Schuld und Schuldgefühlen nicht unser
Gegner, sondern unser Freund und Bundesgenosse ist: Jesus ist nicht unser
Staatsanwalt, er ist unser göttlicher Rechtsanwalt (Römer 8,35; Hebräer
7,25), der je neu als unser Fürsprecher bei Gott für uns interveniert, wenn
wir in Sünde geraten (1. Johannes 2,1)!
2
In betendem Aufblick zu
Gott gilt es sodann zu klären, ob vorhandenen Schuldgefühlen wirkliche
Sündenschuld oder nur eine Missachtung der Forderungen unseres Ich-Ideals
zugrunde liegt. Zum Beispiel wird
es in aller Regel keine Sünde sein, ein erfolgloses Studium abzubrechen.
Dennoch können sich nach einem solchen Entschluss bei demjenigen leicht
Schuldgefühle einstellen, der sich anklagt, durch diese Entscheidung die
Wunschträume seiner Eltern zunichte gemacht zu haben.
3
Besonders häufig leiden gerade sehr
gewissenhafte Christen unter der Erfahrung, dass sie irgendeine Sünde wieder
und wieder begehen und auch trotz wiederholten Sündenbekenntnisses nicht von
ihr loskommen: Da reibt sich vielleicht jemand immer neu an den
charakterlichen Ecken und Kanten seines Arbeitskollegen; er verliert die
Geduld und macht sich schuldig an ihm; er bekennt sich im Gebet zu seiner
Schuld, aber erfährt keine Veränderung seiner Situation. – In solch einem
Fall liegt die Annahme nahe, dass der Betreffende mit seinen Gebeten vor allem
auf eine Befreiung von seinen Gewissensbissen abzielt, aber die tiefere Ursache
der Konflikte und seines Schuldigwerdens noch gar nicht erkannt hat. Er wird
seine Schuldgefühle kaum überwinden, solange er nur an den leidigen Symptomen
herumkuriert, ohne den eigentlichen Erreger freizulegen, an dem er sich immer
neu infiziert. Dies gelingt oftmals nur durch ein offenes, klärendes Gespräch
mit dem betreffenden Arbeitskollegen und/oder einem Seelsorger.
4
Sobald ein Fehlverhalten klar erkannt, in
seiner Ursache und seinem sündhaften Charakter identifiziert ist, gibt es nur
einen Weg, die eingesehene belastende Schuld wie die mit ihr verbundenen
Schuldgefühle wirklich zu bewältigen: Das ehrliche Bekenntnis der Schuld vor
Gott im Gebet. »Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu
und gerecht, dass er uns unsere Sünden vergibt und uns reinigt von aller
Ungerechtigkeit« (1. Johannes 1,9). Ein solches Sündenbekenntnis dient -
wie wir gesehen haben - nicht der Abwendung etwaiger von Seiten Gottes
drohender Vergeltungsstrafen! Es ist vielmehr der dem Schuldiggewordenen vom
Evangelium gewiesene Weg, sich von seiner Sünde zu distanzieren, die Übereinstimmung
seines Lebens mit dem guten Willen Gottes wiederherzustellen und auf den von
diesem angezeigten Weg gelingenden Lebens zurückzukehren. Theologisch
genaugenommen geht es dabei auch nicht darum, dass Gott durch ein Sündenbekenntnis
zum Geschenk der Vergebung erst bewegt werden müsste, sondern um die
je neue Annahme und Inanspruchnahme der bereits ein für allemal geschehenen
Vergebung! (Beachten wir, dass die zuletzt zitierte biblische Zusage nicht
mit einem »weil« - griechisch: »hoti« -, sondern mit einem »[immer] wenn«
- griechisch: »ean« - eingeleitet wird!) Es gibt keine auf unserer Seite
und aus uns heraus in unserem Christenleben erst zu erbringende Voraussetzung für
Gottes Vergebung, - seine Vergebung ist vielmehr die Voraussetzung unseres
Christenlebens!
Jesu Liebe bejaht uns, wie
wir sind und vergibt uns, was wir noch nicht sind. Gerade dadurch lässt
sie uns nicht, wie wir sind, sondern verändert uns: so, dass wir auch von uns
aus immer mehr werden wollen, was wir von Gott her sein und werden
sollen. Eben darin zeigt und bewährt sich, dass Jesus ein Feind der Sünde,
aber ein Freund der Sünder - und: dass er wirklich der Heilbringer für
wirkliche Sünder ist.
H.-D.Becker
Dieser Artikel ist dem
empfehlenswerten Buch
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»Meint
Gott |
entnommen. Andreas Bürgin hat das
erste Kapitel dieses Buches gekürzt und bearbeitet.
Der Autor, Heinz-Dieter Becker, ist
Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Heidelberg und als theologischer
Wissenschaftsredakteur Schriftleiter der Theologischen Beiträge.
In seinem Buch behandelt er
aktuelle, brennende Fragen, wie:
• Wie komme ich mit einem Gott zurecht, den ich
nicht mehr verstehen kann?
• Wie kann ich glauben lernen, dass Gott ein guter
Vater ist, der mich wirklich liebt?
• Wie kann ich mich in meinen Lebensentscheidungen
von Gott führen lassen?
• Was tun, wenn meine Gebete ohne Antwort bleiben?
• Ehescheidung und Wiederheirat Geschiedener –
Was sagt die Bibel dazu?